Wer war der erste Jude?

War es Noah oder war es Awraham? Und waren die Vorväter des jüdischen Volkes überhaupt selbst Juden?

Noah auf einem Mosaik in der Basilica di San Marco in Venedig© WIKIPEDIA

Von Dovid Gernetz

Das jüdische Volk prägt schon seit Jahrtausenden die Geschichte der Menschheit und hat unendlich viel zu ihrer Entwicklung beigetragen. Es gibt keinen Bereich des menschlichen und gesellschaftlichen Fortschritts, zu welchem die Juden nicht beigetragen hätten. Ob in der Wissenschaft, Musik, Sport und Entertainment – überall waren Juden aktiv beteiligt und haben ihren Fußabdruck hinterlassen. Schillernde Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Bob Dylan und Sandy Koufax sind nur eine kleine Auswahl aus der unzähligen Menge von Wissenschaftlern, Musik- und Sportlegenden, die die Welt verändert haben.

Der scharfe jüdische Verstand und der pikante jüdische Humor sind zu den Markenzeichen des jüdischen Volkes geworden, und das obwohl die jüdische Geschichte oft alles andere als zum Lachen war.

Doch wie entstand das jüdische Volk überhaupt? Oder in anderen Worten: Wer war der erste Jude?

Um die Antwort auf diese Frage zu bekommen, müssen wir zuerst verstehen, was die Aufgabe jedes individuellen Juden und generell des gesamten jüdischen Volkes auf dieser Welt ist. Dafür müssen wir uns in die Einleitung des Maimonides (1135-1204) in seinem Werk Mischne Tora zu den Gesetzen zum Götzendienst vertiefen, um zu begreifen, warum die Menschen aufgehört haben, an einen Einzigen und Allmächtigen G´tt zu glauben:

 

Adam, Noah und ein Vorbild für die anderen Völker

Bekanntlich beginnt die Geschichte der Menschheit laut Judentum mit Adam HaRischon, dem ersten Menschen, der sich der Existenz G´ttes vollkommen bewusst war. Auch seine Kinder und Enkel wussten und glaubten daran, dass es nur einen G´tt gibt, der die Welt erschaffen hatte.

Doch mit der Zeit begannen die Menschen auch die Engel, die für verschiedene Tätigkeiten in dieser Welt verantwortlich sind, anzubeten und ihnen Opfer darzubringen, um sie zu besänftigen (sie glaubten aber immer noch an einen Schöpfer). Mit der Zeit jedoch geriet G´tt langsam in Vergessenheit und die Menschen beteten nur noch Götzen an, im Glauben, dass diese die Welt erschaffen haben und diese führen.

Ab diesem Zeitpunkt brauchte die Welt und die Menschheit ein Volk, das an den wahren G´tt glauben und seinen Willen befolgen würde. Seine hauptsächliche Aufgabe wird darin liegen, den Willen G´ttes in dieser Welt zu verkünden und ein Vorbild für die restlichen Völker der Welt zu sein.

Im Gegensatz zu den Völkern der Welt, die nur die sieben Gebote Noachs (hauptsächlich moralischen Ursprungs) zu befolgen haben, wird das jüdische Volk die gesamte Thora (613 Ge-und Verbote) auf sich nehmen und die Mission akzeptieren, G´ttes Repräsentanten in dieser Welt zu sein.

 

Awraham wurde für seinen Glauben an nur einen Gott verfolgt

Doch kommen wir zurück zu dem Zeitpunkt, wo die Menschheit vollkommen aufgehört hatte, an den Allmächtigen G´tt zu glauben und stattdessen nur noch Götzen anbetete. An dieser Stelle taucht eine Persönlichkeit namens Awraham auf, welche in der Zukunft eine sehr große Rolle spielen und der erste der drei Vorväter des jüdischen Volkes sein wird. Genau hier beginnt die Geschichte des jüdischen Volkes.

