Gegen den Strom

Wie Ukrainisch-Katholische Mönche vom Orden der Studiten unter größtem Risiko und mit enormem Aufwand jüdische Kinder retteten

Hieromönch Daniil Tymtschina mit den Pflegekindern aus dem Klosterstift; in der Mitte – Adam Rotfeld

Was Studiten-Mönche für die Rettung der Juden auf sich nahmen, wer sich am Leid seines Nächsten bereicherte, wie die geheime Rettung funktionierte und wie oft sie aufzufliegen drohten, darüber sprach Michail Gold mit dem Historiker Dr. Juri Skyra.

 

Michail Gold: Der Name des Großerzbischofs Metropoliten Andrej Scheptyzkyj (1865 – 1944) ist bekannt. Über seinen Bruder hingegen, den Abt Clementij Scheptyzkyj, wissen wir kaum etwas. Wer aber war dieser Mensch, dem der Metropolit das Schicksal vieler Juden überantwortete?

Dr. Skyra: Clementij wurde erst mit 42 Jahren zum Mönch und mit 46 wurde er in den Rang eines Abtes erhoben. Zu dieser Zeit hatte er bereits eine glänzende säkulare Karriere hingelegt: Ein Studium in München und an der Sorbonne, hatte einen Doktortitel der Rechtswissenschaften, erworben an der Jagielloni-Universität in Krakau; arbeitete als Rechtsanwalt, darüber hinaus war er Abgeordneter im österreichischen Parlament und im Galizischen Sejm (Landtag) in Lemberg.

Dies alles bis 1911, als Clementij ins Kloster ging. Ihn prägte die Bereitschaft, für andere zu leben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Metropolit für solch eine gefährliche Mission diesen – ihm am nächsten stehenden – Menschen ausgewählt hat. Die Brüder Scheptyzkyj fanden große Unterstützung: Nach den sowjetischen Repressionen 1939-1941 verblieben in den Klöstern nur die Stärksten, die Hartgesottenen. Sie wussten, was Gefahr und ein Leben unter ständiger Bedrohung bedeutet und willigten sofort ein, als der Metropolit Scheptyzkyj zur Rettung der Juden aufrief.

Der Hauptort der Zuflucht wurde die St.-Jura-Kathedrale (in Lemberg). Die Kathedrale wurde vielmehr zu einem Knotenpunkt, einem Koordinationszentrum für diejenigen, für die ein Zufluchtsort gesucht wurde. Die Kathedrale trat bereits früher einmal in dieser Rolle auf: In den 1930er Jahren, in der Zeit der „Pazifizierung“ (militär-politische Maßnahmen der polnischen Regierung gegen die ukrainische Bevölkerung, - Anm. d. Übers.) wurden auf die Anweisung des Metropoliten hin ein Teil der Räume zu einem Hospital für die durch die polnische Polizei verletzten und verwundeten Ukrainer umgebaut. Nach der Machtergreifung der Sowjets hielten sich dort zwei Monate lang Verwandte der Scheptyzkyjs auf. Auch während der deutschen Besatzung fanden im Metropoliten-Palast viele Zuflucht; besonders aber die Juden.

Michail Gold: Nachbarn oder Bekannten ließen sich einen Unterschlupf für Juden teuer bezahlen…

Dr. Skyra: Folgende Geschichte illustriert die Selbstlosigkeit der Mönche sehr eindrucksvoll, die Geschichte von Mark Weintraub: Mehrere Wochen lang versteckte er sich in den Kellerräumen der Kathedrale, während seine Familie im Getto blieb. Er konnte schließlich nicht länger fern von seiner Familie sein und beschloss, zurückzugehen. Die Mönche hatten Bedenken: Was, wenn Weintraub in die Hände der Deutschen gelangt und unter Folter sein Versteck preisgibt? Dennoch sagte Clementij schließlich: „Du kannst hier bleiben so lange wie nötig; es steht dir aber frei, wieder zu gehen.“ Ein junger Mönch brachte Mark aus dem Metropoliten-Palast und führte ihn ins Getto. Und von dieser Zeit an beginnt die Leidensgeschichte der Familie Weintraub, die zeigt, wie gefährlich es ist, sein Leben in die Hände der Menschen zu legen, für die die Rettung eines fremden Lebens kein Ziel an sich darstellt.

Marks Mutter fand eine arme Frau – die Putzfrau in einem Sportklub, Frau Gordinski –, die bereit war, der Familie Weintraub Unterschlupf zu geben, allerdings für 25.000 Zloty im Monat, was einem Viertel Kilogramm Gold entsprach! Die ersten drei Monate verliefen ruhig, mit der Zeit konnte Frau Gordinski dem Reiz des Geldes nicht widerstehen; sie begann, Tanzabende zuhause zu veranstalten, bestellte zum Abendessen ein halbes Kalb – während in der Stadt Hungersnot herrschte. Es gingen Gerüchte um, die Dame verstecke Juden. Drei Mal wurden die Weintraubs verhaftet, drei Mal konnten sie sich freikaufen.

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