Viren und die jüdischen Mikrobenjäger

Der Beitrag jüdischer Wissenschaftler zur Bekämpfung der großen Menschheitskrankheiten ist größer als weitgehend bekannt.

Ein Held der Menschheit: Der jüdische Arzt Jonas Salk besiegte die Kinderlähmung, die noch in den 1950er Jahren auch in Deutschland zahlreiche Kinder und Jugendliche befiel. Sogar auf eine Patentierung seiner Methode verzichtet er - und ließ sich damit Millionengewinne entgehen.© INTERCONTINENTALE, AFP

Von Dr. Frank Heynick

Die Niederlande waren im 17. Jahrhundert ein Land großer Toleranz, in dem die aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden, einschließlich renommierter Ärzte, mit Offenheit begrüßt wurden. Nicht zufällig war dies das niederländische Goldene Jahrhundert, eine Zeit atemberaubender Fortschritte in den Künsten und Wissenschaften. Dort wurden u.a. die ersten Mikroskope erfunden. Antoni van Leeuwenhoek entdeckte damit in der Stadt Delft in den 1670er Jahren einen wahren Zoo bisher unsichtbarer Mikroorganismen, der selbst in den fieberhaftesten Träumer bis dahin unvorstellbar gewesen war.

Während des 18. Jahrhunderts und bis weit in das 19. hinein gab es unter Medizinern Spekulationen über eine mögliche Beziehung von Mikroorganismen zu Krankheiten. Bestimmte Arten dieser winzigen Wesen schienen in den Organen oder im Blut von Patienten mit bestimmten Krankheiten zu erscheinen. Aber es gab zahllose Fragen wie z.B.:

1. Könnten diese so primitiven Lebewesen von selbst entstehen („Spontanzeugung“)?

2. Waren sie die Ursache der Krankheit oder waren sie das Erzeugnis des erkrankten Körpers?

3. Könnte sich eine pathogene Mikrobe einer Krankheit in die einer anderen Krankheit verwandeln?

4. Waren bei Krankheiten, von denen bekannt war, dass sie ansteckend waren, Mikroorganismen die Schuldigen, die von einem kranken auf einen gesunden Körper übertragen wurden, um dort zu keimen?

 

Ein bayerischer Jude erzielt den Durchbruch

Ein Durchbruch, der das heroische Zeitalter der „Mikrobenjäger“ einleitete, gelang 1840 mit der Veröffentlichung von „Von den Miasmen und Kontagien“ durch den bayerischen Arzt Jacob Henle, einem Nachkommen frommer Rabbiner. Mit technologisch fortschrittlichen Mikroskopen und deduktiver Analyse von Fallbeispielen erklärte Henle der medizinischen Welt: „Das Contagium ist eine mit individuellen Leben begabte Materie, die sich nach Art der Tiere und Pflanzen reproduzieren (…) und parasitisch auf dem kranken Körper lebt. Keine tote, chemische Substanz, auch nicht organische, vermehre sich auf Kosten einer anderen“.

Ein Jahr später veröffentlichte der polnisch-deutsche Jude Dr. Robert Remak die erste seiner Beobachtungen, dass Zellen – aller lebenden Organismen einschließlich der Mikroben – nur durch Teilung der Elternzellen entstehen können. So half Remak dabei, dem Konzept der „Spontanzeugung“ ein Ende zu setzen.

 

Waffen für die Menschen

Der Krieg der Menschheit gegen übertragbare Krankheiten beschleunigte sich dramatisch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der deutschen Stadt Breslau (heute Wrocław, Polen) veröffentlichte der Botanik-Mikroskopiker Dr. Ferdinand Cohn 1872 seine „Über Bacterien, die kleinsten lebenden Wesen“. Als unbestrittener Meister der Klassifikation des unsichtbaren Lebens erklärte Cohn, dass ein Mikroorganismus einer Krankheit zwar verschiedene Transformationen durchlaufen kann, jedoch der Mikroorganismus dieser spezifischen Krankheit bleibt und nicht einer anderen.

Robert Koch, ein Student von Henle und Schützling von Cohn von protestantischem Abstammung, entdeckte das Tuberkulose-Bakterium und klärte den mysteriösen Lebenszyklus des Anthrax-Bazillus auf.

Solche dramatischen Fortschritte führten zur Entdeckung von Gliedern in der Kette („Vektoren“), über die die verschiedenen pathogenen Mikroorganismen übertragen werden, und dann zu Maßnahmen, um diese Glieder zu brechen: Cholera durch mit Abwasser kontaminiertes Trinkwasser, Schlafkrankheit durch die Tsetsefliege, Kindbettfieber durch die kontaminierten Hände von Ärzten und Hebammen, Malaria (auf Italienisch „schlechte Luft“) durch Mücken.

Für Abwehrmaßnahmen gegen diese Seuchen brauchte man ein ganzes Arsenal aggressiver „Waffen“.

