Das Schicksal der sowjetischen Juden als Teil des Kalten Krieges

Wie Stalin die Juden in Osteuropa loswerden wollte; warum Breschnew sich weigerte wie Ceauşescu seine jüdischen Bürger zu verkaufen, und warum der Beruf des Traktorfahrers in den nördlichen Kibbuzim Israels so beliebt war. Ein Gespräch mit dem Historiker Dr. Nati Kantorovich (JR).

Drei, die zu unterschiedlichen Zeiten um das Schicksal der sowjetischen Juden stritten: Leonid Breschnew, Menachem Begin und Nikita Chruschtschow.© TASS / AFP

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Sie veröffentlichen öfters interessante Dokumente aus der Geschichte der sowjetisch-israelischen Beziehungen. Zum Beispiel einen Brief eines sowjetischen Diplomaten an das israelische Außenministerium mit der Bitte, der UdSSR-Botschaft einen Tannenbaum zur Feier des neuen Jahres zur Verfügung zu stellen. Warum wurde der Text auf Russisch verfasst?

Kantorovich: Damals war Französisch die offizielle Sprache des Schriftverkehrs. In Israel aber bevorzugten die sowjetischen Diplomaten die russische Sprache, denn sie wussten, dass sie auf jeder Ebene verstanden wurde.

Wie schätzten israelische Politiker die UdSSR ein, wenn man bedenkt, dass die Ideale des Sozialismus im jungen jüdischen Staat sehr populär waren?

Hier muss man mehrere Aspekte berücksichtigen. Es stimmt, fast alle Staatsmänner dieser Zeit stammten aus dem Russischen Reich. Der Arbeitsminister und zweite Gesandte Israels in der UdSSR, Mordechai Namir, verbrachte einige Zeit in einem sowjetischen Gefängnis, bis er Anfang der 1920er Jahre „wegen Zionismus“ ins Exil geschickt wurde. Die Sowjetunion war für Leute wie David Ben-Gurion ein strittiges Thema. In dem Aufstand von 1905 sah Ben-Gurion die höchste Verkörperung des Strebens des russischen Volkes nach Freiheit. Nach seinem Besuch in der UdSSR 1923 nannte er Lenin in seinem Tagebuch „einen Giganten des Denkens auf seinem Sterbebett“. Und dann, als Pragmatiker, erklärte Ben-Gurion diese Aufzeichnungen bis 1944 für geheim, als er begann, mit sowjetischen Diplomaten zu verhandeln. Er wollte die Unterstützung der UdSSR für die Entstehung eines zukünftigen jüdischen Staates gewinnen, und die Veröffentlichung der Tagebücher sollte seine Loyalität demonstrieren. Allerdings erlaubte sich Ben-Gurion in den 1930er Jahren objektive Aussagen über Stalin und die sowjetische Politik.

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