Weihnachtsgeschichte: König Herodes war besser als sein Ruf

Was Sie über die Geburtskirche in Betlehem und den jüdischen König wissen sollten

Das Herodion, eine von König Herodes errichtete Festungsanlage im heutigen Westjordanland

Von Ulrich W. Sahm

Während man in Nordeuropa mit Stollen, Spekulatius und der Kerze am Christbaum Weihnachten feiert, begibt sich der christliche Pilger auf den Spuren der Heiligen Familie nach Bethlehem. Mit der biblischen Erzählung im Gepäck reisen jährlich Zehntausende zur Geburtsstätte Jesu, oder wie die heutigen Nachrichtenagenturen politisch korrekt schreiben würden: an jenen Ort, wo der christliche Messias „mutmaßlich“ geboren wurde. Aber nicht nur die Frommen versammeln sich hier. Seit jeher ist dieser Ort auch ein Spielball der Politik.

Alles ist „mutmaßlich“, da die Archäologen bis heute keinen Beweis für die Existenz des Königs David – dem berühmten Vorfahren Jesu – oder für jenen weltweit bekannten Sohn eines Zimmerers aus Nazareth gefunden haben. Unklar ist auch, was die Forscher eigentlich finden wollen, einen Ausweis, den es damals noch nicht gab, eine Visitenkarte oder nur eine „zeitgenössische“ Inschrift? Es ist nicht einmal gewiss, ob die berühmte Geburtsstadt Jesu südlich von Jerusalem das wahre Bethlehem ist, oder vielleicht eher ein kaum bekanntes Dorf nahe Nazareth in Galiläa, wo Jesu Familie doch angeblich wohnte.

Köstliche Legenden ranken sich rund um Jesus und seine Geburt. Maria und Josef waren ja nur „verknastet“, wie es in einer jiddischen Übersetzung des Neuen Testaments heißt. Das bedeutet, dass sie nur „verlobt“ waren und nicht verheiratet. Gemäß damaligen Moralvorstellungen und teilweise noch heute üblichen Sitten und Gebräuchen, durften sie sich nicht einmal berühren. Aus der Bibel entnehmen wir, dass Maria mit dem „Sohn Gottes“ schwanger wurde, indem der Erzengel Gabriel ihr ins Ohr flüsterte. Dazu haben mittelalterliche Rabbiner in einer antichristlichen Polemik festgestellt, dass Maria sogar nach der Geburt noch eine „Jungfrau“ blieb. Denn sie sinnierten: „wo der Samen reingeht, kommt das Kind auch heraus“. Gemäß dieser rabbinischen Logik war also Maria „durch das Ohr“ geschwängert worden. Demnach muss das Jesus-Kind auch durch das Ohr auf die Welt gekommen sein.

 

Historische Propaganda

Wenn tatsächlich der berühmte König Herodes zur Geburt Jesu noch lebte und ein Massaker an Kindern in Bethlehem angerichtet hätte, um seinen frisch geborenen „Widersacher“ aus der Welt zu schaffen, dann muss die Geburt Jesu schon im Jahr 4 vor Christi Geburt stattgefunden haben. Denn Herodes war nachweislich im Jahr 1 der christlichen Zählung schon längst tot. Forscher meinen übrigens auch, dass bei dem berühmten Kindermord in Bethlehem, wenn es ihn denn gegeben hätte, kaum mehr als 6 oder 7 Kinder getötet worden sein könnten. Denn Bethlehem hätte damals nur wenige Einwohner gehabt und von denen sollten nur die Erstgeborenen umgebracht worden sein. Das wäre in der damaligen Zeit eine so geringe Zahl von Toten gewesen, dass Historiker kaum davon Notiz genommen hätten. Herodes hatte überhaupt eine schlechte PR. Jede denkbare Missetat wurde ihm angehängt und sei dann hochgespielt worden, behaupten moderne Forscher. Sicher erscheint nur eines: Herodes war einer der größten Bauherren des Heiligen Landes. Zu den Werken seiner Ära gehörten unter anderem die Erweiterung des Jerusalemer Tempels und der Neubau des Hafens von Caesarea. Er beschäftigt die Archäologen noch heute: Erst im Mai 2007 hat der israelische Archäologe Ehud Netzer, ein Sohn von Puah Ben-Tovim, der Hebräisch-Lehrerin Franz Kafkas, auf dem riesigen künstlich aufgeschütteten Herodion-Berg bei Bethlehem das Grabmal des Herodes und sogar dessen mutwillig zertrümmerten Sarkophag entdeckt.

