Der „Frevler“, der sich als Gerechter entpuppte

Zum 55. Todestag des deutsch-jüdischen Zinnbarons Moritz Hochschild, der zu Lebzeiten als ausbeuterischer Kapitalist galt. Erst später wurde publik, dass der Unternehmer, der in Bolivien reich wurde, selbstlos zahlreiche, vor allem jüdische Leben gerettet hat.

Moritz Hochschild© LBI Photo Collection

Von Petr Ljukimson

In der zweiten Märzhälfte 2017 erschienen Zeitungsartikel in Dutzenden israelischen und weltweiten Medien, deren Autoren sich nicht gerade um eine originelle Überschrift bemüht hatten. Sie alle waren mit dem Namen „Schindler aus Bolivien“ betitelt – so nannte Edgar Ramírez, Archiv-Direktor der bolivianischen Minengesellschaft COMIBOL, Moritz (Mauricio) Hochschild.

Man muss anmerken, dass man auch früher schon von der Tätigkeit Hochschilds zur Rettung der Juden in den Jahren vor der Schoah wusste. Aber ihre wahren Ausmaße sind erst vor einigen Jahren bekannt geworden. Dank Hochschild konnten sich je nach Zählung zwischen 9.000 und 15.000 Juden vor dem sicheren Tod im Holocaust retten, obwohl früher die Zahl von „nur“ 3.000-3.500 kursierte. Da Hochschild die Judenrettung mit den Bedürfnissen der lokalen Industrie begründete, ist bei Edgar Ramírez die Assoziation mit Oskar Schindler entstanden. Der Vergleich hinkt allein deswegen, weil der „Knackpunkt“ bei der Schindler-Geschichte ist, dass Schindler ein Deutscher war. Moritz Hochschild aber war ein Jude.

 

Die „verborgenen Gerechten“, auf deren Schultern die Welt ruht

Wenn wir schon von Assoziationen sprechen, dann bietet sich hier eher an, Moritz Hochschild mit den sogenannten „verborgenen Gerechten“ zu vergleichen, auf deren Schultern die Welt ruht. Jüdische Folklore beinhaltet nicht wenige Geschichten über die „Nistarim“ – Juden, die das ganze Dorf für einen Narr, Geizhals oder sogar Frevler hält. Erst nach deren Ableben, und das auch nicht sofort, erfährt man dann, dass von ihren Almosen die ganzen Armen des Ortes lebten, dass sie große Thoragelehrte waren, die ihre Eigenschaften nicht nur nicht öffentlich machten, sondern noch zusätzlich bemüht waren, diese vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Mauricio Hochschild, einer der drei „Zinnbarone“ Boliviens, wird in fast allen südamerikanischen Geschichtslehrbüchern als ein Beispiel des „schweinischen Kapitalismus“, als Verkörperung eines Ausbeuters dargestellt. Aber nun werden die Historiker wohl gezwungen sein, dieses Bild etwas zu korrigieren und nebenbei auch einige Kapitel der Geschichte Boliviens, wenn nicht gar von ganz Südamerika, neu zu schreiben. Die Lebensgeschichte von Hochschild verdient zweifelsohne ein eigenes Buch.

 

Studium im sächsischen Freiberg und Dienst in der kaiserlichen Armee

Hochschild ist am 17. Februar 1881 in der kleinen deutschen Stadt Biblis, in eine jüdische Familie geboren, die seit Generationen Metallhandel betrieb. Familieninteresse bestimmte seinen Studienort – die Freiberger Bergakademie. Nach dem Studium fängt Moritz an in der Firma seines Vaters zu arbeiten, 1907 wird er zu ihrem Vertreter in Australien, arbeitet anschließend in Spanien, in Chile. In den Jahren des Ersten Weltkrieges dient er in der deutschen Armee und zieht 1919 zusammen mit seiner jungen Frau Käthe Rosenbaum wieder nach Südamerika. 1920 wird sein erster Sohn geboren und vier Jahre später stirbt Käthe bei einer Entbindung und er verwitwet jung.

Alles Weitere kann man nur verstehen, wenn man die Tatsache bedenkt, dass unser Held ein herausragender Geologe und genialer Betriebsorganisator war.

