Wie die arabische Welt ihre Juden verlor

Der Autor Nathan Weinstock belegt in seinem neuen Buch, dass die beliebte Rede von der althergebrachten Harmonie zwischen Juden und Muslimen eine Schimäre ist.

Von Karl Pfeifer

1975 schockierte mich der wütende Antizionismus junger Maoisten und Trotzkisten. Ein Wiener Trotzkist empfahl mir das Buch von Nathan Weinstock „Das Ende Israels?“, damit ich meine Ansichten revidiere. Schon beim Lesen der Vorbemerkung des Verfassers zur deutschen Ausgabe musste ich lachen über die naive Hoffnung des 1939 geborenen Autors, der an den Beginn der Weltrevolution ausgerechnet im Nahen Osten glaubte. „Die Vorhut von morgen hat sich bereits zu Worte gemeldet; sie befindet sich in den israelischen Gefängnissen und Lagern, in den Bergen von Oman und Dhofar, unter den ägyptischen Fabrikarbeitern, den Bauern von Beha’s und dem Nil, den Studenten Kairos und Beiruts, den palästinensischen Feddayin. Diese Kräfte werden zusammen mit der mutigen antizionistischen Minderheit in Israel einen gemeinsamen internationalen Bund von Revolutionären bilden.“

Ich erinnerte mich an die Zeit meiner Jugend in Kibbuz Schaar Haamakim, als wir Mitte der 40er Jahre als Mitglieder des Haschomer Hazair noch an einen binationalen Staat glaubten und gelegentlich mit roten Fahnen auf einem Lastwagen durch arabische Dörfer fuhren, wo der Shabab (arabische Jugend) in der Regel laut „Jahud, Jahud“ skandierte, manchmal auch Steine warf, weil für sie wie für viele ihrer Glaubensgenossen in Europa bis heute das Wort „Jude“ ein Schimpfwort ist.

Viel Wasser floss seither den Jordan und den Nil herunter, doch trotz aller Hoffnungen der wenigen jüdischen Antizionisten kam im Nahen Osten kein internationaler Bund von Revolutionären zustande. Viel Blut fließt noch heute in diesem Gebiet, doch die meisten europäischen Medien und der Mainstream sind lediglich an einem Konflikt interessiert, um den Juden Israels Vorwürfe machen zu können.

Weinstock, der als Rechtsanwalt in Belgien sein Brot verdiente, hat seither viel Erfahrung gesammelt, um die weitere Verbreitung seines antizionistischen Bestsellers zu verbieten und sich mit der Realität des Nahen Ostens auseinanderzusetzen. Sein Buch „Wie die arabische Welt ihre Juden verlor 1947 – 1967“ ist ein spannendes Meisterwerk.

Es ist ratsam, zuerst das Nachwort von Tjark Kunstreich zu lesen, der auf die Geschichte des Autors und seiner Bücher eingeht und erst dann mit der Lektüre des von Joel Naber übersetzten Buches zu beginnen.

 

Jüdische Dhimmis

1945 lebten in der arabischen Welt fast 900.000 Juden. Heute leben dort höchstens noch 4.500, d.h. 99,5 % der jüdischen Bevölkerung der arabischen Staaten wurden ins Exil gezwungen.

Der Kern von Weinstocks Aussage ist der Hinweis auf die Herrschaft der Dhimmitude, „das heißt des Zustands struktureller Inferiorität“, der darin den Juden auferlegt ist. Denn in der islamischen Tradition sind die Juden Dhimmis, d.h. Untertanen des Oberhaupts des islamischen Staats, also des Sultans. Als Gegenleistung für den gewährten Schutz müssen die Dhimmis die Jjizya (Sondersteuer) – „die der Ausdruck der Unterwerfung ist“ – sowie noch weitere spezifische und sehr hohe Steuern entrichten, dürfen ihren Kultus nur diskret praktizieren, müssen sich gegenüber den Muslimen ehrerbietig zeigen sowie besondere Kleider tragen, die es ermöglich sie zu identifizieren. Sie dürfen weder auf Pferd noch auf Dromedar reiten, Waffen tragen oder besitzen. Muslimische Bücher sind für sie verboten, auch dürfen sie keine höheren Häuser als die Muslime errichten. Und das ist nicht alles, es folgt eine Reihe von weiteren Verboten. Mit Ausnahme einiger glücklichen Jahre der andalusischen Koexistenz, wurden Juden im Westen aber auch im Orient diskriminiert. Von einem Jahrhunderte dauernden glücklichen Zusammenleben von Juden und Muslimen, wie das häufig moslemische und auch einige wenige unwissende jüdische Würdenträger verkünden, kann keine Rede sein, das weist Weinstock in den Kapiteln über die nicht-arabische-islamische Welt, den Maghreb, Ägypten, der fruchtbare Halbmond, die arabische Halbinsel und das „Heilige Land“ akribisch nach.