 

Legionäre aus Germanien bei Herodes‘ Begräbnis

Netzer, Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem, war ein Experte für die Architektur des Königs Herodes und hatte sein Leben lang nach diesem Grab gesucht. Der römische Historiker Josephus Flavius hatte das Staatsbegräbnis des Königs Herodes in allen Einzelheiten beschrieben, und festgestellt, dass sogar Legionäre aus Thrakien und Germanien Spalier standen, als er auf einer goldenen Bahre liegend entlang einer säulengesäumten Prachtstraße zu seinem Mausoleum getragen wurde. „Legionäre aus Germanien“ – das klingt in heutigen Ohren beeindruckend und für den damaligen Leser sollte es die Bedeutung dieser Figur unterstreichen. So ändern sich die Zeiten. Ein Besuch von Bundeswehrsoldaten in Israel ist heutzutage eine kurze Meldung unter „Vermischtes“. Deshalb versucht man im Nahen Osten auch heute noch, Geschichte umzuschreiben, um sich im Glanz der alten Zeiten zu sonnen. So wird behauptet, dass Jesus nicht nur der „erste Palästinenser“ war, sondern auch, dass der Gekreuzigte sogar als „Märtyrer beim Aufstand gegen die römischen Besatzer“ gestorben sei und deshalb den palästinensischen Selbstmordattentätern Vorbild sein sollte. Versöhnlichere Töne schlug Professor Hamid Dabashi von der Columbia University auf „Al Jazeera“ an, als er zu Weihnachten 2018 zwar der Existenz Israels nichts abgewinnen konnte, aber doch feststellte, dass das Judentum seinen Platz im Heiligen Land hat. Er sagt: „Jesus war ein palästinensischer Jude, der Aramäisch sprach, eine Sprache in derselben Familie wie Hebräisch und Arabisch. Er stammte aus derselben prophetischen Tradition wie die Propheten Moses und Mohammad.“

 

Weihnachten in Bethlehem heute

Man kann auch „ernsthaft“ über die Traditionen rund um Bethlehem berichten. Im 3. Jahrhundert hat Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin, das Heilige Land besucht. Dabei hatte sie zahlreiche christliche Stätten „wiedergefunden“, darunter auch die Grotte unter der heutigen Geburtsbasilika in Bethlehem, wo die Krippe Jesu gestanden habe. Da der römische Kaiser Hadrian über der Stelle einen Adonis-Tempel errichtet habe, war klar, dass so eine ältere, von Juden oder Christen verehrte Stelle „versteckt“ werden sollte. Die Höhle, die Christen als Geburtsstätte Jesu ansehen, wurde ab dem 2. Jahrhundert verehrt. Kaiser Konstantin der Große und seine Mutter Helena ließen an der Geburtsstätte eine Kirche mit bunten Mosaikböden errichten, die teilweise heute noch zu sehen sind. In die Grotte gelangen die Pilger durch eine riesige und wunderschöne Basilika, gesäumt von mächtigen Säulen, auf die Kreuzfahrer Figuren von Heiligen gemalt hatten. In einer dieser Säulen auf der rechten Seite befinden sich 5 kleine Löcher in Kreuzform. Diese werden von insbesondere von muslimischen Frauen verehrt. Sie kommen und stecken ihre Finger in die Löcher, um schwanger zu werden.

 

Heiliger Besitz im Wandel der Zeit

Das Hauptschiff der im Jahr 335 geweihten Kirche gehört heute der griechisch-orthodoxen Kirche. Es ist eines der ältesten erhaltenen christlichen Gotteshäuser und seit Anbeginn eines der wichtigsten. 386 kam der heilige Hieronymus nach Bethlehem, wo er seine lateinische Bibelübersetzung „Vulgata“ vollendete. In der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts wurde die konstantinische Basilika vollständig neu erbaut. Man vermutet, es habe zuvor einen Brand oder ein Erdbeben gegeben. Wesentliche Änderungen des Neubaus waren das Abdecken des Mosaikbodens mit Steinplatten, die Vergrößerung des Ostabschlusses mit drei Apsiden und ein doppelter Treppenabgang zur Grotte, so dass nun die Pilger auf einer Treppe zur Geburtsstätte gelangen und sie über die zweite Treppe wieder verlassen konnten. Während andere Kirchenbauten 614 von vorrückenden Persern beschädigt wurden, blieb diese Kirche verschont. Möglicherweise haben die Perser eine Darstellung der drei Könige aus dem Morgenland gesehen und geglaubt, dass es sich um ein persisches Heiligtum handelte. Die Kreuzfahrer restaurierten (1161–1169) die Kirche. Unter den Osmanen verfiel die Kirche zunehmend. 1670 begann die griechisch-orthodoxe Kirche, die Basilika zu renovieren. Am mutmaßlichen Geburtsort in der Geburtsgrotte wurde exakt auf der Mittelachse der Basilika 1717 von der römisch-katholischen Kirche ein silberner Stern mit der Inschrift „Hic de virgine Maria Jesus Christus natus est“ („Hier wurde Jesus Christus von der Jungfrau Maria geboren“) angebracht. Seine 14 Zacken symbolisieren die 14 Geschlechter im Stammbaum Jesu. Gegenüber der Geburtsstelle sollen der Ochs und der Esel gestanden haben. Das ist wohl eher symbolisch gemeint, wobei der Esel das jüdische Volk und der Ochse die „Völker“ darstellte, also Jesu Bestimmung, als jüdischer Messias alle Völker der Welt zu „erlösen“.

Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen über die Verwendung des Gebäudes, sodass die „Hohe Pforte in Istanbul“ 1757 eine Regelung zum „Status quo“ festlegen musste. Demzufolge gehören heute noch der Hauptaltar und die rechten Seitenaltäre den Griechen und zwei Seitenaltäre links den Armeniern. Den römischen Katholiken (Lateiner) blieben neben dem Dreikönigsaltar und dem Stern unter dem Geburtsaltar nur die Hieronymus-Grotten und ein Platz links von der Kirche, wo sie einen Kreuzgang und ab 1881 eine eigene Kirche errichteten, die Katharinen-Kirche. Im armenischen Teil sind auch schwarze Kreuze im goldenen Mosaikboden eingelassen, ein Zeichen, dass dieses Mosaik vor dem 4. Jahrhundert geschaffen worden war. Denn sowie das Kreuz zu einem „heiligen Symbol“ erklärt worden war, durfte es keinen Fußboden mehr schmücken, um nicht mit Schuhen beschmutzt zu werden, wie ein Tourguide bei einer Führung erklärte, nachdem er die schützende Holzklappe über dem Mosaik geöffnet hatte.

Nachdem der silberne Stern in der Geburtsgrotte 1847 entfernt worden war, wurde er zwar 1852 von Sultan Abdelmid I. neu gestiftet, doch führte dieser Vorfall zum Ausbruch des Krimkriegs. Nach starker Beschädigung durch ein Erdbeben (1927) ließen die britische Mandatsverwaltung und später die Franziskaner Ausgrabungen und Restaurierungen durchführen.

Streit unter Christen

Auch in neuerer Zeit gibt es immer wieder Streitigkeiten zwischen den Konfessionen über die Nutzung der Kirche. Ende Dezember 2007 und 2011, beim traditionellen Kirchenputz für das orthodoxe Weihnachtsfest, kam es zu Raufereien zwischen armenisch- und griechisch-orthodoxen Priestern. Die Polizei musste dabei eingreifen und schlichten. Als „Kompromiss“ darf der Armenier auf einem Fenstersims stehen und nur so weit die Wand abwischen, wie sein „kurzer“ Besen reicht. Die halbrunden Spuren des geschwungenen Besens waren anschließend auf den weißgetünchten Mauern der Kirche deutlich zu erkennen.

Eine notwendige Dachrenovierung scheiterte jahrelang an der Frage nach der Finanzierung, wurde aber 2013 begonnen und ist inzwischen abgeschlossen. Jahrelang waren das Hauptschiff und die Säulen eingerüstet und mit Tüchern verhüllt. Inzwischen erstrahlt die Kirche in neuem Glanz, vor allem dank der unter dem alten Putz neu entdeckten Mosaiken an den Seitenwänden über den Säulen.

Zu den architektonischen Besonderheiten der Kirche gehört das monumentale Eingangstor. Man sieht, wie es im Laufe der Geschichte immer wieder verkleinert worden ist. Heute muss man sich tief bücken, um durch den kleinen niedrigen Eingang aus drei mächtigen Felssteinen in das Gotteshaus zu langen. So wollten die Bauherren verhindern, dass man hoch zu Ross in die Kirche hineinreiten konnte.

