Deutschland und seine jüdischen Soldaten - Die Feldrabbiner

Feldrabbiner David Alexander Winter in Russland mit dem evangelischen Divisionspfarrer Johannes G. Kawerau (li.) u. dem katholischen Feldgeistlichen Dr. Schürmann (re.)
„Wie liebt doch der Jude das Land, in dem er geboren ist!“, schrieb ein Feldrabbiner im Ersten Weltkrieg. In autobiografischen Schriften haben jüdische Militärseelsorger ihre Erfahrungen festgehalten. Dabei wird deutlich, wie sehr ihre Sprache von innerer Vorsicht geprägt war: Sie sprechen vom Land, in dem sie geboren wurden – aber sie wagen es nicht, von ihrem eigenen Land zu sprechen, für das sie zu sterben bereit waren. Rund 85.000 jüdische Männer kämpften für Deutschland. 12.000 von ihnen verloren ihr Leben – für ein Vaterland, das ihnen nicht wirklich als solches zugestanden wurde. Der grassierenden Ausgrenzung und dem wachsenden Judenhass begegneten sie mit übergroßem Patriotismus. Der Krieg wurde für viele zum Schlüsselerlebnis. Er zwang sie zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbild und mit der bitteren Erkenntnis, dass die vermeintliche Zugehörigkeit zur deutschen Nation eine Illusion war. Eine Chimäre, die bis heute nachwirkt. (JR)
Eine Besonderheit war die jüdische Militärseelsorge, die in der deutschen Heeresorganisation weder im Kriege noch im Frieden vorgesehen war – ein Aspekt, der historiografisch noch unterbelichtet ist. Der 1866 von der preußischen Regierung eingenommene Standpunkt, dass bei der „verhältnismäßig geringen Zahl“ und der Verteilung der jüdischen Soldaten in der ganzen Armee die Einstellung eines Feldgeistlichen „weder möglich noch nötig“ sei, blieb im Prinzip auch in der Folgezeit beibehalten.
Forderung nach jüdischer Seelsorge im Militär
Im Kriege von 1870/71 suchte erstmals ein Student des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau, Isaak Blumenstein, der 1903 als Rabbiner in Luxemburg ordiniert wurde, um die Erlaubnis zur Ausübung der Seelsorge für die jüdischen Feldsoldaten nach. Diesem Gesuch wurde stattgegeben, worauf sich drei weitere Rabbinatskandidaten zur Militärseelsorge meldeten.
Als Reaktion auf offensichtliche Benachteiligungen jüdischer Einjähriger wurden im Jahre 1913 im Reichstag mit großer Mehrheit Beschlüsse gefasst, die diese Zurücksetzungen missbilligten. Fortan sollte, wie es der SPD-Politiker und Reichstagsabgeordnete Eduard Bernstein immer gefordert hatte, bei der Besetzung militärischer Stellen allein die persönliche Tüchtigkeit entscheiden. Der Reichskanzler solle dafür Sorge tragen, forderte Bernstein, dass kein Angehöriger des Heeres wegen seiner religiösen Überzeugung irgendwelche Zurücksetzung erfahren sollte. Doch Papier war geduldig, denn Recht und Gesetz wurden weiterhin und fortwährend gebeugt.
Am Vorabend des Ersten Weltkriegs erließen maßgebende jüdische Organisationen wie der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ einen Aufruf an das deutsche Judentum, in dieser „schicksalhaften Stunde […] seine Söhne unter die Fahnen“ zu schicken.
Jüdische Patrioten für das Vaterland
Es sei selbstverständlich, dass jeder deutsche Jude zu den „Opfern an Gut und Blut“ bereit sei, die die „Pflicht erheischt“. Die jüdischen Glaubensgenossen wurden aufgerufen, „über das Maß der Pflicht hinaus“ ihre Kräfte dem Vaterland zu widmen und freiwillig zu den Fahnen zu eilen. Oder es hieß in religiöser Konnotation: „Wir rufen Euch auf, im Sinne des alten jüdischen Pflichtgebots mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen Euch dem Dienst des Vaterlandes hinzugeben“.
