Tel Aviv, Tachana Merkazit – Ort des Transits und der Magie

Vom Niedergang und der Renaissance des zweitgrößten Busbahnhofes der Welt, der heute u.a. Standort einer bedeutenden jiddischen Bibliothek ist

Der Busbahnhof ist ein Labyrinth.

Von Lisa Vavra (Mena Watch)

„Es ist ein Ort, der zur Heimat für Hunderte von Menschen wurde, die hier arbeiten und leben. Kein gewöhnlicher Ort, aber Zuflucht für viele, die anderswo keinen Platz finden“, so Elad Horn, ein Architekt, der heute Führungen in der zentralen Busstation Tel Avivs anbietet.

Busstationen sind Orte an denen Menschen aufeinanderstoßen, kurze Begegnungen haben, die kaum wesentlich sind. Es sind Orte des Wiedersehens und des Verabschiedens. Es sind Nicht-Orte, um es mit den Worten des französischen Philosophen Marc Augé zu sagen. Die zentrale Busstation in Tel Aviv ist die zweitgrößte weltweit. Jeder, der über Land in Israel unterwegs ist, wird sie betreten müssen. Soldaten, Studierende, junge Familien, Touristen und Geschäftsreisende, Flüchtlinge, Obdachlose, Kinder – alle sind hier sie unterwegs und begegnen einander, bewusst oder unbewusst. Das Gebäude wurde von dem Architekten Ram Karmi 1967 designt, der sich an den brutalistischen Werken Le Corbusiers orientierte. Fertiggestellt wurde der Busbahnhof jedoch erst 1993. Zu dieser Zeit hatte sich das Zentrum Tel Avivs jedoch bereits in den Norden der Stadt verlagert.

Von vielen Israelis wird das mehrstöckige Betongebäude heute als „das Ungetüm“ bezeichnet und die Gegend, in der es liegt, als ein Gegensatz zu dem sonst hippen und modernen Tel Aviv betrachtet. Bereits auf dem Weg in das Stadtviertel Neve Sha’anan beginnt die Veränderung. Hat man den Lewinski-Park durchquert, ändert sich das Stadtbild vollkommen. Afrikanische Flüchtlinge, Prostituierte und Obdachlose prägen die Straßen und Parks im Süden Tel Avivs. An den Straßenrändern sitzen Sudanesen und kauen Khat, eine aus dem Jemen stammende Droge. All die, die in den zentraleren Bezirken oder im Alten Norden nicht präsent sind, leben hier.

Als sich sexuelle Übergriffe und Gewalt mehrten, begannen viele Israelis den Bahnhof zu meiden und reisten stattdessen von der kleineren Arlozorov-Station im Norden Tel Avivs ab. Man kann kaum mehr glauben, dass sich einst in den unteren Stockwerken des Gebäudes schicke Boutiquen, Essensstände, eine moderne Wartehalle und auch ein Theater befanden. Doch die Läden gingen nacheinander Pleite und mussten schließen. Der Bahnhof wurde zu einer kargen und ausgestorbenen Mall. Bis er dann 2013 zu einem Treffpunkt des Kollektivs „Onya“ wurde. Dieses setzt sich aus 17 Mitgliedern und Freiwilligen zusammen, die sich für Umweltschutz und urbane Gärten einsetzen. So trafen sich hier schließlich Architekten, Künstler, Hobbygärtner und Pädagogen. Sie begannen Blumen zu pflanzen, die mit dem Wasser der Klimaanlagen bewässert werden, Bänke wurden gebaut, um das Warten angenehmer zu machen und in eine Ecke der siebenten Etage wurde eine Bibliothek eingerichtet.

Heute sind viele der leer stehenden Geschäftslokale zu Künstlerateliers umfunktioniert worden. In einer der oberen Etagen befindet sich eine Galerie, die Streetart-Künstlern eine Ausstellungsfläche bietet. Die Theatergruppe „Mystorin“ tritt regelmäßig auf und probt hier. Außerdem finden wöchentlich Konzerte statt. Es treffen sich Akrobaten und Breakdancer und jeden Tag um etwa 19 Uhr auch eine Gruppe philippinischer Kinder, die gemeinsam Tänze einstudiert.

Die junge Tel Aviver Künstlerszene schaffte es somit, aus dem 230.000 Quadratmeter großen Koloss beinahe ohne Fenster und ohne natürliches Licht einen magischen und farbenprächtigen Ort zu machen, an dem sich auch die Tel Aviver zusehends wieder gerne treffen.

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