Mark Twain und die Juden

1899 veröffentlichte Mark Twain das kurze Essay „Concerning the Jews“. Der Protestant und weltberühmte Schriftsteller aus dem Mittleren Westen der USA äußert sich anerkennend wie kaum ein Zweiter über das jüdische Volk.

Von Dr. Nikoline Hansen

Es gehört zu den weniger bekannten Fakten über die publizistische Tätigkeit des Samuel Langhorne Clemens, dass er sich auch mit dem Thema Antisemitismus befasste. Unter seinem Künstlernamen Mark Twain ist er vor allem als Kinderbuchautor bekannt. Seine Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, die im Mittleren West der USA eine Reihe von Abenteuern erleben, haben Millionen von Kindern begeistert. Dabei hatte er ursprünglich eher Erwachsene im Blick gehabt.

Sein persönliches Anliegen, das ihn antrieb, war es, mittels humoristisch geschilderter Alltagsbeobachtungen gegen Irrationalität und den alltäglichen Rassismus anzuschreiben. Dazu führte er den Menschen gerne ihre Beschränktheit vor Augen. Und das tat der als Publizist äußerst erfolgreich tätige Clemens mit ungebrochenem Scharfsinn und spitzer Zunge. Am 30. November 1835 als sechstes Kind von Jane Lampton und John Marshall Clemens in der Stadt Florida (Missouri) geboren, wuchs er in einfachen Verhältnissen in Hannibal (ebenfalls Missouri) auf. 1842 waren die Eltern gezwungen, ihre einzige Sklavin zu verkaufen, 1847 starb sein Vater, und Samuel begann eine Ausbildung als Schriftsetzer bei der Zeitung „Missouri Courier“. Sein Bruder Orion kaufte das „Hannibal Journal“, in dem Samuel dann erste Artikel veröffentlichen konnte. Von 1852 an begann Samuel Clemens durch den Osten und den Mittleren Westen der USA zu reisen. Er schrieb Reiseberichte aus St. Louis, Philadelphia, New York City, und Washington D.C. Dabei verbrachte er viel Zeit in Bibliotheken, um seine Allgemeinbildung zu verbessern, da er wegen des frühen Todes des Vaters kaum Schulbildung erhalten hatte. 1855 zog er nach St. Louis und begann 1857 eine Ausbildung als Lotse auf einem Mississippi-Dampfer. 1859 erhielt er die Lizenz und war danach zwei Jahre in diesem Beruf tätig.

Das Pseudonym Mark Twain benutzte er das erste Mal am 3. Februar 1863. Es stammt aus seiner Lotsenzeit auf dem Mississippi-Dampfer, wo der Ruf „Mark Twain“ zwei Faden bedeutet, was einer Wassertiefe von etwa 3,60 Meter, die für die Raddampfer als sicher galt, entspricht.

 

Sklaven waren ein zentrales Thema in seinen Romanen

1865 wurde zum Wendepunkt in Twains Karriere: Er veröffentlichte „The Celebrated Jumping Frog of Calavaras County“. Die Geschichte erweckte große Aufmerksamkeit und Mark Twain wurde fortan zum erfolgreichen und vielgelesenen Schriftsteller. Hier zeichnet sich bereits das Muster für seinen Erfolg ab: Es geht um eine Wette, bei der ein gutgläubiger Mensch – der Besitzer des grandiosen Springfrosches – auf bösartige Weise von einem Fremden hintergangen wird. Als der stolze Froschbesitzer dies realisiert, ist es zu spät – der Mann, der ihn betrogen hat, ist verschwunden. Es ist eine Geschichte, die aus dem Leben gegriffen und zugleich eine Warnung ist. Dieses Motiv taucht in vielen Variationen immer wieder in seinen Romanen und Erzählungen auf. So auch in einer ausgesprochen sozialkritischen Variante in dem Roman „Puddn’head Wilson. Those Extraordinary Twins“, auf Deutsch unter dem Titel „Querkopf Wilson“ oder „Wilson, der Spinner“ erschienen. Es geht um zwei Jungen. Beide sehen weiß aus, der eine ist allerdings als Sohn einer Sklavin formal schwarz. Die Mutter des „schwarzen“ Jungen sorgt sich um seine Zukunft und vertauscht die beiden Kinder, die sich fortan ihrer Hautfarbe und Sozialisation entsprechend in völlig unterschiedliche Richtungen entwickeln. Wilson, dem das Buch seinen Titel verdankt, ist ein Jurist, der Fingerabdrücke sammelt – darunter waren auch die der beiden Jungen. Die Geschichte geht nicht gut aus. Der verhätschelte Sohn verwahrlost charakterlich und begeht am Ende sogar einen Mord, als seine Mutter versucht, ihn mit der Preisgabe seiner Herkunft zu erpressen. Nicht unerwartet blieb dieser 1894 veröffentlichte Roman ein Misserfolg – das Thema war seiner Zeit weit voraus und zeugt von der Weitsichtigkeit des Autors. Ein zentrales Anliegen des Romans war es nämlich auch, die 1892 von dem amerikanischen Naturforscher Francis Galton aufgestellte These, dass Fingerabdrücke Rasse und Klassenherkunft erkennen ließen, ad absurdum zu führen.

