„Wir küssen uns durch die Briefe hindurch“

Der Münchener Zeithistoriker Carlos Haas untersucht in seinem Buch, wieviel Privatheit es in den 1.200 Ghettos Osteuropas gab, wie die verfolgten und drangsalierten Juden es schafften sich in den beengten Wohnverhältnissen einen Rest an Würde zu bewahren.

Von Theodor Joseph

Das lateinische Substantiv „privatum“ bezeichnet im Deutschen „das Eigene“. Das dazugehörende Verb „privare“ bedeutet im Deutschen: „befreien“, aber auch – „berauben“. Der Wortbedeutung nach ist das private Leben demnach dem Leben in der Öffentlichkeit und für die Öffentlichkeit beraubt. Das Individuum habe das Private der (politischen) Öffentlichkeit entrissen, eben geraubt, meint Carlos Alberto Haas, in München lehrender Zeithistoriker in seiner Untersuchung über das Private im Ghetto, und müsse es deshalb vor den Ansprüchen der Öffentlichkeit schützen und verteidigen. In den Zwangsgemeinschaften der Ghettos, die die Deutschen gleich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges eingerichtet hatten, entwickelten Juden Strategien, um bestimmte Bereiche vor dem Zugriff der Besatzer zu schützen – ihre Privatheit.

Mit dem Überfall auf Polen errichteten die Deutschen in Osteuropa ab September 1939 etwa 1.200 Ghettos. Haas hat für sein Dissertationsprojekt in Ghetto-Archiven von Washington und New York über Jerusalem und dem Ghetto-Kämpfer-Archiv im Kibbuz Beith Lohamei Ha-Getaot bis Warschau verstreut lagernde Tagebücher und Briefe von Ghettobewohnern in Warschau, Łόdź, die beiden Großghettos, und zwei kleineren Ghettos in Tomaschow und Petrikau auf der Suche nach der Privatheit der im Ghetto Lebenden ans Licht gebracht und herangezogen, eine Materialwucht, die ihrer Fülle und Vielgestaltigkeit wegen bestechen und den Leser nicht unberührt lassen. Allein das Jüdische Historische Institut in Warschau beherbergt über 7.000 Berichte und Aussagen von Überlebenden des Holocaust – Quellen, die den Ghettoalltag dokumentieren.

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