Antisemitismus im Nachkriegs-Deutschland gestern, heute, morgen

75 Jahre und kein Ende: Die Verantwortung der deutschen Politik für ihre jüdische Minderheit.

Der Bundesaußenminister Maas ist erfolglos im Kampf gegen Antisemitismus.© Christof STACHE, AFP

Von Michael Guttmann

Im jungen Alter hielt ich den Antisemitismus für eine Epidemie, die ab und an die Menschen aufsucht und dann wieder abklingt. Eine Art virulenter Naturplage, die schwer zu erklären ist. Heute weiß ich, dass die Vielfalt der Phänomene durchweg erklärbar ist, wenn man sich mit den Gesellschaftsformen, unter denen der Antisemitismus wirkt, näher befasst.

Um die Jahreswende 2019/20 wurde der Antisemitismus in Deutschland wieder einmal Dauerthema. Anlass waren mehrere Vorfälle und das Auschwitz-Jubiläum. Was sind die Ursachen dafür, dass 75 Jahre nach der Befreiung von der Nazidiktatur, das Thema Antisemitismus wieder akut wird? Haben die Deutschen noch immer keine Lehren gezogen, weder im Osten noch im Westen, noch im wiedervereinten Deutschland? Der Fernsehbeitrag „Schalom Genossen“ behandelte den Antisemitismus in der DDR. Bespitzelung, Vorurteile, Friedhofschändungen hat es auch im Sozialismus gegeben. Mehr noch. Moskaus Schauprozesse gegen jüdische Ärzte unter Stalin, Slanskis Verurteilung in Prag, angeblich wegen pro-zionistischer Spionage, waren mit Hinrichtungen verbunden. In der DDR hat das zu einer wiederholten Filterung der Partei- und Staatskader geführt, was hauptsächlich Rückkehrer aus westlicher Emigration betraf und damit vorrangig Juden erwischte.

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