Nach wie vor ist die Menschheit für simple Thesen, die scheinbar logisch und schlüssig daherkommen, hochgradig anfällig. Die Vielzahl an Verschwörungstheorien, denen immer wieder auch durchaus gebildete Menschen anhängen, zeugt davon. Die Irrationalität, die hinter Vorurteilen steckt, von denen Antisemitismus eines der ältesten und am stärksten ausgeprägten ist, zeugt davon. Wenn man Mark Twains Einstellung gegenüber Juden betrachtet, so kann man zu dem Schluss kommen, dass er in seinen Schriften einem philosemitischen Leitbild folgte. Juden seien eine zu respektierende Rasse, weil sie verfolgt und unterdrückt wurden. Dies steht im Einklang mit seinem vehement geführten Kampf gegen die Dummheit und Barbarei rassistischer Vorurteile generell.

 

Christliche Feindseligkeit

1899 veröffentlichte Mark Twain den kurzen Essay „Concerning the Jews“ – inspiriert durch seine Zeit in Europa und besonders in Wien, wo antisemitische Vorurteile an der Tagesordnung waren. Juden wurden unproportional zu anderen Bevölkerungsteilen mit Stereotypen belegt und zu Sündenböcken gemacht – eine Beobachtung, die Mark Twain mit seiner typischen scharfen Zunge auf den Punkt bringt. Dabei geht es um Fakten – etwa die Tatsache, dass Juden mit einer Vielzahl von Verboten belegt waren, mit denen sie umgehen mussten, um erfolgreich bestehen zu können. England und Österreich dienen Mark Twain als Beispiel dafür, welchen Einschränkungen europäische Juden unterworfen waren: Viele Berufszweige waren ihnen verschlossen. Seine Schlussfolgerung: „Ich bin überzeugt, dass in Russland, Österreich und Deutschland 90 Prozent der Feindseligkeit gegenüber Juden aus der Unfähigkeit der Christen herrührt, mit Juden erfolgreich bei Geschäften zu konkurrieren“ – eine Analyse, die auch Götz Aly viele Jahre später im Rückblick auf diese Zeit bestätigt.

Dabei, so Twain, könnten sie als Sinnbild für gute Staatsbürger gelten: Sie würden niemandem zu Last fallen, sondern sich untereinander helfen. Und sie seien loyale Untertanen. Als Beispiel führt Twain „jenen hessischen Herzog“ an, der während der französischen Revolution fliehen musste und sein Geld Rothschild in Frankfurt anvertraute: „Dreißig Jahre später, als Europa wieder ruhig und sicher war, kam der Herzog aus Übersee zurück, und der Jude gab ihm das Darlehen mit Zinsen zurück“. Die diskriminierenden Gesetze, so Twain, seien notwendig, um die Christen vor dem Armenhaus zu retten, da sie in keinem Beruf in der Lage seien, im Wettbewerb mit den Juden erfolgreich zu bestehen. Aus diesem Grund, so seine Schlussfolgerung, sei der Hass auf die Juden nicht auf religiöse Motive zurückzuführen.

 

Namen aus Österreich und Preußen

Interessant ist auch Twains Schlussfolgerung bezüglich einer Statistik der Enzyklopädie Britannica, die für die USA damals 250.000 Juden in der Statistik führte. Gefühlt, so Twain, seien es deutlich mehr, was auch an den „wundervollen und unausweichlichen“ Namen, die sie in Preußen und Österreich annehmen mussten, zu sehen sei – im Übrigen ein weiteres Symptom der „groben und grausamen“ Verfolgung der Juden, die für diese Namen entsprechende Gebühren hatten zahlen müssen. Seine Schlussfolgerung: „Es könnte möglicherweise der Wahrheit entsprechen, dass viele Juden es vorzogen sich in Amerika nicht als Juden registrieren zu lassen, um sich gegen die schädlichen Vorurteile der christlichen Kunden zur Wehr zu setzen.“ Als Gegenmaßnahme empfiehlt Twain allen Juden, sich als solche zu erkennen zu geben und sich in der Politik einzumischen.

Die Schlussfolgerungen, die Twain in seinem Essay macht, sind in der Grafik wiedergegeben, die diesen Beitrag illustriert.

 

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