Als Moritz zusammen mit Käthe 1923 nach Bolivien zog, leben in diesem Land nur 25-30 jüdische Familien. Hochschild begann mit Zinnerz-Einkäufen, nach dem die Nachfrage damals gerade rapide anstieg. Dann wandte er sich den Zinnminen zu, die man für unwirtschaftlich hielt, weil der Zinngehalt zu niedrig schien. Seinen Wunsch diese Bergwerke – auch nur für einen Spottpreis – zu kaufen, hielten viele für wirtschaftlichen Selbstmord. Aber Moritz Hochschild wandte die für die damalige Zeit modernsten Erzanreicherungs-Methoden an, organisierte den Betrieb äußerst straff, und ein Jahr später warfen diese bereits Gewinne ab.

Einige Zeit später zog die ganze große Familie Hochschild nach Bolivien, um in der Firma von Moritz zu arbeiten. Mit diesem Umzug hängt ein Familiendrama zusammen: Moritz beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit Germaine, der Ehefrau seines Cousins Philipp. Später lässt sie sich von ihrem Ehemann scheiden und heiratet Moritz, den man in ganz Lateinamerika nur Don Mauricio nennt. Seine Zinnförderfirma war damals eine der größten im Lande, bis zu 30 % des gesamten geförderten Zinns stammte von ihr. Sein Bergbauimperium zog sich bis nach Peru und Chile, die Zeitungen nannten ihn „Zinnbaron“, „gnadenlosen Ausbeuter“ und „Blutsauger“.

 

German Busch – ein Präsident als heimlicher Freund

Als Germán Busch Becerra 1937 das Präsidentenamt von Bolivien übernahm, entschied er sich diese Stimmungen auszunutzen. „Ich habe den Posten des Präsidenten nicht dafür übernommen, um Kapitalisten zu dienen! Sie sind diejenigen, die dem Land dienen müssen. Wenn sie es nicht freiwillig tun, dann werden sie mit Gewalt dazu gezwungen. Ich schwöre euch, Genossen, dass ich, Germán Busch, diesen Patiños, Aramayos, Hochschilds und allen Bolivien-Ausbeutern beweisen werde, dass es einen Präsidenten gibt, der sie dazu zwingen wird ihr Land zu respektieren!“, verkündete er in seiner Antrittsrede.

In Wirklichkeit waren Don Mauricio und Germán Busch schon seit langem durch eine persönliche Freundschaft verbunden. Und bei seiner Politik des „sozialistischen Militarismus“ beriet sich der 33-jährige Präsident bei vielen Fragen mit seinem kapitalistischen Freund.

 

Auf einmal wird der Gleichgültige zum Helden

Inzwischen rollte die Welt unausweichlich auf den Zweiten Weltkrieg zu. Hitler verbarg kaum noch seine Pläne zur „Endlösung der Judenfrage“, und die meisten Länder verschlossen ihre Grenzen für Juden. In dieser Situation zeigte sich Moritz Hochschild von einer unerwarteten Seite. Er hatte nie irgendwelche Sentiments mit seinem eigenen Judentum. Ganz im Gegenteil: Er war ein typischer assimilierter Jude, der sich vor der deutschen Kultur verneigte und sich als Agnostiker betrachtete. Als aber über sein Volk die Todesgefahr hereinbrach, schritt Hochschild zur Tat. 1938 überzeugte er den Präsidenten Germán Busch, die jüdische Immigration ins Land zu erlauben, indem er ihm versprach, dass die Juden die Entwicklung der Landwirtschaft und der Industrie fördern werden. Mehr noch, er verkündete, dass er selbst die Fahrtkosten der Immigranten aus Europa nach Bolivien und alle Ausgaben für die notwendige Ersteinrichtung übernehmen wird.

Nach der Erlaubnis des Präsidenten baut Hochschild für die Neuankömmlinge nicht nur Häuser, sondern auch Kindergärten und Schulen, sorgt für deren kostenfreie medizinische Versorgung und gründet eine Gesellschaft zum Schutz von jüdischen Immigranten. Als ihn ein Brief aus Frankreich erreicht, ob er bereit wäre, tausend jüdische Waisenkinder aufzunehmen und auszustatten, gibt Hochschild sofort eine positive Antwort.