Die Weihnachtsfeiern beginnen am 24. Dezember morgens, wenn der katholische Patriarch mit seiner Autokolonne von Jerusalem nach Bethlehem einzieht. Genau auf halber Strecke gibt es beim griechischen Mar-Elias-Kloster eine „Wachablösung“. Während bis dorthin israelische Polizisten hoch zu Ross den Patriarchen-Konvoi begleiteten, übernehmen ab dort „palästinensische“ Pfadfinder die Ehrenbegleitung. Das Mar-Elias-Kloster befindet sich nahe einer älteren Heiligen Stätte, „Kathisma“ oder „Stuhl der Maria“ genannt. Am Straßenrand sieht man zwischen Olivenbäumen noch die Grundmauern einer im 3. Jahrhundert rund um einen bloßen Felsen errichteten oktogonalen Kirche mit wunderbaren bunten Mosaiken und einer griechischen Inschrift unter dem Eingangsbereich. Die Mosaiken sind nach Ausgrabungen zu ihrem Schutz wieder mit Sand bedeckt worden.

Gemäß der Legende ist an dieser Stelle die hochschwangere Maria von ihrem Esel herabgestiegen und habe sich auf den Felsen gesetzt. Da habe sich der Felsen ihrer Körperform angepasst, damit sie gemütlich sitzen könne. Dieses wurde von den Griechen dann zur Heiligen Stätte erklärt, an der die Pilger auf dem Weg von Jerusalem nach Bethlehem beten und prozessieren mussten. Das war ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell. Denn so wurden die Pilger lange genug aufgehalten, dass sie die Geburtsstadt Jesu erst bei Dunkelheit erreichten. Dort mussten sie dann ein Hotel buchen, frühstücken und Andenken einkaufen, ehe sie nach Jerusalem zurückkehren konnten. Heute ist diese Masche zum Schaden der Tourismus-Industrie in Bethlehem wieder vergessen. Die Touristen reisen in ihren Bussen an, werden von den Tourguides mal eben schnell durch die Geburtskirche gejagt, um kurz bei der Krippe innezuhalten. Danach besteigen sie wieder ihre Busse und eilen zurück nach Jerusalem, ohne auch nur einen Pfennig in Bethlehem ausgegeben zu haben.

 

1994 übernahm Arafat das Ruder

Seit 1994 werden die Weihnachtsfeierlichkeiten in Bethlehem für politische Zwecke missbraucht. Am Tag vor Weihnachten 1994 hatten sich die israelischen Besatzer aus Bethlehem zurückgezogen und die Stadt der „palästinensischen“ Autonomiebehörde übergeben.

Arafat war mit seinem Hubschrauber bei den Hirtenfeldern vor Bethlehem gelandet und zog nach Bethlehem. Die Weltpresse durfte ein hohes Geschäftshaus zwischen dem Krippenplatz und dem „Friedenszentrum“ besteigen. Von dort konnte man gut sehen, was sich auf dem Dach der Geburtskirche abspielte. Eine riesige „palästinensische“ Flagge hing an der Außenmauer unter der Stelle, wo Arafat Tausenden johlenden „Palästinensern“ eine Rede hielt. Unsichtbar für die Feiernden auf dem Krippenplatz unten, aber gut erkennbar für die Presseleute auf dem Dach des Geschäftshauses war ein großes Modell des muslimischen Felsendoms mitsamt der vergoldeten Kuppel von Arafat auf das Dach der christlichen Heiligen Stätte gehievt worden. Das war ein höchst symbolischer Akt, um der Menschheit zu zeigen, dass jetzt der Islam übernommen habe. Eigentümlicherweise hat außer dem Schreiber dieser Zeilen keiner der anwesenden Journalisten diesen Vorgang fotografiert und in seinen Berichten dokumentiert. In den Jahren danach nutzten immer wieder „Palästinenser“ die Anwesenheit von viel ausländischer Presse während des Patriarcheneinzugs, um mit englischsprachigen Schildern gegen Israel und die Besatzung zu demonstrieren. Gleichzeitig hing wie eine Ikone das Abbild Arafats über dem Eingang der Geburtskirche, wenn die Geistlichen warteten, um den einziehenden Patriarchen vor dem Tor zu begrüßen.

Während der Zweiten Intifada kam es dann im April 2002 zu einer 39 Tage dauernden Belagerung der Anlage durch israelisches Militär, nachdem 40 bewaffnete „palästinensische“ Kämpfer in die Geburtskirche geflüchtet und sich dort verschanzt hatten. Außerdem waren ca. 160 weitere Personen (Friedensaktivisten sowie 60 Priester, Mönche und Nonnen) in dem Kirchenkomplex eingeschlossen. Die Vertreter der christlichen Kirchen verweigerten später eine Bestattung von zwei erschossenen „Palästinensern“ im Kirchenkomplex, aus Angst, dass militante Muslime hier einen Verehrungsplatz einrichten könnten.

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