Zeitreise zu den Juden der alten Seidenstraße

Von den Juden Usbekistans, den sogenannten Buchara-Juden, leben nur noch etwa ein Prozent in ihrer Heimat

Jüdische Kinder mit ihrem Lehrer in Samarkand (Foto von Sergey Prokudin-Gorski zwischen 1909 und 1915)

Von Daniel Tschudy

Wer die Hollywood-Produktion „Das Beste kommt zum Schluss“ mit Morgan Freeman und Jack Nicholson gesehen hat, der weiß was eine „Bucket-Liste“ ist und hat vielleicht schon eine eigene aufgestellt.

So erging es mir 2007, nachdem ich den besagten Film sah und wie der von Freeman dargestellte Carter Chambers meine Bucket-Liste aufstelle. Meine persönliche Wunschliste bezog sich primär auf außergewöhnliche touristische Ziele rund um den Erdball. Länder, Regionen oder Ortschaften, die ich in meinem Leben noch sehen wollte, oder musste. Die Seidenstraße gehörte natürlich dazu, einerseits als vage „Destination“ mit Bezug auf Marco Polo und andere, die dort schon durchgekommen sind. Andererseits mit Samarkand, einem Namen, der schon beim Aussprechen Sehnsucht und Reiselust auslöst.

Die Anreise nach Usbekistan – zuerst einmal in die Hauptstadt Taschkent – verlangt Zeit und Geduld. Die besten Flugverbindungen laufen über Istanbul und Moskau. Vor Ort stimmt dann die touristische Infrastruktur einigermaßen; mit mehreren Sterne-Hotels, aber auch mit ein paar Reisebüros und englisch-sprechenden Touristenführern. Taschkent bietet jetzt nicht gerade viel und dient den „Bucket-Reisenden“ eher als Transit. Unser wahres Ziel ist Samarkand, und dies wollen wir auf dem schnellsten Weg erreichen. Da kommen die Spanier gerade recht. Denn die Betreiber des Hochgeschwindigkeitszugs „Talgo“ gewannen vor ein paar Jahren den Auftrag, die Strecke von Taschkent nach Samarkand zu betreiben. Und so rast der Talgo zweimal täglich hin und her und braucht für die über 300 Kilometer nur knappe zwei Stunden.

In Samarkand begrüßte mich dann mein Führer Abror Bakaev Axmandovich; was für ein Name! Er spricht ganz gut Englisch, zeigte mir seine Stadt und vor allem den Registan-Platz. Er weiß, was die Touristen sehen wollen und bedient entsprechend. Standard irgendwo, außer eben, dass der Registan-Platz doch ziemlich fantastisch ist und seiner Aufgabe, meiner Bucket-Liste zu entsprechen, vollumfänglich nachkommt. Und sonst? Samarkand? Nach ein paar weiteren Moscheen war’s dann irgendwie vorbei. Viel mehr kann die Stadt nicht bieten. Um die verbleibende Zeit zu nutzen, stellte ich Abror zur Rede, und dass ich bei der Vorbereitung von einem jüdischen Bezirk gelesen hätte. Und hier beginnt diese Geschichte; eine Zeitreise.

 

Machallah Wostok

Rund 600 Jahre v.d.Z zog eine Gruppe aus Babylonischer Gefangenschaft freigelassener sogenannter Bucharajuden über die Seidenstraße in Richtung der damaligen Wirtschaftszentren Buchara und Samarkand. Ihren Namen erhielten sie durch die Emire von Buchara, deren Reich um 1600 entstand und bis zur russischen Annexion bestehen blieb. Die Bucharajuden gelten als eine der ältesten ethnischen Gruppen in Mittelasien. Mehr als 2.000 Jahre waren sie vom Rest der jüdischen Welt abgeschnitten und dafür den Einflüssen von Persern, Arabern oder Türken ausgesetzt. Sie erlebten die Herrschaft von Alexander dem Großen, Dschingis Khan oder Timur, und wurden zeitweise verfolgt. Sie entwickelten eine eigene durch das islamische Umfeld geprägte Kultur und rund um das Viertel Machallah Wostok entstand eine blühende jüdische Gemeinschaft. Auch wenn sie Tadschikisch sprach, im täglichen Leben nutzen sie Buchari, einen Dialekt des Persischen, der den Juden die Kommunikation mit ihren Nachbarn ermöglichte, gleichzeitig aber die hebräischen Wurzeln nicht versteckte.