 

Jüdische „Masseneinwanderung“

Lange Zeit hat man angenommen, dass 1938 dank Hochschilds Einsatz ca. 3.000 Juden nach Bolivien gekommen sind. Die meisten waren 25-30 Jahre alt, aber durch den Zugang zu den erst vor kurzem bekannt gewordenen Unterlagen, weiß man, dass es Menschen aus verschiedenen Altersgruppen waren, darunter bekannte Schriftsteller, Maler und Wissenschaftler. In Wirklichkeit nahm Bolivien 1938-1939 insgesamt zwischen 9.000 und 15.000 Juden auf, und das obwohl die lokale jüdische Gemeinde bis dahin lediglich einige hundert Mitglieder zählte. Nun war Bolivien für viele nur ein Sprungbrett für die nachfolgende Ausreise in die USA und so reduzierte sich nach dem Kriegsende die Anzahl der Juden in Bolivien wieder auf 2.000 Personen.

„Die Tatsache, dass der Präsident Germán Busch die jüdische Immigration ins Land aktiv unterstützte, verändert vollkommen unser Bild von ihm. Wenn die Historiker ihm früher Sympathien für Faschismus unterstellten, so können wir heute eindeutig behaupten, dass er sich eher an die Anti-Hitler-, antifaschistische Position hielt“, findet Edgar Ramírez.

Im April 1939, inspiriert durch die Tätigkeit seines Freundes, verkündet Germán Busch, dass Bolivien bereit ist 20.000 Juden aufzunehmen. Jedoch bittet Moritz Hochschild im Mai die „semitische Immigration“ kurz zu unterbrechen, damit er günstige Bedingungen für die weitere Aufnahme seiner Mitmenschen schaffen kann. Das war ein entscheidender Fehler, da Hochschild im Juni unerwartet verhaftet, angeklagt und zum Tode verurteilt wird. So konnte er sich nicht mehr mit der Einreise von weiteren Juden beschäftigen. Präsident Busch gelingt es seinen Freund aus dem Gefängnis zu retten, jedoch wird er selbst im August 1939 tot in seinem Palast aufgefunden. Offiziell heißt es, dass er Selbstmord begangen habe, aber es gibt natürlich außerdem verschiedene inoffizielle Vermutungen.

Der Tod von Busch bedeutete das Ende des Einflusses von Hochschild in den politischen Kreisen des Landes. Nichtsdestotrotz versuchte er weiterhin tätig zu sein und anscheinend ist es ihm tatsächlich gelungen, die Einreiseerlaubnis für weitere jüdische Immigranten zu erwirken. 1940-1945 unternimmt er den Versuch jüdische landwirtschaftliche Kolonien zu erschaffen. Leider ist ihm dieses Unternehmen nicht gelungen. Er investierte ungefähr eine Million Dollar – eine astronomische Summe für die damalige Zeit, aber die Juden wollten nicht wirklich den Boden bestellen und Viehzucht betreiben. Zumindest nicht in Bolivien.

 

Zweites Todesurteil und Entführung

1944 wird Moritz Hochschild wieder verhaftet, wieder zum Tode verurteilt, wieder befreit und dann entführt. Er bleibt zwei Wochen lang als Geisel gefangen, und als er endlich freigekauft wird, verlässt er Bolivien und kehrt nie wieder zurück.

1952 beschuldigte ihn die bolivianische Regierung des Raubes an der Nation, verstaatlichte seine Firma, aber – um Sanktionen zu vermeiden – zeigte sie sich einverstanden 30 % seiner Aktiva auszuzahlen. Das erlaubte dem nun ehemaligen „Zinnbaron“ weiterhin sorgenfrei zu leben und sowohl seine Geschäfte, als auch Wohltätigkeit zu betreiben. 1947 stiftete er ein Stipendium für lateinamerikanische Studenten in den USA. 1951 spendete er einen erheblichen Teil seines Eigentums in einen Wohltätigkeitsfonds. Gleichzeitig setzte Hochschild seine Suche nach Bodenschätzen fort und eröffnete neue Bergwerke nicht nur in Lateinamerika, sondern auf der ganzen Welt. 1961 wurde dank seiner unglaublichen Intuition ein Kupferbergwerk in der Nähe der chilenischen Stadt Antofagasta eröffnet. Erlösbringend wurde die Lagerstätte aber erst nach seinem Tod in Paris am 12. Juni 1965.

Wenn man heute zurückblickt, dann versteht man, dass der Name Moritz Hochschild deswegen nicht in der Reihe der großen jüdischen Philanthropen zu finden ist, weil er es zunächst vorzog abertausenden von Juden persönlich, und nicht über irgendwelche Organisationen zu helfen. Zum anderen hat er nie versucht diese Seite seines Lebens öffentlich zu machen.

 

Übersetzung aus dem Russischen von Rebbetzin Katia Novominski

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