Der Tod sprach französisch

Zweiter Weltkrieg: Wallonische Soldaten waren an Massaker an 6.000 jüdischen Frauen beteiligt – alle kamen straflos davon.

Angehörige der wallonischen SS


Von Redaktion Audiatur

An der Seite der Deutschen im Zweiten Weltkrieg eingesetzte wallonische Soldaten waren am Massaker an 6.000 jüdischen Frauen im Konzentrationslager Stutthof in Polen beteiligt. Laut eines Beitrags von RTBF (Radio-télévision belge de la Communauté française) belegt eine Akte der deutschen Justiz, dass es sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt.

Der Recherche des RTBF liegt die Zeugenaussage von „Antoine“ zugrunde, dem Sohn eines ehemaligen „Rexisten“ im Zweiten Weltkrieg. Als Rexisten bezeichnet man in Belgien die Anhänger der wallonischen faschistischen Bewegung Rex, die während der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs mit den Nationalsozialisten kollaborierten. Laut dem RTBF-Beitrag waren „französischsprachige Personen aus Wallonien und Brüssel“ an dem Massaker an 6.000 jüdischen Frauen in Polen beteiligt. Zum damaligen Zeitpunkt, Januar 1945, wird den Deutschen klar, dass sie den Krieg verloren haben. Sie zerstören so viele belastende Beweise wie möglich: Gaskammern, Konzentrationslager usw. Und sie töten. So wurden 6.000 jüdische Frauen, bewacht vor allem durch flämische, wallonische und Brüsseler Soldaten, auf Anordnung Nazi-Deutschlands ermordet.

Ihre letzte Reise ging zu Fuß in Richtung Königsberg, etwa hundert Kilometer entfernt. Auf dem Weg starben die Frauen reihenweise, bevor sie das Ziel erreichten. Dann steuerten die Soldaten das Dorf Palmnicken an. Dort fand das Massaker statt. Die Gefangenen wurden an den Strand gebracht und mit Gewalt in das eisige Meer getrieben. Frank Seberechts, Historiker am Cegesoma, dem belgischen Institut für die Erforschung der Konflikte des 20. Jahrhunderts, berichtet:

„[S]ie schießen auf sie, werfen Granaten nach ihnen. Einige schießen nicht, andere hingegen beschreiben in ihren Berichten nach dem Krieg die Befriedigung, die sie bei der Hinrichtung dieser Frauen verspürten. Ihr Hass kennt keine Grenzen.“

Die Hypothese, dass wallonische Soldaten ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, wird durch eine 1.600 Seiten umfassende Akte untermauert, die von der deutschen Justiz in den 1960er Jahren verfasst wurde.

„Es waren etwa zwanzig deutsche Offiziere dort, aber auch 120 bis 150 ausländische Wachmänner, die aus westlichen Ländern kamen. [Die Überlebenden des Massakers] geben an, dass diejenigen, die schossen, Deutsch, Russisch, Litauisch, aber auch Französisch und Flämisch sprachen. Diese Entdeckung war für uns unfassbar. Wie konnten Menschen von so weit her gekommen sein, um, am anderen Ende des Kontinents, unschuldige jüdische Frauen zu töten? Es geht aus diesen offiziellen Unterlagen eindeutig hervor, dass Belgier, Wallonen sehr wohl an diesem Massaker beteiligt waren“, bestätigt der Journalist Alexys Chabounine, Autor eines Artikels über das Massaker von Palmnicken beim RTBF.

 

Niemand wurde verurteilt

Trotz einer sorgfältigen und genauen Zusammenstellung der Ausschreitungen wurde kein einziges Urteil zu diesem Verbrechen gefällt. „Niemand wurde verurteilt. Der Hauptbeschuldigte Fritz Weber, der SS-Mann, der den Konvoi befehligte, wurde festgenommen. Jedoch beging er 1965 im Gefängnis Selbstmord, bevor er verurteilt wurde. Weitere Verdächtige wurden nicht gefunden. Dieser umfassende Bericht führte zu keiner einzigen Verurteilung. Weder bei den Deutschen, noch bei den Russen, den Flamen oder den Wallonen…“, fasst der Journalist zusammen.

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