Rahel Hirsch: Deutschlands erste Medizinprofessorin war eine Jüdin

Zum 150. Geburtstag der in Frankfurt geborenen Medizinerin.

Rahel Hirsch um 1914© WIKIPEDIA

Von Dr. Nikoline Hansen

Wenn man auf dem weitläufigen Gelände der Charité Mitte in der Nähe des Hauptbahnhofs spazieren geht, stößt man irgendwann unweigerlich auf eine Bronzeskulptur, die aus dem Rahmen fällt. Es handelt sich um ein Denkmal zu Ehren der ersten Medizinprofessorin in Deutschland, Fräulein Professor Rahel Hirsch.

Wer war diese Rahel Hirsch? Rahel Hirsch wurde am 15. September 1870 in Frankfurt am Main als sechstes von elf Kindern des Mendel Hirsch und seiner Frau Doris, geborene Ballin, geboren. Ihr Vater, der in Oldenburg geboren wurde, hatte in Bonn und Berlin Geschichte, Philosophie und Literatur studiert und lehrte schließlich an der von seinem Vater gegründeten Realschule und Höheren Töchterschule der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Frankfurt, da er sich selbst nicht zum Rabbiner berufen fühlte, obwohl er 1859 die Smicha, das Rabbinerdiplom, erworben hatte. Rahels Großvater, Samson Raphael Hirsch, war Begründer der Neo-Orthodoxie und ein berühmter Rabbiner der Frankfurter Austrittsgemeinde. Er schuf den Begriff „Torah im Derech Erez“, was bedeutete, einerseits ein strenges orthodoxes Leben zu führen, gleichzeitig aber die Gepflogenheiten der nichtjüdischen Umwelt zu leben.

Diese Umstände zeigen, dass Rahel Hirsch in ein liberales, aber dennoch den jüdischen Traditionen verpflichtetes Elternhaus hineingeboren wurde. Sie besuchte die Höhere Töchterschule, deren Direktor ihr Vater zu diesem Zeitpunkt war, ging nach Wiesbaden auf das Lehrerinnenseminar – einer der wenigen Berufe, die Frauen damals erlernen konnten – und wurde schließlich in Frankfurt an der von ihrem Vater geführten Schule Lehrerin. Der Lehrerberuf reichte ihr jedoch nicht aus, ihr dringender Wunsch war es, Medizin zu studieren, was für Frauen in Deutschland zu dieser Zeit noch nicht möglich war; dennoch unterstützte ihr Vater diesen Wunsch. Ihre beiden Brüder waren bereits Zahnmediziner. Um sich auf das Medizinstudium vorbereiten zu können, musste Rahel Hirsch sich im Privatunterricht auf das Maturitätsexamen vorbereiten, 1898 wurde sie für das Medizinstudium in Zürich immatrikuliert. Sie studierte weiter in Straßburg und Leipzig und legte am 4. Juli 1903 ihr Staatsexamen ab. Kurz darauf erfolgte die Promotion mit dem Titel „Ein Beitrag zur Lehre von Glykose“.

 

Ein Förderer aus Böhmen

Nach ihrem Abschluss strebte Rahel Hirsch ihr nächstes Ziel an: Eine Stelle als Assistenzärztin an der Berliner Charité, denn ihr Interesse galt neben der praktischen Tätigkeit als Ärztin gerade der medizinischen Forschung. Die Charité, auf königliche Kabinettsorder 1726 als Pesthaus und Lehrstätte für Medizinstudenten errichtet, war die erste Einrichtung in Preußen, die der medizinischen Wissenschaft diente und war neben den entsprechenden Einrichtungen in Paris und Wien bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einer führenden Institution geworden, in der berühmte Mediziner wie Robert Koch, Emil von Behring, Paul Ehrlich und Rudolf Virchow tätig waren. Sie hatte Glück: An der II. Medizinischen Klink war am 21. Juni 1902 der aus Böhmen stammende Professor Friedrich Kraus zum Direktor berufen worden; er stellte 1903 Theodor Brugsch und Rahel Hirsch als seine Assistenzärzte ein. So konnte sie im Anschluss an das Studium ihre wissenschaftliche Tätigkeit weiter fortsetzen.

Einer der wichtigsten Beiträge, die sie in der Medizin leistete, erfuhr allerdings zum Zeitpunkt der Entdeckung eine so vehemente Ablehnung, dass ihr nahegelegt wurde, sich nicht weiter mit diesem Phänomen zu befassen, falls sie weiter in der Forschung bleiben wollte. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen wurden zu ihren Lebzeiten ignoriert und bei einem Vortrag am 7. November 1907 von ihren Kollegen sogar lächerlich gemacht. Nun kann man aus der Biografie Rahel Hirschs, so lückenhaft sie sein mag, doch schließen, dass sie eine Frau war, die wusste was sie wollte und die entsprechende Durchsetzungsfähigkeit mitbrachte. In diesem Punkt blieb ihr aber wohl nichts anderes übrig als einzuknicken: Sie setzte ihre Arbeit zu den Stoffwechselprozessen und -erkrankungen nicht weiter fort und konzentrierte sich auf andere Schwerpunkte.

 

Leiterin einer Poliklinik

1908 wurde ihr die Leitung der Poliklinik übertragen. Am 5. November 1913 erhielt sie „in Rücksicht auf ihre anerkennenswerten wissenschaftlichen Leistungen“ als erste Ärztin in Preußen und dritte Frau in Deutschland die Auszeichnung Professor – allerdings ein reiner Ehrentitel, der weder mit Lehrverpflichtungen, noch dem entsprechenden Gehalt einher ging. Auch für die Leitung der Poliklinik erhielt sie kein entsprechendes Gehalt – ein weiterer Hinweis darauf, dass Frauen zwar gleichwertige Arbeit verrichten durften, es aber nicht als notwendig erachtet wurde, diese auch angemessen zu bezahlen. In dieser Zeit entstanden auch zwei Publikationen, in denen sie sich mit der „Körperkultur der Frau“ sowie „Unfall und innere Medizin“ befasste. Ihre Arbeit an der Charité umfasste auch Gutachtertätigkeit für die Rentenversicherung, wenn es etwa um Ansprüche wegen Erwerbsminderung ging. Gleichzeitig setzte sie sich, die unverheiratet blieb, für die Förderung der Gesundheit der Frauen ein, die durch das Weiblichkeitsideal im 19. Jahrhundert gefährdet war.

Noch einmal musste sie dann als Frau eine extreme Diskriminierungserfahrung machen: 1919, nach Ende des Ersten Weltkriegs, bekam ihr Kollege, ein verdienter Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs, die Leitung der Poliklinik übertragen. Rahel Hirsch zog die Konsequenz: sie eröffnete eine Privatpraxis, die sie von 1919 bis 1938 führte und die sich von 1926-1931 auf dem Kurfürstendamm 220 befand. Wieder entschied sie sich für ein neues Fachgebiet: 1920 erschien ihr „Therapeutisches Taschenbuch der Elektro- und Strahlentherapie. Dabei stand nicht die Diagnose, sondern die Heilung mit Hilfe der neuen Strahlen – also Lichttherapie und Kurzwellenbestrahlung – im Vordergrund ihres Interesses. Zu ihrem Patientenkreis zählte nach wie vor auch die sozial schwache Klientel, die sie aus ihrer Zeit bei der Charité kannte.

 

Ein guter Freund machte ihr den Ernst der Lage klar

Im April 1933 war den „nichtarischen“ Ärzten bereits die Kassenzulassung entzogen worden. Diesen Einschnitt dürfte Rahel Hirsch, da sie eine Privatpraxis führte, nicht so stark empfunden haben wie manche ihrer Kollegen. Sie blieb auch angesichts der wachsenden Diskriminierung gegenüber den deutschen Juden zuversichtlich – die folgenden Ereignisse konnte sie sich, die einer lange in Deutschland ansässigen Rabbinerfamilie entstammte, sicher nicht vorstellen. Am 30. September 1938 wurde ihr die Approbation entzogen – sie hielt das noch immer für eine vorübergehende Schikane und weigerte sich, das Türschild mit Doktor- und Professorentitel zu entfernen. Schlagartig war sie äußerst bedroht, und nur einem guten Freund mit Gestapo-Kontakten hatte sie es zu verdanken, dass ihr im letzten Augenblick mit entsprechender Hilfe die Flucht aus Deutschland gelang. Am 7. Oktober 1938 traf sie in London ein und kam fürs erste bei ihrer Schwester Karoline unter. Zu diesem Zeitpunkt war sie 68 Jahre alt. Ein Neuanfang gelang ihr nicht mehr.

Rahel Hirsch starb am 6. Oktober 1953 in London, nachdem sie die letzten Jahre ihres Lebens in einer Anstalt für Geisteskranke verbracht hatte. In Berlin erinnern die 1995 geschaffene Bronzeplastik aus Privatspenden, eine Straße, eine Schule und seit 2016 eine Gedenktafel an ihrem ehemaligen Wohnort Kurfürstendamm 220 an sie. Bereits vier Jahre nach ihrem Tod benannte der Assistent ihres früheren Kollegen das von ihr entdeckte medizinische Phänomen „Hirsch-Effekt“. 2013 gab die Deutsche Post eine Gedenk-Briefmarke aus dem Anlass „100 Jahre Professorentitel Rahel Hirsch“ heraus. Auch wenn ihr Name so wieder in die Öffentlichkeit gekommen ist, bleibt ihre Geschichte für viele unbekannt, zumal außer ihren medizinischen Veröffentlichungen nur wenige private Dokumente von ihr erhalten sind.

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