In den Augusttagen des Jahres 1914 vernahm man auch von jüdischer Seite national(istisch)e Töne. Derartige Äußerungen wurden in den lokalen und überregionalen Presseorganen, in Kommentaren und Leserbriefen, mit Begeisterung registriert. Zitiert wurde auch Leo Baeck, ein Rabbiner und aufsteigender Stern am Himmel des deutschen Judentums, der bislang als überzeugter Pazifist und Gegner des Militärs galt. Er hatte Anfang August 1914 in der liberalen Synagoge in Berlin-Charlottenburg in einer viel beachteten Predigt erklärt, dass „die schweren Tage uns alle haben empfinden lassen, wie das Leben des Vaterlandes unser Leben ist und wie das Gewissen des Volkes in dem unseren widerklingt“. Zugleich kündigte er an, er werde als Feldrabbiner seinen Dienst leisten.
Dem ersten Aufruf des „Verbandes der Deutschen Juden“ am 4. August 1914, als Feldseelsorger zu wirken, waren noch im gleichen Monat 81 Rabbiner gefolgt - mehr als benötigt wurden. Die Ausstattung der Feldrabbiner entsprach der Uniform der christlichen Militärseelsorger, anstelle des Kreuzes trugen sie als religiöses Zeichen den Davidstern an der Mütze und der Halskette, ähnlich wie die christlichen Militärseelsorger trugen sie eine Offiziersuniform ohne Dienstgradabzeichen.
Für die Uniform mussten sie anfangs selbst aufkommen, und das führte bei dem einen oder anderen zur Kritik. „Meine Montur, nach der Sie fragen“, schrieb Leo Baeck dem Ausschuss des Verbandes der deutschen Juden im Februar 1915, „hat sich, was den Stoff anlangt, wie ich glaube, gut bewährt.“ Um dann zu bemängeln: „Ein Mangel liegt nur darin, dass seiner Zeit keine genügende Anprobe stattfand und daher manche Stücke ihre Engen und Weiten haben“.
Nicht viel anders erging es Feldrabbiner Bruno Italiener, der seit 1907 zwanzig Jahre lang Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde Darmstadt war und sich in Berlin beschwerte: „Leider muss ich Ihnen […] mitteilen, dass der von dem Schneider für die Reithose gewählte Stoff miserabel ist; er war nach 6 Wochen durchgeschabt, und dabei habe ich noch auf keinem Gaul gesessen!“
In den Synagogen beteten Juden für Deutschlands Sieg
Auch in den Synagogen wurde für den „Sieg der deutschen Waffen“ gebetet. Gebete, die in ihrem patriotischen Überschwang die Stimmung jener Tage widerspiegelten. „Mögen Einzelne, mögen Tausende fallen, Deutschland wird leben, Deutschland muss leben! Amen!“ Mit diesen Worten endet der Abschnitt der 1918 veröffentlichten Schrift „Jüdische Seelsorge an der Westfront“ von Feldrabbiner Dr. Martin Salomonski.
Die Tätigkeit der Feldrabbiner erstreckte sich auf die Veranstaltung von G‘‘ttesdiensten, für Kriegsgefangene, den Besuch von Lazaretten und Sanitätsformationen, die Mitwirkung bei Beerdigungen, Verteilung von religiöser Lektüre und Liebesgaben aus der Heimat, wozu an der Ostfront auf Wunsch oder mit Genehmigung der Armee-Oberkommandos die Mitwirkung bei Hilfsaktionen für die jüdische Zivilbevölkerung im Kriegsgebiet kam.
Feldrabbiner Bruno Italiener erlebte die Hohen Feiertage im September 1914 in einer Brüsseler Synagoge. Darin erinnerte er sich so: „Während der Predigt des Rabbiners […] herrschte tiefe Andacht, aber der ergreifendste Augenblick war, als nach dem offiziellen Gebet für den König die Orgel leise die Nationalhymne der Belgier zu spielen begann. Sehr viele weinten. Ich mußte unwillkürlich denken: „Wie liebt doch der Jude das Land, indem er geboren ist! Tiefer kann in keinem Gotteshaus Belgiens der Schmerz für das unglückliche Land empfunden werden“.
Einige dieser Feldrabbiner haben ihre Erlebnisse und Erfahrungen als Militärseelsorger in autobiographischen Schriften niedergelegt. Sali Levi (Jüdisches Feldgebetbuch, 1918), Martin Salomonski („Ein Jahr an der Somme“, 1917), Aron Tänzer („Brest-Litowsk, ein Wahrzeichen russischer Kultur“, 1917) und Leo Baeck („Einblicke in die jüdische Feldseelsorge“). Die Arbeit der Felsrabbiner genoss hohes Ansehen im deutschen Judentum, waren sie doch eine Stütze im Kampf gegen einen sich im Militär immer weiter ausbreitendenAntisemitismus wie er sich in der berüchtigten „Judenzählung“ ab 1916 manifestierte.
