Besser als Corbyn – schlechter als Blair

Der neue Labour-Vorsitzende Keir Starmer will das Antisemitismus-Problem angehen, das ihm sein Vorgänger Corbyn hinterlassen hat. Jüdische und zionistische Organisationen zeigen sich erleichtert. Doch das Verhältnis der britischen Partei zu Israel wird wohl schwierig bleiben.

Keir Starmer distanziert sich von seinem Vorgänger Corbyn.© Isabel Infantes, AFP

Von Sandro Serafin

„Vorsichtig optimistisch“: So beschreibt Paul Charney seinen Gemütszustand, als „Israelnetz“ ihn nach Keir Starmer, dem neuen Chef der britischen Labour-Partei, fragt. Charney ist Leutnant der Reserve der israelischen Armee und Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung Großbritanniens und Irlands, die nach eigenen Angaben die führende pro-zionistische Organisation des Landes ist. Starmer hingegen unterstützt die Palästina-Freundesgruppe seiner Partei und hat sich in der Vergangenheit deutlich über das Leid der „Palästinenser“ beklagt.

Dass britische Zionisten Starmers Wahl dennoch begrüßen, ist wohl nur vor dem Hintergrund des Unheils zu verstehen, das sein Vorgänger im Amt des Parteichefs angerichtet hat: Jeremy Corbyn. Der Politiker hatte die alte Partei seit 2015 geführt und auf einen linksradikalen Kurs getrimmt. Immer wieder gingen Fehltritte Corbyns durch die Presse, die nicht nur seine anti-israelische Grundeinstellung offenbarten, sondern zum Teil auch ins Antisemitische abglitten. So hatte er etwa 2009 Mitglieder von Hamas und Hisbollah als „Freunde“ bezeichnet oder 2012 ein eindeutig antisemitisches Graffito in Schutz genommen.

Die zuletzt extrem schlechten Umfragewerte Corbyns täuschen darüber hinweg, dass es eine Zeit gab, in der es durchaus möglich schien, dass er in „Downing Street Number 10“ einzieht. Für die jüdische Gemeinde wäre das einem Alptraum wohl sehr nahegekommen. 2019 hatte eine Umfrage des „Jewish Chronicle“ ergeben, dass fast jeder zweite Jude Großbritanniens „ernsthaft darüber nachdenken“ würde, das Land zu verlassen, wenn Corbyn Regierungschef würde. Daran konnten auch innerparteiliche Untersuchungen und Fehlereingeständnisse des Parteichefs nichts mehr ändern. Insofern dürfte es für viele Juden eine Erleichterung gewesen sein, als Corbyn im Dezember nach einer schweren Wahlniederlage seinen Rückzug auf die „backbenches“, die Hinterbänke des Unterhauses, ankündigte.

 

Engagierter Start

Der neue Parteichef Starmer, dessen Frau jüdische Wurzeln und Verwandte in Tel Aviv hat, gibt sich alle Mühe, keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass er das Verhältnis seiner Partei zu den britischen Juden wieder in Ordnung bringen will. Bereits in der Dankesrede nach seiner Wahl entschuldigte sich der 57-Jährige bei den Juden des Landes für das Leid, das der Antisemitismus seiner Partei über sie gebracht habe. „Ich werde dieses Gift mit seinen Wurzeln herausreißen“, beteuerte er. Drei Tage später legte er in einem Gastbeitrag für den „Evening Standard“ nach. Entschuldigungen reichten nicht aus, schrieb er dort. Er wolle sich daran messen lassen, ob es ihm gelinge, jüdische Mitglieder in die Partei zurückzuholen.

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