Es gibt eine Meinungsverschiedenheit zwischen den jüdischen Weisen, in welchem Alter Awraham zur Erkenntnis kam, dass diese Welt nur einen einzigen Schöpfer haben kann, und er aus diesem Grund den Götzendienst ablehnte.

Maimonides (Mischne Tora, Avodat Kochavim 1:3) ist der Ansicht, dass er erst im Alter von 40 Jahren zu dieser Erkenntnis kam, doch Raavad (Rabbi Awraham Ben David, 1125-1198) ist davon überzeugt, dass Awraham schon im zarten Alter von drei Jahren zu dieser fundamentalen Schlussfolgerung kam.

Für die öffentliche Ablehnung des verbreiteten Glaubens wurde Awraham verfolgt und sogar zum Tod durch Verbrennen verurteilt, welchem er nur durch ein Wunder entkam. Auf Befehl G´ttes floh er nach Kna´an (das damalige Israel) und widmete sein Leben der Verbreitung des Glaubens an einen einzigen, allmächtigen G´tt und Schöpfer.

 

Wie die Juden in die ägyptische Sklaverei kamen

Sein Sohn Jitzchak folgte dem Pfad seines Vaters und auch dessen Sohn Jakow führte die Tradition seines Vaters und Großvaters fort. Jakow hatte 12 Söhne von 4 Frauen, deren Nachkommen später die 12 Stämme Israels bilden werden. Sie waren die ersten, die die Bezeichnung „Söhne Israels“ („Israel“ war Jakows zweiter Name, den er bekam, nachdem er den Engel Esaus im Kampf besiegt hatte) trugen.

In Folge einer Hungersnot im Land Kna´an sah sich die Familie Jakows gezwungen nach Ägypten – damals ein reiches und mächtiges Imperium – zu gehen und sich dort niederzulassen. Zu Beginn wurden die Söhne Israels in Ägypten hoch verehrt, doch nachdem Jakow und seine 12 Söhne starben, wurden sie von den Ägyptern geknechtet und es folgten 210 Jahre der Knechtschaft in Ägypten.

Nach den 10 Plagen G´ttes durch die Hand Mosches und der anschließenden Spaltung des Roten Meers, bei der das ägyptische Heer vollkommen zerstört wurde, machten sich die „Söhne Israels“, die zu diesem Zeitpunkt schätzungsweise 2 Millionen Menschen zählten, auf den Weg zum Berg Sinai, um dort die Thora zu empfangen. Nach drei Tagen der Vorbereitung und Reinigung waren sie bereit, und so erhielten sie am 6. Sivan (Schawuot) die 10 Gebote und die gesamte Thora von G´tt persönlich, mit Mosche als Vermittler.

So entstand das jüdische Volk, angefangen mit den drei Vorvätern, anschließend die schwere Knechtschaft in Ägypten und letztendlich die Offenbarung am Berg Sinai, wo sie die Thora erhielten.

 

Waren die Vorväter selbst Juden?

Damit wäre geklärt, wie es zur Entstehung des jüdischen Volkes kam – doch ab wann galten sie als halachische Juden? Und kann es sein, dass die Vorväter des jüdischen Volkes selbst überhaupt nicht jüdisch waren?

Mit dieser Frage haben sich verschiedene jüdische Gelehrte (zum Beispiel Rabbi Yehuda Rosanes [1657-1727] in seinem Werk Paraschat Derachim, und Rabbi Yosef Engel [1858-1920] im Werk Beit HaOzar) ausführlich beschäftigt und wie es aussieht, gibt es (wie oft im Judentum) keine einheitliche und eindeutige Antwort. Es scheint, dass es eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Rischonim (Gelehrten des frühen und späten Mittelalters) und möglicherweise sogar den Tannaim (Lehrer der mischnaischen Zeit) gibt:

Der Ramban (Nachmanides, 1194-1270) nimmt in seinem Kommentar zum Pentateuch (Vaikra 24:10) zur Meinung der „Französischen Gelehrten” (Bezeichnung für die Gelehrten des Mittelalters aus Frankreich und Deutschland) Stellung, dass nämlich die Vorväter selbst keine Juden waren und die „Söhne Jakows” erst am Berg Sinai mit dem Erhalt der Thora zum jüdischen Volk wurden.