Eine der ersten Aufgaben der ab September 1914 eingerückten Rabbiner galt der Vorbereitung der Hohen Feiertage im Feld. Von Rabbi Salomonski liegt eine eindrucksvolle Schilderung über Rosh haShana des Jahres 1914 vor, wenn er schreibt: „Als die erste Andacht am Vorabend des Neujahrsfestes um sieben Uhr abends begann, da erhob sich die ganze Versammlung, die dicht gedrängt, Kopf an Kopf das Haus füllte, und jede Seele gab sich der bezwingenden Macht der Stunde hin. 1.600 deutsche Soldaten, fern der Heimat, getrennt von Weib und Kindern, von Vater und Mutter, vereint zur Anbetung Gottes. Unsere Feste entbehrten wahrlich auch in besseren Zeiten nicht der Weihe und Würde, aber so bedeutsam und innerlich befreiend konnten wir sie erst in diesem großen Kriege erleben.“
Die deutsche Militärführung legte großen Wert darauf, die religiösen Pflichten der im Feld stehenden deutsch-jüdischen Soldaten zu gewährleisten. Zu den Hohen Feiertagen kam ein Armeebefehl heraus, dass es den Soldaten möglich sein müsse, einen G‘‘ttesdienst zu besuchen. Wo es keine Synagoge gab, fand der G‘‘ttesdienst in einer katholischen Kirche statt. Nach Fastenende gab es Essen aus den dafür herbeigeschafften Feldküchen. Viele Soldaten schrieben nach Hause, dass sie niemals zuvor einen so ergreifenden G‘‘ttesdienst erlebt hätten. Feldrabbiner Dr. Heymann Chone beschreibt seinen ersten Versöhnungstag im Krieg in einem lothringischen Ort so: „Kol Nidre einsam im Bauernstübchen. Doch nicht allein. Bald füllte sich der Raum mit weißen Gestalten, Schatten, Traumbildern aus der Vergangenheit und Gegenwart. […] Wie die Tränen flossen, als aus der Tiefe des Herzens die Worte emporstiegen: Ja´ale tachanunenu meerew, („Mögen unsere Gebete aufsteigen …“), und wie sie alle, die stillen Beter, am Schluss mitsangen: ,Du, meine Zuflucht, mein Panier, mein Kelch, mein Teil, ruf ich zu dir. In deine Hand ich stets befehle, schlaf ich und wach ich, meine Seele. Und meinen Leib vertrau ich dir. Ich bange nicht, Gott ist mit mir‘!“
Ab August 1915 erhielten die Feldrabbiner eine monatliche Aufwandsentschädigung, jedoch nur aus „Billigkeitsrücksichten“, weil das preußische Kriegsministerium an dem Standpunkt festhielt, dass ihnen ein Rechtsanspruch auf Gewährung von Vergütung für ihre Tätigkeit nicht zustehe.
Gottesdienste im Feld und Opferbereitschaft
Es war Hurra-Patriotismus oder gar mehr, wenn es bei Feldrabbiner Salomonski am Schluss seiner Schrift „Jüdische Seelsorge an der Westfront“ heißt: „Wir müssen siegen in einem höheren Sinne, weil mit unseren Bataillonen marschieren der Glaube und das Recht. Und die sind unbesiegbar.“ Leo Baeck hingegen war jedwede nationalistische Attitüde abhandengekommen. So beharrte er darauf, dass das „Kaisergebet“ nicht ins Feldgebetbuch gehöre, da es ein Andachtsbuch für den Soldaten, aber nicht eine „Liturgie für den Rabbiner“ sei. Die Neigung, die bei den G‘‘ttesdiensten hervortrete, von dem „Kaisergebete einen etwas extensiven Gebrauch“ zu machen, kritisierte er, verdiene „keine Nachahmung“, schon wegen des ungünstigen Eindrucks einer „markierten Absichtlichkeit.“
Ebenso differenziert sah er den Gebrauch der Nationalhymne, die seiner Meinung nach schon deswegen nicht in das Feldgebetbuch hingehöre, weil jeder Soldat sie auswendig kenne. Und eine aus dem Buch abgelesene Hymne sei keine Nationalhymne mehr: „Auch bei ihr ist übrigens vor allzu ausgedehntem Gebrauche zu waren; sie soll etwas Festtägliches haben.“ Rabbiner Leo Baeck berichtete regelmäßig über seine Kriegserfahrungen. Seine Gedanken richteten den Blick auf das Kriegsende und die Hoffnung auf Frieden: „[…] wir denken des Tages, den Gott uns schenken möge, an dem wir nach Opfern und Pflicht wieder drinnen im Vaterlandes sein werden, um in Jahren des Friedens zu wirken und zu schaffen.“
Die Forschung berichtet über 30 Feldrabbiner, und seit der Studie „Feldrabbiner in den deutschen Streitkräften des Ersten Weltkrieges“ (Verlag Hentrich & Hentrich, 2013) sind nun die Lebensläufe von insgesamt 45 jüdischen Feldgeistlichen bekannt. Diese Untersuchung legt eine umfassende Dokumentation über die jüdische Militärseelsorge vor, die ergiebig aus den Quellen des Bestands „Gesamtarchiv der deutschen Juden“ im Berliner Centrum Judaicum schöpft.