 

Pogrome lange vor der israelischen Staatsgründung

Er beschreibt die Diskriminierungen der Juden im Nahen Osten, die antijüdischen Pogrome, lange bevor es einen Zionismus oder den Staat Israel gegeben hat. All das wird bis in den Mainstream-, und in Österreich insbesondere in den öffentlich-rechtlichen Medien oft geleugnet oder verdreht, denn das gute Zusammenleben der Juden und der Muslime ist ein kanonischer Stehsatz derjenigen, die im Bewusstsein einer angeblich höheren Moral glauben, endlich dem jüdischen Staat und den Juden eine Lektion erteilen zu müssen.

Lediglich ein Beispiel aus Persien von sehr vielen, die Weinstock dokumentiert: „1910 ereignet sich in Schiras ein blutiger Pogrom. Seine Bilanz: 12 Tote, 50 Verletzte und 5.000 bis 6.000 Juden, deren Existenz zerstört ist.“

Freilich verschweigt der Autor nicht die Feindseligkeit christlicher Araber, bekannt ist die Ritualmordbeschuldigung durch Kapuziner in Damaskus 1840. Der Autor weist auf jüdische Honoratioren im Ausland, die sich bemüht haben den verfolgten Juden zu helfen. Aber auch der österreichische Generalkonsul Anton Joseph Laurin setzte sich energisch für sie ein.

Doch auch in Jerusalem kam es 1847 zu einer Anschuldigung des Ritualmords. Im Dezember 1870 wird der deutsche Konsul in Jerusalem, Baron von Alten gebeten zu intervenieren. Ein Jahr darauf bricht ein weiterer Skandal derselben Art in Jaffa aus.“ Im Jahr 1906 erscheint Négib Azourys in Arabisch unter dem Titel „Das Erwachen der arabischen Nation oder die universelle jüdische Gefahr“. Die Vertreter des Judenhasses unter den Arabern des Heiligen Landes beziehen sich immer wieder auf die Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“, um die antijüdischen Pogrome zu rechtfertigen.

Der antizionistische Vertreter orthodoxer Juden Jacob Israel de Haan schildert das Pogrom vom 8. April 1920. Weinstock beschreibt auch das Pogrom vor 90 Jahren, deren Opfer hauptsächlich nicht-zionistische orthodoxe Juden wurden.

Allerdings verschweigt Weinstock auch nicht wie sehr die Christen des Nahen Ostens als Dhimmis unter Druck stehen. Deswegen fälschen manche orientalische Christen die hebräische Bibel, in dem sie sich bemühen jeden Verweis auf das Heilige Land als Versprochenes Land der Juden zu tilgen. Doch trotz maximaler Akzeptanz des Dhimmi-Status wird es, wenn die Entwicklung so weiter geht, auch bald keine Christen mehr im Nahen Osten geben.

Ein Hauptgrund des Hasses gegen die zionistischen Juden ist, dass sie schon vor dem Ersten Weltkrieg den Dhimmi-Status ablehnen und darauf bestehen, sich selbst zu verteidigen. Das ist der Kern des Problems.

Der algerische Politiker Ahmed Ben Bella hat es auf den Punkt gebracht: „Israel ist ein wahrhaftiger, der arabischen Welt aufgepropfter Krebs […] Was wir Araber wollen, ist: Sein. Aber wir können nur sein, wenn der Andere nicht ist.“

Diese grundsätzliche Ablehnung der meisten Araber, anzuerkennen, dass die Juden auch ein Recht auf Selbstbestimmung haben, und der wachsende Einfluss fanatischer Islamisten verhindern den Frieden.

 

Nathan Weinstock

Der zerrissene Faden – Wie die arabische Welt ihre Juden verlor (1947 – 1967)

480 Seiten

ça-ira-Verlag

ISBN-13: 978-3862591114

 

Das Buch wird durch einen wertvollen Anhang ergänzt, in dem u.a. eine Zeittafel der Pogrome und Bilanz in Zahlen des Exodus der Juden aus der arabischen Welt enthalten sind.

Dieses leicht lesbare 476 Seiten umfassende Buch ist ein gefördertes Sonderprojekt der HochschülerInnenschaft an der Universität Wien und wurde zu dem mit der Hilfe der RD Foundation Vienna und der Studienvertretung Politikwissenschaft an der Universität Wien vom ca ira-Verlag, 2019 gedruckt.

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