Der Ramban widerspricht ihnen und ist der Ansicht, dass Awraham mit seiner Beschneidung (siehe Bereschit) im Alter von 99 Jahren zum Juden wurde. Seiner Meinung nach waren auch Jitzchak und Jakow schon Juden, also schon vor dem Erhalt der Thora am Berg Sinai. Er stützt sich auf den Talmud (Kidduschin 18a), wo Esau als abtrünniger Jude bezeichnet wird, obwohl die Offenbarung am Berg Sinai zu diesem Zeitpunkt noch nicht stattgefunden hatte.

Der Re”m (Rabbi Elya Mizrachi, 1455-1526) hingegen scheint die Meinung der „Französischen Gelehrten” zu teilen, denn in seinem Werk Sefer HaMizrchi zu Raschis Kommentar auf den Pentateuch schreibt er (Schmot 4:24), dass die Vorväter keine Juden waren. Dies ist auch die Meinung von Raschi (Rabbi Schlomo Yizchaki, 1040-1105) selbst, wie er sie in einigen Stellen in seinem Kommentar zum Talmud (siehe Yawamot 46a und Sanhedrin 82a) preisgibt.

Wie können die „Französischen Gelehrten”, Raschi und der Re”M, dem Talmud widersprechen, der offensichtlich die Meinung des Rambans bestätigt?

Anscheinend stützen sich diese Gelehrten auf den Medrasch (Schmot Rabba 1:28), aus dem deutlich wird, dass die Vorväter keine Juden waren und die „Söhne Israels” diesen Status erst durch den Empfang der Thora erhielten, so wie es die „Französischen Gelehrten”, Raschi und der Re”M sagen.

 

Zwei mögliche Antworten

Somit wäre die richtige Antwort auf die Frage, wer der erste Jude war, dass es da eine Meinungsverschiedenheit zwischen den jüdischen Gelehrten gibt und es entweder Awraham war, oder das gesamte jüdische Volk am Berg Sinai.

Jedoch muss noch erwähnt werden, dass alle damit einverstanden sind, dass die Vorväter die gesamte Thora erfüllten, auch wenn sie keine Juden waren: So steht im Talmud (Yoma 25b), dass die Vorväter die Thora bis ins kleinste Detail befolgten und sogar die rabbinischen Ge- und Verbote.

Woher aber kannten die Vorväter die Gesetze der Thora überhaupt, noch bevor sie dem jüdischen Volk am Berg Sinai gegeben wurden und umso mehr die rabbinischen „Gzerot” (Bezeichnung für die Gesetze, die von den jüdischen Weisen festgelegt wurden, um vor dem Übertritt eines Verbotes aus der Thora zu schützen), welche erst viel später von den jüdischen Weisen eingeführt worden sind?

Der Chafez Chaim (Rabbi Israel Meir Kagan, 1839-1933) schreibt in seinem Werk Ahawat Chessed, dass die Vorväter allesamt Propheten waren und die Thora mit Hilfe der Prophetie erfasst hatten, sodass sie auf diese Art und Weise die Gesetze noch vor Erhalt der Thora befolgen konnten.

Doch wie dem auch sei, ob Awraham der erste Jude war oder die "Söhne Yakovs" erst am Berg Sinai jüdisch geworden ist, das jüdische Volk ist eine besondere und einzigartige Nation, mit einer faszinierenden Geschichte, voller Hoffnung und Vertrauen und genauso wie das jüdische Volk in der Vergagenheit den Verlauf der Geschichte geändert hat, so wird es auch in der Zukunft seinen Beitrag zur Entwicklung und Fortschrtitt der Menschheit leisten.

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