Das Aktenkonvolut, das sich auf das Feldrabbinat bezieht, ist nicht nur ein archivalisches Kleinod; die Ausgabe, zugleich ein Gedenkbuch, zeigt Rabbiner, die ihr Leben als Seelsorger eingesetzt haben, für ihr Land und die deutsch-jüdischen Soldaten.
Über seine Arbeit schrieb der Frankfurter Rabbiner Georg Salzberger nach dem Krieg: „Trotz der späteren bitteren Erfahrungen möchte ich die vier Jahre als Feldrabbiner nicht missen. Sie haben mich nicht nur freier und sicherer, sie haben mich stolz gemacht auf meine jüdischen Kameraden, die aus dem Kriege noch jüdischer hervorgegangen sind, als sie bis dahin waren.“
Die aus dem Krieg 1918 heimgekehrten deutsch-jüdischen Soldaten konnten sich nach 1933 keineswegs des Danks des Vaterlandes gewiss sein. Sie wurden zwar mit Scheinprivilegien ausgestattet und erhielten sogar noch bis 1935 „im Namen des Führers und Reichskanzlers“ das Ehrenkreuz für Frontkämpfer.
Am sogenannten Boykotttag des 1. April 1933 zeigte sich Richard Stern freundlich lächelnd in der Eingangstür seines Ladens in Köln, während ein SA-Braunhemd Kunden den Eingang versperrte. Stern hatte das ihm „wegen Tapferkeit vor dem Feind“ im Ersten Weltkrieg verliehene Eiserne Kreuz angelegt und zitierte Hitler mit den Worten: „Wer im Dritten Reich einen Frontsoldaten beleidigt, wird mit Zuchthaus bestraft!“ Das war seine zivile Tapferkeit vor einem Feind, gegen den er ein deutliches Zeichen setzte und auf das Unrecht hinwies, das sich, für jeden erkennbar, vor aller Augen abspielte.
Nach den Nürnberger Rassegesetzen 1935 schlossen die Nazis im Sinne ihrer kruden Rassenarithmetik die Juden wegen Wehrunwürdigkeit aus der Reichswehr aus, auch Kriegsteilnehmer und jene, die im Ersten Weltkrieg militärische Anerkennungen erhalten hatten. Diese Haltung führt Michael Berger, Historiker der deutsch-jüdischen Militärgeschichte und Bundeswehr-Offizier, zu dem Schluss: „Am Beispiel der Reichswehr lässt sich der Beweis führen, dass eine Armee ohne Wehrpflicht in Gefahr läuft, sich von den demokratischen Prinzipien des Staates zu entfernen.“ („Eisernes Kreuz und Davidstern“, 2006)
Jüdische Frontkämpfer in den Vernichtungslagern der Nazis
Im März 1934 hatte der Hauptmann der Reserve und Vorsitzende des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten, Dr. Leo Löwenstein, einen letzten verzweifelten Versuch unternommen, die Entlassung der (wenigen) jüdischen Soldaten aus der Reichswehr abzuwenden. Auch sein Appell an den Reichspräsidenten von Hindenburg blieb erfolglos. Das Wehrgesetz vom März 1935, mit dem die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt wurde, schränkte in Paragraf 15 ein: „Arische Abstammung ist eine Voraussetzung für den aktiven Wehrdienst.“ Ein Jahr später hieß es im Wehrgesetz klipp und klar: „Ein Jude kann nicht aktiven Wehrdienst leisten.“
1935 erschien mit einem Frontispiz von Max Liebermann die Edition „Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden“. Der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ hatte diese Briefsammlung seinerzeit edieren lassen und beabsichtigt, ein Exemplar Reichpräsident Hindenburg zu übereignen, so wie es drei Jahre zuvor mit der Dokumentation „Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres“ geschehen war. Damals hatte Hindenburg, der im August 1934 gestorben war, dieses Gedenkbuch mit Dank und der Bemerkung entgegengenommen, das Buch seiner Kriegsbücherei „einzuverleiben“. Die Kriegsbriefe repräsentieren eine Generation jüdischer Deutscher - in ihrer Haltung, Gesinnung und Vaterlandsliebe ganz Kinder ihrer Zeit -, die manchmal etwas zu pathetisch, eingenommen vom Stolz und kriegerischem Temperament des Nationalstaates, befeuert von einem Patriotismus, der nur aus dem Zeitgeist heraus zu verstehen ist.
