Bargeld ist Freiheit – insbesondere für verfolgte Juden

Regierungen und multinationale Unternehmen drängen zur bargeldlosen Wirtschaft. Der Verbraucher hingegen, der nicht zum Gläsernen Bürger werden will, möchte sich nicht von seinem physischen Geld trennen. Eine jüdische Sicht auf die Wichtigkeit des Bargeldes in der jüdischen Geschichte.

Bargeld bedeutet Freiheit – damals wie heute.

Von Michael Selutin

Für Regierungen ist Geldwäsche und Steuerhinterziehung ein großes Problem und Bargeld ist ein wichtiger Faktor, der das Verstecken von Geld vor den hungrigen Augen des Staates möglich macht. Bargeld kann in einem unauffäligen schwarzen Koffer oder anderen mehr oder weniger kreativen Verstecken transportiert werden und hinterlässt keine Spuren. Hier in Israel (sicherlich passiert das in Deutschland niemals) fragt ein Handwerker manchmal, ob man bar zahlt – falls ja, wird keine Umsatzsteuer veranschlagt und die Kosten für seine Arbeit sind 17 % niedriger. Das ist für den Staatshaushalt natürlich ein großes Problem.

 

Geld waschen und verstecken

Bei der Geldwäsche läuft es andersherum: hier wird illegal erworbenes Geld durch Bargeld wieder in den Wirtschaftskreislauf gebracht. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums sollen in Deutschland jedes Jahr bis zu 100 Milliarden Euro illegal gewaschen werden. Der Staat hat also ein großes Interesse an einer bargeldlosen Wirtschaft, denn dann kann Geld nicht einfach verschwinden oder auftauchen, sondern lässt sich verfolgen. Indirekt profitiert natürlich auch der Bürger von einer prall gefüllten Staatskasse, aber muss das Bargeld wirklich abgeschafft werden, um dies zu erreichen?

Große, multinationale Unternehmen haben ebenfalls ein Interesse, vor allem am bargeldlosen Einkaufen. Kreditkartenabieter verdienen an allen Transaktionen mit ihren Karten, Online-Geschäfte können Kunden mit nur einem Klick zum Kauf anregen, niemand muss mehr sein Haus verlassen, um sein Geld auszugeben und die Zukunft verspricht, Bargeld sogar ganz überflüssig zu machen. Die Vorstellung von einem Smart Home, das feststellt, wenn im Kühlschrank die Mayonaise zu Ende geht und automatisch eine neue Tube bestellt, beruht auf Online-Einkäufen, bei denen natürlich kein physisches Geld den Besitzer wechselt. Wenn jemand zu Hause sagt „Alexa, bestell mir eine Pizza“, dann wird Amazons Alexa-Gerät eine Transaktion vom Konto des Besitzers zum Konto des Pizzalieferanten durchführen, Trinkgeld für den Pizzaboten wird gleich mit angegeben (Da in diesem Fall das Trinkgeld nicht bar bezahlt wurde, kann der Pizzabote dieses nicht heimlich in die eigene Tasche stecken, sondern muss es mit seinen Kollegen teilen, wenn am Ende des Tages alles zusammengerechnet wird). Aus Sicht des progressiven Verbrauchers wird Bargeld in naher Zukunft also kaum noch benötigt, alles lässt sich mit Kreditkarte bezahlen oder online bestellen. Natürlich gibt es bereits verschiedene Apps, die Zahlungen per Smartphone oder Smartwatch erlauben.

Es gibt jedoch einen Bereich, der Bürgern und Verbrauchern Angst vor einer bargeldlosen Wirtschaft macht – der Verlust der Anonymität. Auch als guter Bürger, der seine Steuern zahlt und als guter Verbraucher, der kein Problem damit hat, dass ein Algorithmus von Google oder Facebook ihm perfekt zugeschnittene Werbeangebote macht, da diese wissen, was er gekauft oder angeschaut hat, hat man doch ein ungutes Gefühl, wenn man weiß, dass jede finanzielle Transaktion nachverfolgt werden kann.

