Die sorglose Bar-Mitzva meines Enkels

Der Autor über seine jüdischen Komplexe im Nachkriegs-Österreich und die jüdische Selbstverständlichkeit seines Enkels in den USA

Junge bei der Bar Mitzva (Symbolbild)© wikipedia

Von Peter Sichrovsky (Schlaglichter.at)

Da stand ich nun in einer der vorderen Reihen einer orthodoxen Synagoge in New Jersey, zehn Minuten vom Hudson River entfernt, der die Kleinstadt von Manhattan trennt, in der Koreaner und Juden friedlich neben und miteinander leben, und beobachtete meinen Enkel, wie er laut singend aus der Thora las. Ausgerechnet eine Stelle in der Thora über Frauen, die fremd gehen, und wie der Ehemann darauf reagieren sollte, aber sie können es sich nicht aussuchen, die jungen jüdischen Männer, es wird nach ihrer Geburt das Datum der Bar Mitzvah berechnet, und was immer sich so ergibt, muss eben gelesen werden.

Die Kippa auf meinem Kopf fand ich in einem Korb beim Eingang. Ich habe keine eigene, auch keinen Gebetschal, den die anderen Männer um die Schultern trugen, ein meist weißes Tuch mit blauen Stickereien und langen Fäden, die an den Enden hängen.

Ich wurde als Großvater zur Thora gerufen, während mein Enkel die Lesung unterbrach. Der Rabbiner erklärte mir, an welcher Stelle ich mit den Fäden des Schals den Text berühren sollte und zeigte auf einen in lateinische Schrift übertragenen Segensspruch, den ich stotternd vorlas, da mir die Worte und die Betonung fremd waren. Dann las mein Enkel weiter.

 

Eine jahrtausendealte jüdische Tradition – fremd trotz der eigenen jüdischen Abstammung

Eine jahrtausendealte Zeremonie lief vor meinen Augen ab, der ich trotz langer jüdischer Tradition meiner Familie nicht folgen konnte. Meine Eltern, mit viel Glück dem Horror des Holocaust entronnen, vermieden jede religiöse Erziehung für meine Brüder und mich. Wir wussten nichts vom Judentum, außer, dass wir keine Verwandten hatten, keine Großeltern, eine Tante, einen Onkel, alle anderen hätten nicht überlebt, erzählte meine Mutter manchmal, und als ich ein kleiner Bub war, konnte ich auch ihre Tränen nicht verstehen, wenn sie über ihre eigene Mutter sprach, die in Auschwitz ermordet wurde.

Judentum war für mich und meine Brüder irgendeine tödliche Krankheit, praktisch unheilbar, der man nicht durch richtige Behandlung entkommen konnte, sondern durch Flucht und Zufall. Nur ein Verbergen der Herkunft konnte einen schützen, war die Botschaft meiner Eltern.

 

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