In den 1890er Jahren war der jüdische Arzt Paul Ehrlich in Berlin maßgeblich an der Entwicklung von Seren beteiligt. Der wässrige Teil des Blutes (nach der Koagulation) eines Tieres, das eine toxinproduzierende Krankheit wie Diphtherie bekämpft hat, enthält starke Antitoxine, die einem Diphtheriepatienten injiziert werden können. Ehrlich, ein brillanter und einfallsreicher Chemiker, war Vorreiter bei der selektiven Färbung spezifischer Mikroorganismen, um sie unter dem Mikroskop zu unterscheiden. Dieses Prinzip inspirierte ihn zur Entwicklung des ersten Chemotherapeutikums – der Arsenverbindung Salvarsan (die er auch „Zauberkugel“ nannte), die auf die Spirochäten der Syphilis zielte und diese zerstörte. (Ehrlichs Glaubensgenosse Albert Wassermann hat den Bluttest für Syphilis entwickelt.)

Als das neue Jahrhundert anbrach, herrschte allgemeiner Optimismus, dass die Menschheit bald frei von allen schweren Infektionskrankheiten sein würde.

Aber es fehlte ein Teil des Puzzles.

 

Immunsystem aktivieren durch Impfung

Seit antiken Zeiten war bekannt, dass Menschen, die eine bestimmte Krankheit überlebten, ganz oder teilweise immun gegen einen Angriff derselben Krankheit waren. 1798 zeigte der englische Arzt Edward Jenner, dass eine absichtliche Impfung mit den Pusteln relativ gutartiger Kuhpocken („Vakzination“ vom Lateinischen Vacca = Kuh) die Person vor einem Angriff vor den weitaus virulenteren und tödlicheren Pocken schützte.

Zu den großen Erfolgen im Krieg gegen übertragbare Krankheiten gehörte die Entwicklung einer neuen Art der Impfung durch den französischen Chemiker Louis Pasteur, einem frommen Katholiken. Pasteur zeigte, wie die Inokulation eines Patienten mit getöteten oder (durch Trocknen oder andere Techniken) abgeschwächten Krankheitserregern wie Tollwut das natürliche Immunsystem gegen einen anschließenden Angriff durch die vollständig virulente Krankheit aktivierte.

Aber hier lag das Problem. Im Gegensatz zu den Mikroorganismen Tuberkulose, Cholera, Diphtherie, Syphilis und so vielen anderen Krankheiten, hatte noch niemand die Erreger von Pocken und Tollwut gesehen. Pasteur spekulierte, dass es sich um Mikroorganismen handelte, die außerhalb der Sicht der leistungsstärksten Mikroskope lagen.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert zeigte der niederländische Mikrobiologe Martinus Beijerinck, wie die Flüssigkeit einer infizierten Pflanze, selbst nachdem sie durch den feinsten Filter gesiebt wurde, noch immer gesunde Pflanzen infizieren konnte. Dies war ein wichtiger Durchbruch, aber Beijerinck ging zu Unrecht davon aus, dass der Täter nicht aus Feststoffen bestand. Er nannte es „Virus“, lateinisch für Gift.

Dass niemand je ein Virus gesehen hatte, machte den Kampf schwieriger. Zwischen 1918 und 1920, als die Spanische Grippe mehr Menschenleben forderte als alle Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs zusammengenommen, führte die Ärzteschaft sie fälschlicherweise auf ein opportunistisches Bakterium zurück, das unter dem Mikroskop sichtbar war.

Mit der Erfindung des Elektronenmikroskops in den frühen 1930er Jahren wurde die Grenze des Sichtbaren dramatisch verschoben, wodurch Viren, die hunderte Male kleiner als Bakterien sind, endlich fürs menschliche Auge erkennbar wurden. Pasteur schien recht gehabt zu haben, als er postulierte, dass der Tollwutwirkstoff ein Mikroorganismus sei.

Aber er lag nicht ganz richtig. Spätere Untersuchungen zeigten, dass sich Viren – im Gegensatz zu Lebewesen (Organismen) – nicht selbst vermehren können. Viren erwiesen sich als Pakete von genetischem Material – DNA oder RNA –, die lebende Zellen durchdringen, befehligen und zerstören, um sich selbst zu vermehren.

Poliomyelitis, die durch ein Enterovirus verursachte gefürchtete Kinderlähmung, wurde in den 1950er Jahren dank zweier Impfstoffe, die von den amerikanisch-jüdischen Ärzten Jonas Salk und Albert Sabin unabhängig voneinander entwickelt wurden, eingedämmt (und ist heute weltweit nahezu ausgerottet).

AIDS, Hepatitis, SARS, Ebola und jetzt Corona – neue virulente Viren tauchen immer wieder auf. Und die Waffen, um sie zu bekämpfen – Impfstoffe, Tests, Seren, pharmakologische „Zauberkugel“ – bauen bis heute auf den Geistesleistungen der großen jüdischen Mikrobenjäger auf.

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