Wir wollen nicht, dass eine Behörde oder Marketingabteilung über alle unsere Schritte informiert ist, auch wenn man nichts zu verbergen hat. Außerdem – wer weiß denn schon, ob man nicht doch einmal in eine Situation gerät, in der man auch als guter Bürger gezwungen ist, seine Finanzen vor staatlicher Überwachung zu schützen?

 

Bargeld bei jüdischen Flüchtlingen

Für den „wandernden Juden“ Europas war Bargeld immer ein überlebenswichtiges Asset. Im Laufe der über 2000 Jahre alten Geschichte der Juden in Europa (die ersten Juden kamen bereits vor der Zeitrechnung unter den Römern nach Europa) wurden Juden immer wieder von ihren Wohnorten vertrieben oder sie flüchteten vor Pogromen und Unterdrückung. Münzen, Schmuck und Edelmetalle waren ein Weg, um Mobilität zu gewährleisten, während feste Assets wie Immobilien im Falle einer Auswanderung eher hinderlich und während des größten Teils der europäischen Geschichte für Juden sowieso nicht zugänglich waren.

In den 1930er Jahren wurde Bargeld für jüdische Flüchtlinge noch wichtiger, da es einerseits genutzt wurde, um die hohe von den Nazis eingeführte Ausreisesteuer aus Deutschland zu zahlen, und andererseits, um in einem Zielland aufgenommen zu werden. So durften zwischen 1933 und 1937 nur Personen in das britische Mandatsgebiet Palästina einreisen, die als „Kapitalisten“ klassifiziert waren. Das bedeutete, dass sie über 1.000 britische Pfund in nicht festen Assets besassen oder ein Einkommen von über 4 britischen Pfund pro Woche erhalten mussten. Ausgenommen von dieser Regelung waren religiöse Pilger und von der Jewish Agency finanziell unterstützte Handwerker.

Papiergeld war im Vergleich zu Wertgegenständen besonders leicht zu schmuggeln, wenn man als Flüchtling unterwegs war. Es wurde oft in Kleidungsstücke eingenäht oder auch klein gefaltet und gut versteckt, zum Beispiel in einem Bilderrahmen und per Postpaket außer Landes gebracht. Auch später, während der Vertreibung der Juden aus den arabischen und muslimischen Ländern zwischen 1948 und 1979, mussten sie ihre Vermögen heimlich mit sich nehmen, am besten in Scheinen, die versteckt werden konnten und leicht zu transportieren waren. Etwa 850.000 Juden verließen in diesem Zeitraum ihre Heimat – jedoch nicht freiwillig und ohne ihren Besitz. Viele Juden hatten es vor der Vertreibung zu Wohlstand in den arabischen Ländern gebracht und es wird geschätzt, dass ihr Landbesitz in diesen Ländern insgesamt etwa 100.000 Quadratkilometer betrug. Das ist etwa viermal die Größe Israels. Ihr gesamter, zurückgebliebener Besitz wird auf einen Wert von etwa 300 Milliarden US-Dollar geschätzt. Sie hätten weit weniger zurückgelassen, hätte es nicht strenge Beschränkungen auf die Mitnahme von Besitz und Geld gegeben.

Aktuell gibt es keine jüdischen Flüchtlinge mehr, aber solange es Juden in der Diaspora gibt, besteht die Gefahr, dass sie es einmal werden könnten. Es mag unrealistisch klingen (in der jüdischen Geschichte sollte man jedoch immer auf Überraschungen gefasst sein), aber angesichts einer Corbyn-Regierung in Großbritannien oder eines lebensgefährlichen Antisemitismus in Frankreich oder den USA, könnte es möglicherweise bald wieder jüdische Flüchtlinge geben, die ihren Besitz irgendwie außer Landes bringen müssen. Bargeld würde zum Beispiel bei einer britischen Labour-Regierung, die mit großen Steuergeschenken in den aktuellen Wahlkampf geht (jedoch nicht weiß, wie sie diese bezahlen soll), ein wichtiges Asset für die dortige jüdische Gemeinde werden. Der Oberrabiner Großbritanniens, Ephraim Mirvis, hat bereits jüdisches Leben unter Corbyn in Frage gestellt und geschichtsbewusste Juden haben möglicherweise bereits begonnen, ihre Pfunde in ihre Matratzen einzunähen.

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