Unter den deutsch-jüdischen Briefschreibern befand sich auch der zur großen literarischen Hoffnung Anlass gebende Schriftsteller Walter Heymann. In seinem letzten Feldpostbrief schrieb er am 5. Januar 1915, vier Tage bevor er fiel, im Schützengraben bei Soissons: „Mein Leben wäre ganz Anfang, wenn's bald enden sollte. Wie es auch komme, mir ist Frieden in der Seele. … Sterben - schad um zehn ungeschriebene Bücher….“ Aus seinem Nachlass konnten fünf abgeschlossene Bücher veröffentlicht werden. Zu Unrecht ist dieser Dichter heute vergessen.
Dass Juden gegen den Nationalsozialismus keinen Widerstand geleistet hätten, ist eine der vielen Legenden, behauptet bis in die Gegenwart hinein. Dabei gab es eine dezidiert jüdische Berliner Widerstandsgruppe um Herbert Baum, die von der DDR nie als jüdische, sondern nur als sozialistischer Widerstand anerkannt wurde und deren Mitgliedern keine Wiedergutmachung als jüdischen Opfern zugebilligt wurde.
Rainer L. Hoffmann setzt der Herbert-Baum-Gruppe ein spätes Denkmal: Juden leisteten im Jahrhundert des Totalitarismus an allen möglichen Fronten tapfer Widerstand, um Freiheit und Demokratie zu verteidigen – in Deutschland ebenso wie in Spanien, der Sowjetunion, in Warschau, in den Armeen der Alliierten bei der Befreiung Europas von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Die Privilegien ehemaliger Frontkämpfer erwiesen sich allenfalls als Aufschub vor der Deportation in ein Vernichtungslager. In Auschwitz wurden schließlich alle deutschen Juden ihren militärischen Verdiensten zum Trotz unterschiedslos vereinigt und 120 Jahre Emanzipationsgeschichte wurden endgültig zu Grabe getragen.
Das Scheitern der Emanzipation
Wir Zeitgenossen des Jahres 2025 sollten die „bellizistische“ Haltung der deutschen Juden nicht leichtfertig verurteilen. Sie schwammen in der Begeisterung, die das Land insgesamt erfasst hatte. Sie mögen sich nationalistischer, sogar überschwänglicher geriert haben als manche Teile der Bevölkerung, knüpften sie doch ihre Partizipation am Kriegsgeschehen an die Erwartung, nunmehr endlich die volle Emanzipation in der Gesellschaft erreichen zu können. War ihre rechtliche Gleichstellung auch in der Reichsverfassung von 1871 verankert worden, mangelte es dennoch immer noch an der sozialen Emanzipation, wonach jeder deutsche Bürger unabhängig seiner Herkunft oder Religion beurteilt werden sollte.
In der Bismarck-Zeit konnte kein ungetaufter Jude Minister werden. Es brauchte die den Weltkrieg beendende November-Revolution des Jahres 1918, um jeden unabhängig seiner Herkunft und allein nach seiner Leistung zu beurteilen. Die deutsch-jüdischen Soldaten waren im Sommer 1914 freiwillig in die Kasernen geströmt. Und sie scheuten auch nicht davor zurück, „süß und ehrenvoll“ fürs Vaterland zu sterben – wie es in den Oden des römischen Dichters Horaz heißt: „Dulce et decorum est pro patria mori.“ Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, hat seinen Debüt-Roman nach dem Horaz’schen Sprichwort benannt.
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