Liverpool mal jüdisch

Abseits von Fußball und den Beatles hat die große englische Stadt auch viel jüdische Kulturgeschichte zu bieten – ein Reisebericht.

Die große orthodoxe Synagoge in der Princess Street
© GWIKIPEDIA

Von Karl Pfeifer

Die meisten Touristen, die Liverpool besuchen, kommen, weil hier die Beatles begonnen haben oder weil der Fußballklub der Stadt so erfolgreich ist. Tatsächlich kann man in dieser großen Hafenstadt mit mehr als 550.000 Einwohnern an vielen öffentlichen Orten Musik hören, man kann das Beatles-Museum besuchen und in jedem Souvenirladen werden die roten Schals des FCL verkauft.

Ich besuchte mit meiner Ehefrau Liverpool, weil es eine der großen Städte in Großbritannien ist, die wir noch nicht kannten. Wir reservierten unser Hotelzimmer und unseren Flug Monate bevor das Datum des Brexits bekannt war und es war reiner Zufall, dass wir den Tag des Brexits eben dort verbrachten. Wir erlebten einen vollkommen normalen Tag, in Liverpool blieb der große Jubel aus.

Oft wenn wir in einer fremden Stadt sind, gehen wir am Freitag oder am Samstag in die Synagoge.

Heutzutage kann man aus dem Internet mehr über eine Synagoge erfahren. Als ich auf die Website der großen orthodoxen Synagoge in der Princess Street ging, sah ich, dass hier Rabbiner Arieh Adam amtiert, der anders als die meisten Rabbiner mitteilte, dass er und seine Frau Shulamit, aus einer früheren Ehe je vier Kinder und eine gemeinsame Tochter hätten. Shulamit stammt aus Kolumbien, aus einer Familie von „Anusim“, die in Spanien vor ein paar Jahrhunderten zwangskatholisiert wurde. Rabbi Arieh ist nicht nur Rabbiner, sondern auch Rechtsanwalt, der in der Rechtswahrung tätig ist, sowie Hauptmann der britischen Territorialarmee – zuständig für die Betreuung britischer jüdischer Soldaten auf einem Stützpunkt in Liverpool. Er stammt aus einer orthodoxen Familie im nahen Manchester und erhielt seine Smicha 1998 im Jerusalemer Midrasch Sfaradi.

 

Zwangschristianisierte und zwangsislamisierte Juden

Beim Abendessen unweit von der Synagoge lernten wir diesen charismatischen Rabbiner kennen, der bemüht ist als Aktivist der Noahidischen Bewegung aus Nachkommen von Juden – die zwangskatholisiert oder islamisiert wurden – wieder Juden zu machen.

Brian Epstein, der jüdische Manager der Beatles.


Rabbi Adam und die Synagoge, die unter Aufsicht von Ephraim Mirwis, Großbritanniens orthodoxen Oberrabbiner, steht, haben sich gegen den expliziten und impliziten Antisemitismus in der Labourpartei gestellt, die in dieser Hafenstadt besonders stark ist.

Sogar die Corbyn in der Regel unterstützende Zeitung „Guardian“ berichtete über Antisemitismus im Wahlsprengel von Luciana Berger, der sich in wilden Verschwörungsphantasien über Rothschild und „die Juden“ äußerte.

Am 2. Dezember 2019 wurde eine Erklärung gegen den Antisemitismus von fast 100 prominenten Bürgern der Stadt unterzeichnet:

„Liverpool hat eine stolze Geschichte der Mobilisierung gegen Rassismus und der Solidarität mit den Opfern des Rassismus. Wir haben in den letzten Jahren eine Serie von antisemitischen Zwischenfällen erlebt, die 2019 zum Austritt der Parlamentsabgeordneten Luciana Berger und Louise Ellman aus der Labourpartei führten. Beide haben den institutionellen Antisemitismus in der Labourpartei und die Kultur des Mobbing, der Intoleranz und der Einschüchterung in den lokalen Parteigremien erfahren. Das hätte zu einer Wende führen müssen, doch man hat sie „allein gelassen“. Wir, jüdische und nichtjüdische Bürger dieser Stadt wollen unser tiefes Unbehagen und Bedauern über diese Vorfälle und unsere Solidarität mit Luciana und Louise ausdrücken. Wir werden keinen Antisemitismus und keine Akzeptanz des Antisemitismus tolerieren. Wir sind verpflichtet deswegen zur Rechenschaft zu ziehen, zu erziehen und zu mobilisieren.“

Dazu leistet die uns von Rabbi Adam vorgestellte Karen Rachel Kennedy einen wichtigen Beitrag. Sie ging als 20-Jährige nach London und verbrachte einige Jahrzehnte ihres Lebens als Managerin in den USA. Karen ist Regisseurin und Produzentin eines Stückes über das KZ Theresienstadt, das mit Erfolg in Liverpool vor Studenten der Universität aufgeführt wurde.

 

Gemeindevorsitzender mit Frack und Zylinder

Wir nahmen am Schabbat-Gottesdienst in der schönen Synagoge in der Princess Street teil. Der Vorsitzende der Gemeinde und sein Stellvertreter kamen sehr elegant mit Frack und Zylinder. Am Ende gab es auch ein Gebet für die Königin. Was anders ist in dieser „Schul“ – so nennen englische Juden ihre Synagoge – ein gemischter Chor wirkt mit. Karen, die Mitglied dieses Chors ist, hat an einem Wochentag ein paar Bilder in der Synagoge aufgenommen. Darunter auch Tafeln, die an die jüdischen Soldaten erinnern, die in den Weltkriegen „for king and country“ gefallen sind.

Anlässlich der Einweihung dieser Synagoge schrieb die konservative Zeitung „Liverpool Courier“ am 4. September 1874:

„Die Juden als Volk sind loyale Bürger des Staates in dem sie wohnen – sicher sind sie das in England. Ihre Religion kennt keine politischen Vorurteile und alles, um was sie bitten, ist die Erlaubnis ihren Glauben in Frieden und in Ruhe ausüben zu dürfen. Ihre Religion ist nicht aggressiv – sie entmutigen eher als dass sie Proselyten machen, und sie sind nicht bemüht die Welt zu ihrem Glauben zu bekehren. In der Gesellschaft sind sie ordentlich und eigenverantwortlich, und sie tragen selbst die Last, die andere Gemeinschaften dem Staat überlassen. In der Tat, die Juden sind mehr als ein interessantes Volk – sie sind in einigen Hinsichten eine beispielsgebende Gemeinschaft, während das schlechte Vorurteil gegen sie keine Grundlage hat.

Nun verlangt man von ihnen keine persönlichen Opfer, man raubt nicht ihr Eigentum, man verbannt und misshandelt sie nicht, wie es ihren Vorfahren geschehen ist. Aber sie opfern freiwillig für ihren Glauben, was andere anmaßendere Gemeinschaften zum Erröten bringen sollte.

Die Synagoge, die gestern eingeweiht wurde, um Gott zu dienen, ist ein prächtiges Monument ihrer Liberalität und Großzügigkeit. Die jüdische Gemeinschaft ist keine große und entgegen dem allgemeinen Glauben ist sie nicht reich, und trotzdem haben diese Wenigen ein Gotteshaus errichtet, das in seiner Pracht mit jeder Kirche vergleichbar ist.

Solche Großzügigkeit und religiöser Eifer verdienen Anerkennung, und wir sind sicher, dass die Öffentlichkeit in Liverpool gut denken wird über eine Glaubensgemeinschaft, die dieses Gebäude auf eigene Kosten errichtet hat. Sie (die Juden) sind mit Recht stolz auf ihre Errungenschaft.“

Die meisten Juden kamen Ende des 19. Jahrhunderts nach Liverpool, um vor den Pogromen und der Verfolgung in Russland und Polen zu flüchten. Viele Juden wanderten über diese große Hafenstadt nach Amerika aus, aber einige siedelten sich hier an, bereits 1740 wurde die erste Synagoge eröffnet. Der methodistische Prediger John Wesley (1703 – 1791) bemerkte in seinem Tagebuch, wie gut Liverpool mit der kleinen jüdischen Gemeinschaft zusammenlebte.

2008 war Liverpool Kulturhauptstadt Europas und die BBC erinnerte daran, dass die Stadt sieben jüdische Bürgermeister hatte, sowie an die Rolle, die Juden in der Weitergabe der musikalischen Tradition gespielt haben und natürlich wurde auch Brian Epstein genannt, der u.a. Manager der Beatles war.

Am Anfang kamen arme Juden, die Straßenhandel betrieben und kein Englisch konnten, doch ihren Kindern wurde eine ausgezeichnete englische Erziehung gegeben, so dass viele zu Ärzten, Rechtsanwälten und Ingenieuren wurden. Dann kamen auch wohlhabende Geschäftsleute aus Hamburg oder London, die große Möglichkeiten im ständig größer werdenden Hafen sahen und einen großen Beitrag zur Entwicklung der Stadt leisteten. Bekannt als Wohltäter ist die Familie Lewis, die eine bis heute existierende Warenhauskette gründete. Jeder Student an der Universität Liverpool kennt die Harold-Cohen-Bibliothek, die von den Familien Cohen und Lewis gespendet wurden.

Unser Fazit: Liverpool ist wirklich einen Besuch wert.

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