Dietrich Bonhoeffer: Ein evangelischer Märtyrer

Der protestantische Widerstandskämpfer wurde vor 75 Jahren von den Nazis hingerichtet.

Dietrich Bonhoeffer (Mitte) im Sommer 1938 mit den angehenden Pfarrern Helmut Lange, Heinz Corves, Friedrich Diening, Walter Schmidt, Gerhard Stähler, Heinz Winkelmann und Kurt Zywietz in Köslin an der Ostsee (Pommern) im sogenannten Sammelvikariat. 


Von Martin Stolzenau

Dietrich Bonhoeffer stammte aus Breslau, hatte seine Hauptwirkungsstätte in Berlin und gilt als einer der bedeutendsten deutschen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er unterschied sich in der Nazizeit von der Mehrheit der Christen und Kirchenführer vor allem durch sein christliches Tätigsein und durch seine konsequente antifaschistische Grundhaltung bis hin zur Hilfe für verfolgte Juden und Beteiligung am antifaschistischen Widerstandskampf. Bonhoeffer, der zur Bekennenden Kirche gehörte und auf die Emigration verzichtete, wurde von den Nazis verfolgt und vor 75 Jahren hingerichtet.

Der für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Theologe prägte den Satz: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“, war für viele Verfolgte und Opfer des Faschismus ein „evangelischer Heiliger“ im Diesseits. Er gilt heute für die Christen als „ein Zeuge des lebendigen Gotts“, wird an vielen Orten vielgestaltig verehrt und hat in Polen Kultstatus.

 

Professor und Studentenpfarrer in Berlin

Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 in Breslau geboren. Sein Vater war Arzt und fungierte als Professor für Psychiatrie sowie Neurologie. Seine Kindheit und Jugend erlebte der Arztsohn in Berlin-Grunewald in sozialer Geborgenheit. Nach dem Schulabschluss studierte er nacheinander in Tübingen und Berlin Theologie. Bonhoeffer hatte bekannte Lehrer wie Adolf von Harnack und Reinhold Seeberg, wandte sich dann aber der Theologie von Karl Barth zu, und ging nach der Promotion 1928 für ein Jahr als Vikar nach Barcelona. Es folgten ein Vikariat in Berlin, die Habilitation und eine Studienreise nach New York, bevor er ab 1931 in Berlin selbst Vorlesungen hielt und an der TH das Amt des Studentenpfarrers ausübte.

Parallel zur Machtübernahme der Nazis entwickelte sich Bonhoeffer zu einer couragierten Führungspersönlichkeit der Bekennenden Kirche. Der Theologe hielt bereits am 1. Februar 1933 einen Radiovortrag über den Missbrauch des „Führerbegriffs“ und veröffentlichte dazu einen Artikel über die notwendige Stellungnahme der Kirche zur Judenfrage. Nach seiner Meinung durfte die Kirche nicht tatenlos zusehen bei der Judenverfolgung. Seine Forderung: „Die Kirche muss dem Rad selbst in die Speichen fallen.“ Bonhoeffer weilte dann einige Monate in London, nahm an einer Ökumene-Tagung in Dänemark teil und übernahm im April 1935 im Auftrag der Bekennenden Kirche die Leitung eines Predigerseminars in Zingst in Vorpommern. Doch die nazikritischen Aktivitäten in Zingst hatten Folgen. Das Predigerseminar in Zingst wurde zunächst auf Nazidruck hin nach Finkenwalde bei Stettin verlegt und dann durch die Gestapo endgültig geschlossen. An das denkwürdige Bonhoeffer-Wirken in Zingst wird heute in der Kirche von Zingst und auch im inzwischen veränderten Zingsthof erinnert.

 

Er hätte einfach in den USA bleiben können

Bonhoeffer verlor nach dem Wirken im Predigerseminar als kirchlicher Nazikritiker seine Lehrbefugnis an der Berliner Universität. Parallel kam er über Hans von Dohnány, seinem Schwager, in Kontakt zu anderen bürgerlichen Nazikritikern bis hin zur Kenntnis erster Umsturzpläne. 1939 folgte er einer Einladung in die USA. Bonhoeffer hielt dort Vorlesungen, lehnte alle Exil-Angebote ab mit dem Hinweis, in Deutschland etwas für einen Machtwechsel tun zu müssen, und war vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wieder zurück. Fortan übernahm der Theologe besondere Aufgaben für die Bekennende Kirche im Widerstand. So traf er im Juni 1942 in Stockholm den englischen Bischof von Chichester, dem er ein Dokument des „Kreisauer Kreises“ übergab, in dem die Attentatspläne der Widerständler angedeutet wurden. Bonhoeffer, der anschließend nach Deutschland zurückkehrte, wurde am 5. April 1943 von der Gestapo verhaftet, kam ins Gefängnis nach Berlin-Tegel und unterhielt über christliche Wachleute einen regen Zettelverkehr nach draußen. Erstaunlicherweise blieb sein direkter Kontakt zum Widerstandskreis auch nach dem Stauffenberg- Attentat lange verborgen.

