André Citroën – der jüdische Autokönig von Frankreich

Vor 100 Jahren revolutionierte der jüdische Unternehmer, Ingenieur, Kosmopolit und Menschenfreund den europäischen Automobilbau.

Von Jörg Steinhoff

In den ersten Jahrzehnten seiner Existenz war das Automobil für die meisten Menschen ein unerschwinglicher Luxusgegenstand. Dies änderte sich zunächst in den USA mit Einführung des 1908 erstmals in Großserie hergestellten Model T von Ford. In Europa sollte es bis nach dem Ersten Weltkrieg dauern, bis eine außergewöhnliche Persönlichkeit mit Idealismus, visionärem Gespür und herausragenden unternehmerischen Fähigkeiten den Traum vom eigenen Automobil für eine breite Mittelschicht Realität werden ließ: André Citroën. Am 5. Juli 1919 rollte mit dem Typ A, einem kleinen, robusten, voll ausgestatteten und sensationell günstig angebotenen Wagen der erste Citroën aus den hochmodernen, am Beispiel von Ford orientierten Fertigungshallen am Quai de Javel am Pariser Seine-Ufer. Er war das erste in Europa in Großserie produzierte Automobil. Mit diesem Konzept avancierte Citroën innerhalb von nur fünf Jahren bis 1924 zum weltweit zweitgrößten Automobilhersteller nach Ford.

Die Tatsache, dass es genau André Citroën war, der diesen fälligen Entwicklungsschritt in der europäischen Automobilhistorie vollzog, sie durch das „Auto für Jedermann“ in eine neue Ära führte, ist sicher zu einem großen Teil auf den ehrgeizig-dynamischen, zukunftsgerichteten, fortschrittsgläubigen, aber auch sozialen Charakter Citroëns als auch auf seine jüdisch-französische Sozialisation mit den Idealen der klassenlosen Gesellschaft, der ausgleichenden Gerechtigkeit, der Mitmenschlichkeit und des Gemeinwohls zurückzuführen. Zehn Jahre bevor er Automobiles Citroën gründete, hatte er in den Jahren 1908/09 bereits den Sportwagenhersteller Mors saniert und wieder auf Erfolgskurs geführt. Aber die großen, lauten Luxusautos seiner Zeit, die nur einer Elite zugänglich waren, interessierten ihn nicht.

 

Kantinen und Kinderbetreuung

In seinen Fabriken führte Citroën bis dato nicht gekannte soziale Standards ein, wie z. B. Kantinen, Lebensmittelläden, Kinderbetreuung, medizinische Versorgung. Als erster französischer Industrieller zahlte er ab 1927 ein dreizehntes Monatsgehalt. Auch wusste er, wie wichtig Menschlichkeit und Individualität im Umgang mit Mitarbeitern gerade in einem riesigen, den Einzelnen marginalisierenden Produktionswerk sein würde – und begrüßte bei seinen morgendlichen Gängen durch die Fabrik seine Mitarbeiter namentlich, erkundigte sich auf Augenhöhe nach Fortschritten und Problemen in der Fertigung; in Einzelfällen auch nach persönlichen Problemen. Dafür wurde er von der Belegschaft respektiert und verehrt. Seinen Führungskräften gab er als Resultat seiner Beobachtungen aus dem damals noch neuartigen, eng getakteten, hektischen, leistungsfordernden Betrieb der Großserienproduktion unter anderem diese so typisch jüdische Erkenntnis vom Menschen und vom Leben als Empfehlung zu deren Vorbildfunktion mit auf den Weg: „Die Regel ist Nichts - das Beispiel ist Alles!“.

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