 

Nur noch 1 % ist übrig

Anfang des letzten Jahrhunderts leben noch fast 25.000 Bucharajuden in Samarkand; heute sind es keine 250 mehr. Die Gemeinschaft lebt größtenteils in Israel, in den USA und etwa zweitausend in Wien. Abror erzählt mir von den „unruhigen Zeiten“ nach der Unabhängigkeit, und dass die „Politik“ die Juden „aufforderte“ wegzuziehen. Sie sollten ihre Zelte in Machallah Wostok abbrechen, die Häuser verkaufen und doch gefälligst woanders hinziehen. Abror fuhr mich dann in den ehemaligen jüdischen Stadtteil und zeigte mir die ehemaligen Wohnhäuser der Gemeinschaft; viele durch typische Dekorationen erkennbar. Teilweise stehen die Häuser leer oder verfallen, in anderen leben usbekische Familien. Und dann die Überraschung: Unscheinbar, versteckt und leise erscheint die Gumbaz-Synagoge, welche die jüdische Gemeinde 1891 erbauen ließ.

 

Der radfahrende Rabbi

Abror erklärt mir, dass die Synagoge von der kleinen jüdischen Gemeinde nach wie vor zu jedem Schabbat genutzt wird, und ich sie besuchen dürfe. Das herrliche alte Holztor war geschlossen, aber eine mit Bleistift an die Hauswand gekritzelte Mobilnummer lud dazu ein, einen Verantwortlichen um Eintritt zu bitten. Und dieses Bild werde ich nicht vergessen. Ein paar Minuten später fuhr Rabbi Abraham Kalantarov hoch zu Stahlross vor und schloss die Tore seiner Synagoge auf. Hier stand ein hagerer Mann, mit schwarzer Hose und einer Art Hawaii-Hemd; keine Hollywood-Produktion hätte das schöner zeichnen können. Für Rabbi Kalantarov bedeutete mein Besuch wohl wenig und er wird sich heute kaum noch an mich erinnern; aber für mich wurde dieses Treffen eine Art Samarkand-Höhepunkt 2.0.

Die Synagoge mit ihrem kleinen Innenhof präsentiert sich wie eine Zeitreise. Herrlich unberührt, die alten Teppiche und Bilder aus dem frühen letzten Jahrhundert, ein stilles und authentisches Gebetshaus. Da standen wir nun, der Rabbi, mein muslimischer Führer und ich als alter Katholik, und genossen gemeinsam die Ruhe. Ich konnte mir nicht verkneifen daran zu denken, dass es wohl schöne Witze darüber gibt, wenn sich ein Jude, ein Muslim und ein Christ treffen. Es war ein ziemlich friedlicher Moment.

 

Viel Wehmut

Kalantarov zeigte mir dann seine alte und ziemlich verstaubte „Bibliothek“ und auf meine Überlegungen, dass diese wohl unschätzbar wertvoll sei, sagte er nur, dass die Bücher in Gumbaz bleiben müssen – diese Synagoge sei die Heimat der wenigen verbliebenen Juden. Glücklich wirkte er nicht gerade. Zwar komme immer wieder mal Besuch aus Israel oder Russland, aber entscheidend ist, dass die heimische jüdische Gesellschaft immer älter wird und es bald niemanden mehr gibt, der den Schabbat feiert. Was ich als unsagbar schön empfang – nämlich, dass man die über 100-jährige Geschichte dieser Synagoge greifen und spüren konnte – schien für Abraham Kalantarov eine Belastung zu sein. Draußen an der Hauswand hängt eine Plakette des Kultur- und Sport-Ministeriums von Usbekistan, das die Synagoge als kulturelles Erbe Samarkands identifiziert; es ist ein Blick zurück, eben eine Zeitreise, und Kalantarov empfindet dies wohl ebenfalls so. Seine Synagoge soll kein Museum werden und doch ist sie auf dem besten Weg eines zu werden.

Ich hätte den alten Rabbi gerne fotografiert, aber das wollte er nicht. Die Verabschiedung war freundlich, aber irgendwie auch traurig. Obwohl, als ich ihn dann auf dem alten Rad wegfahren sah, musste ich wieder schmunzeln. Es war ein schönes Bild zum Abschied. Ganz im Sinne meiner Bucket-Liste und „dem Besten, das ganz zum Schluss kam“.

 

Samarkands „Platz des sandigen Ortes“

Der „Registan“ ist das Herz des antiken Samarkands im heutigen Usbekistan und gehört zu den prächtigsten Plätzen Zentralasiens. Mit seinen drei Medresen gilt er einzigartiges Beispiel der architektonischen Gestaltung eines Hauptplatzes. Am Registan befinden sich die Ulugbek-Madrasa aus dem frühen 15. Jahrhundert, die Sher-Dor-Madrasa von 1636 sowie die Tilya-Kori-Madrasa von 1660. Dazu kommt das Scheibaniden-Mausoleum aus dem 15. Jahrhundert. Ulugbek galt lange als eine der bedeutendsten Universitäten der muslimischen Welt. Heute dient der Registan-Platz als wichtigste Sehenswürdigkeit der noch jungen usbekischen Tourismusindustrie.

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