Doch nach der Entdeckung der sogenannten „Zossener Akten“ mit einem klaren Hinweis auf Bonhoeffer ging alles sehr schnell. Der Theologe wurde nach Aufenthalten im Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße, im KZ Buchenwald bei Weimar und in Schönberg im Bayerischen Wald nach einem kurzen Scheinprozess am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg bei Weiden in der Oberpfalz hingerichtet. Von den hinterlassenen Schriften des Theologen fanden „Gemeinsames Leben“ und „Nachfolge“ die wohl größte Verbreitung. Besonders seine „Nachfolge“-Überlegungen mit seiner persönlichen Auslegung der Bergpredigt und engen „Bindung an den leidenden Christus“ ist für Christen auch in der Gegenwart aktuell.

Inzwischen gibt es in ganz Deutschland viele Bonhoeffer-Erinnerungsstätten und eine Fülle an Bonhoeffer-Literatur. Dazu tragen Straßen seinen Namen. Das gilt für Mecklenburg- Vorpommern ebenso wie für Berlin und Brandenburg. In Berlin tragen die Dietrich-Bonhoeffer- Straße und das Bonhoefferufer seinen Namen. Besonderes Interesse verdient in der Erinnerungskultur das Bonhoeffer-Buch der polnischen Autorin Anna Morawska mit dem Titel „Ein Christ im Dritten Reich“, das für die „Solidarnosc“-Bewegung einst zum Kultbuch gedieh. Unverständlicherweise verweigerte später die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig den Abdruck. So ist die deutsche Übersetzung im weltlichen Aschendorff-Verlag – allerdings mit Fehlern – erschienen.

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Die islamische Bosnien-Connection, die Imame der SS und der „Zentralrat der Muslime“

Die islamische Bosnien-Connection, die Imame der SS und der „Zentralrat der Muslime“

Die frühe islamische Kooperation mit den Nazis (Teil 1: Wie alles begann)

Der Leidens- und Lebensweg des Natan Scharanski

Der Leidens- und Lebensweg des Natan Scharanski

Interview mit dem russisch-jüdischen Dissidenten Natan Scharanski über seine Odyssee durch sowjetische Gulags und seine Arbeit für die Jewish Agency

Der Tod sprach französisch

Der Tod sprach französisch

Zweiter Weltkrieg: Wallonische Soldaten waren an Massaker an 6.000 jüdischen Frauen beteiligt – alle kamen straflos davon.

Dieses „Geschenk“ wollte Stalin nicht

Dieses „Geschenk“ wollte Stalin nicht

Die Nazis boten der Sowjetunion alle Juden an, die 1940 in ihrem Machtbereich lebten: Über 2 Millionen Menschen. Die kommunistische Diktatur ging auf die Anfrage nicht ein.

Der Imperativ der Erinnerungen

Der Imperativ der Erinnerungen

Erst durch die Gründung Israels konnte des Holocausts angemessen gedacht werden.

Unerklärte Kriege gegen Israel

Unerklärte Kriege gegen Israel

Das neue Buch über das Verhältnis der DDR und der westdeutschen radikalen Linken zum jüdischen Staat

Gegen den Strom

Gegen den Strom

Wie Ukrainisch-Katholische Mönche vom Orden der Studiten unter größtem Risiko und mit enormem Aufwand jüdische Kinder retteten

Möge die Zukunft über uns richten

Möge die Zukunft über uns richten

Zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sei auch an den Aufstand des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau vor 75 Jahren erinnert.

Westeuropa: Meaculpismus und der Glaube an die eigene Erbschuld

Westeuropa: Meaculpismus und der Glaube an die eigene Erbschuld

Westeuropäer fühlen sich schuldig für ihre Geschichte – die gewaltvolle Geschichte islamischer Imperien ist ihnen in der Regel unbekannt. Dieses Nicht-Wissen hat Folgen für Denken und Wahlverhalten vieler Menschen gerade im Westen unseres Kontinents.

Henry Kissinger und die Mesusa in Wladiwostok

Henry Kissinger und die Mesusa in Wladiwostok

Ein Jude musste 1974 das Treffen zwischen US- und UdSSR-Staatschef in Wladiwostok organisieren – nicht ohne kuriose Verwicklungen.

Salomo Sachs, der jüdische Regierungsbauinspektor im Preußen Friedrich Wilhelms III.

Salomo Sachs, der jüdische Regierungsbauinspektor im Preußen Friedrich Wilhelms III.

Der Planer der Neuen Wache, der Prenzlauer Allee und zahlreicher anderer Bauten in Berlin, war der einzige Architekt im preußischen Staatsdienst, der seinem jüdischen Glauben nicht abgeschworen hatte.

Das kommunistische Kádár-Regime Ungarns und die Juden

Das kommunistische Kádár-Regime Ungarns und die Juden

Im Nachkriegs-Ungarn hatten die Juden nicht nur mit traditionellem Antisemitismus zu kämpfen, sondern auch unter der antizionistischen Politik des Ostblocks, der sie für das Handeln des Staates Israel in Haftung nahm.

Werbung

Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden