Dem Vergessen entrissen

Der jüdische Theaterkritiker Hermann Sinsheimer war Nachfolger von Alfred Kerr und Entdecker von Bertolt Brecht. Vor 70 Jahren starb er.

Von Dr. Joseph Heid

 

Hermann Sinsheimer (1883-1950) gehört ganz zweifellos zu den herausragenden Literatur- und Theaterkritikern, die in Deutschland ihre Stimme wirkungsmächtig erhoben haben. Er steht in einer Reihe anderer bedeutender deutschsprachiger Kritiker, an denen es in Deutschland (und Österreich) nicht gemangelt hat – Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Walter Benjamin, Alfred Polgar, Egon Friedell, Herbert Ihring und all die anderen.

 

Nur im Nebenberuf Rechtsanwalt, im Hauptberuf Theaterkritiker

Zur Theaterkritik war Sinsheimer eher zufällig gekommen, sein Berufsweg sollte ihn in die Juristerei führen, doch sein Interesse für die Theaterkunst und Literatur gewann bei ihm die Oberhand. Ibsen, Hauptmann, Sudermann schlugen ihn in den Bann, und er begann mit seinen Berichterstattungen über Theater in allen möglichen Zeitungen. Als Theaterkritiker avancierte er recht bald zur „Hauptkraft“ in den sich breit einrichtenden Feuilletons. In einem Brief an den „Neuen Verein“ in München erklärte Sinsheimer 1912, er sei nur im Nebenberuf Rechtsanwalt, im Hauptberuf Theaterkritiker der „Neuen Badischen Landeszeitung“. Den Rechtsanwaltsberuf gab er fortan auf, und sein Ruf ging recht bald über die heimische Region hinaus.

Sinsheimer schrieb über jüdische Themen, die er in allgemeinen wie jüdischen Blättern in Deutschland veröffentlichte. Er zeigt sich als ein geschulter Feuilletonist, der den hohen Ansprüchen der bedeutendsten Blätter genügt, für die er bis 1933 tätig gewesen war. Seine Bedeutung wird deutlich durch die Tatsache, dass er im Februar 1933 Nachfolger von Alfred Kerr – der am 14. Februar 1933 aus Deutschland geflohen war – erster Theaterkritiker beim „Berliner Tageblatt“ wurde. Dies war allerdings nur ein kurzes „Gastspiel“, denn nach dem sog. „Schriftleitergesetz“ war sein Name am 6. Mai 1933 wieder aus dem Impressum gestrichen. Sinsheimer wurde fortan regelmäßiger Mitarbeiter der von den Nationalsozialisten (noch) nicht verbotenen zionistisch-orientierten „Jüdischen Rundschau“, die beste jüdische Zeitung, die Sinsheimer nach eigenem Bekunden je zu Gesicht gekommen war. In Deutschland konnte er finanziell nicht länger überleben – er musste das Land schweren Herzens verlassen.

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