Dieses „Geschenk“ wollte Stalin nicht

Die Nazis boten der Sowjetunion alle Juden an, die 1940 in ihrem Machtbereich lebten: Über 2 Millionen Menschen. Die kommunistische Diktatur ging auf die Anfrage nicht ein.

Der Brief des Leiters vom Neuansiedlungsamt beim Rat der Volkskommissare der UdSSR an dessen Vorsitzenden Molotow vom 9. Februar 1940

Von Pavel Poljan

Im ehemaligen Parteiarchiv der UdSSR wird ein hochinteressantes Dokument aufbewahrt: Der Brief des Leiters vom Neuansiedlungsamt beim Rat der Volkskommissare der UdSSR an dessen Vorsitzenden Molotow vom 9. Februar 1940, mit dem folgenden Inhalt:

„...Das Neuansiedlungsamt erreichten zwei Briefe aus den Umsiedlungsbüros in Berlin und Wien bezüglich der Frage der Organisation einer Übersiedlung der jüdischen Bevölkerung aus Deutschland in die Sowjetunion, konkret nach Birobidschan und in die Ukraine. Gemäß dem Abkommen zwischen den deutschen und sowjetischen Regierungen über die Evakuierung der Bevölkerung können in die Sowjetunion ausschließlich Ukrainer, Rusyne, Russen und Weißrussen evakuiert werden. Nach unserer Auffassung können die Vorschläge besagter Umsiedlungsbüros nicht akzeptiert werden. Bitte um Ihre Anweisungen.“

Allein schon die Namen der deutschen Unterzeichner der Briefe – wären sie in diesem Schreiben erwähnt – hätten einen erschaudern lassen: Es ist anzunehmen, dass die Briefe aus Berlin und Wien von Adolf Eichmann und Franz Josef Huber verfasst wunden. Der Letztere übernahm vom zukünftigen Henker der baltischen Juden, Franz Walter Stahleker, den Inspekteur-Posten beim Sicherheitsdienst (SD) in Wien und leitete dort unter anderem auch das Umsiedlungsbüro. Der tatsächliche Strippenzieher in Wien wurde, nachdem Eichmann Wien verließ und nach Berlin ging, sein ehemaliger Stellvertreter und engster Mitarbeiter, SS-Hauptsturmführer Alois Brunner, der im Januar 1941 offiziell zum Leiter des Büros ernannt wurde. Und über allen diesen Gestalten schwebte der Schatten des Leiters vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA), Stellvertretenden Reichsprotektors in Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich.

Leider konnten die im Schreiben erwähnten „Anlagen auf sechs Seiten“ weder in den deutschen noch in den russischen Archiven gefunden werden. Dennoch ist der Sinn dieser fehlenden deutschen Briefe eindeutig: Hitler bot Stalin alle Juden an, die zu diesem Zeitpunkt in deutsche Zuständigkeit fielen. Dabei ist auch die Antwort auf dieses „Angebot“ ersichtlich: „...die Vorschläge… können nicht akzeptiert werden“; mit anderen Worten, eure Juden können wir nicht nehmen.

Um sowohl die Frage als auch die Antwort darauf besser verstehen zu können, erscheint es sinnvoll, die Berliner und Wiener Briefe unter folgenden Aspekten zu analysieren: Aus der Perspektive des Absenders, des Empfängers und unter Berücksichtigung der damaligen bilateralen Beziehungen.

 

Eichmanns Tätigkeit

Die Initiative ging offensichtlich von Eichmann aus. Im Oktober 1934 meldete er sich freiwillig zum Sicherheitsdienst (SD) der SS und leitete seit Juni 1935 in der neugeschaffenen Abteilung das Referat II 112 (Juden), wo seine Aufgabe war, die sogenannte „Auswanderung“ – also die Vertreibung der Juden aus Deutschland – voranzutreiben. Eichmann lernte Hebräisch und Jiddisch und traf sich mit führenden Zionisten. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 wurde er in das gleiche Referat nach Wien versetzt, als SD-Führer im SS-Oberabschnitt Donau, damals unter der Leitung Stahlekers.

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