Judenfeindschaft gehört als geschichtliche Belastung zum negativen Weltkulturerbe

Zum neuen Buch von Werner Bergmann über die kollektive Gewalt gegen Juden im Europa des 19. Jahrhunderts

Von Dr. Joseph Heid

Gewalt gegen Juden kulminiert in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit – wie in der Wissenschaft – in der Gegenwart mit dem Holocaust und ist unlösbar verbunden mit dem großen Judenmord in Europa, von den Nazis euphemistisch als „Endlösung“ bezeichnet. Doch die Gewalt gegen Juden ist uralt. Antisemitismus ist eine jahrhundertealte historische Grundkonstante, vielleicht die gesellschaftliche Klammer im europäischen Bewusstsein, ein Phänomen, das sich von Generation zu Generation tradiert. Die kulturelle Denk- und Gefühlskategorie von Juden als die „Feinde der Menschheit“ hält sich von Paulus zu Luther über Hitler bis heute, und zeigt sich im Internet als Verschwörungsfantasie und globaler Vernichtungswille.

Zugespitzt formuliert lässt sich sagen, dass der Antisemitismus eine anthropologische Konstante der abendländischen Kultur und Zivilisation ist, ein integraler Teil der historischen Erbmasse. Antisemitismus ist Teil und Erbe der christlichen Tradition, die weder mit ein paar einsichtigen Worten aus dem Vatikan noch mit einem Bekenntnis zu den Werten der Aufklärung oder den Zielen des Sozialismus aus dem kollektiven Bewusstsein getilgt werden konnte. Judenfeindschaft gehört sozusagen zum negativen Weltkulturerbe mit seinem Epizentrum in Europa! Davon handelt Werner Bergmanns eindrucksvolle Studie über die kollektive Gewalt gegen Juden in Europa, die er im zeitlichen Rahmen von der Französischen Revolution bis zur vorletzten Jahrhundertwende untersucht. Die europäische Gesellschaft vor allem ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war imprägniert von dem, was man später den „antisemitischen Code“ genannt hat und dies machte die Juden zu „paradigmatischen Gewaltopfern“.

 

Kaum Übergriffe zu Beginn des 18. Jahrhunderts

Während es im Laufe des 18. Jahrhunderts europaweit kaum kollektive Übergriffe gegen Juden gegeben hatte, flammten antijüdische Ausschreitungen gegen Ende des 18. Jahrhunderts wieder auf. Grund dafür war, dass sich im Zuge des Naturrechts- und säkularisierten Staatsdenkens der Aufklärung sowie des Übergangs zu einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft das Verhältnis von Staat und Untertan/Staatsbürger auch die Rechtsordnung und die Ausübung des Gewaltmonopols des Staates insgesamt veränderten. Dies betraf in besonderem Maße die Juden, deren Position sich im emanzipatorischen Denken der Zeit grundlegend zu verändern begann: Die rechtliche wie soziale Außenseiterposition der Juden am Rande der Ständegesellschaft verlor ihre Legitimation. Was bis dahin ihre Stellung hinsichtlich von Berufsstruktur, Sprache, Kleidung und religiösen Gebräuchen in Europa bestimmte, wurde nach und nach neubestimmt.

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