Chiune Sugihara – Japans mutiger Konsul in Kaunas

Nach dem deutsch-sowjetischen Einmarsch half der japanische Diplomat zahlreichen jüdischen Flüchtlingen aus Polen.

Chiune Sugihara

Von Matthias Dornfeldt und Urs Unkauf

Vergangenes Jahr wurde mit der Präsentation der Ausstellung „Beyond Duty“ durch die israelische Schoah-Gedenkstätte Yad Vashem im Auswärtigen Amt an das Wirken zahlreicher couragierter Diplomaten erinnert, die Juden in Europa während des Zweiten Weltkrieges gerettet haben. Unter ihnen befindet sich auch der japanische Konsul Chiune Sugihara. Die Geschichte dieser Persönlichkeit verdient vor dem Hintergrund, dass das Reich der aufgehenden Sonne mit dem Deutschen Reich im Krieg verbündet war, eine besondere Aufmerksamkeit.

Chiune (Sempo) Sugihara genoss eine behütete Kindheit im Kreise seiner Familie. Aufgewachsen als zweiter Sohn von insgesamt sechs Kindern einer Familie aus der Mittelklasse, schloss er die Schulausbildung mit Auszeichnung ab, widersetzte sich jedoch dem Wunsch des Vaters, Medizin zu studieren. Stattdessen studierte er englische Literatur an der Waseda-Universität in Tokio. 1919 wurde er in den auswärtigen Dienst Japans aufgenommen und direkt auf einen Posten nach China entsandt. In dieser Zeit eignete sich Sugihara auch fundierte Kenntnisse der deutschen und russischen Sprache an. Weitere Verwendungen führten ihn in das Auslandsbüro Japans in der Mandschurei sowie in die japanische Gesandtschaft in Helsinki.

 

Zwischen Hitlers Hammer und Stalins Amboss

Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 flohen etwa 15.000 Juden ins benachbarte Litauen. Der Fluchtweg nach Westen war durch das NS-Regime unmöglich und die Sowjetunion konnte nur durchqueren, wer ein Visum für das Zielland hatte. Seine Regierung sandte Chiune Sugihara Ende 1939 in die damalige litauische Hauptstadt Kowno (heute Kaunas), weil Tokio die deutsch-sowjetischen Beziehungen nach der Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop-Paktes besorgt verfolgte. Litauen genoss zu jener Zeit einen bedenklichen Frieden zwischen Hitlers Hammer und Stalins Amboss. Japan hatte seine eigenen Interessen mit den Verbündeten Deutschland und Italien im Blick. Bis zum 23. Juli 1940 stellte Sugihara kein einziges Visum aus. Der Posten des Konsuls war nicht der wahre Grund, warum er nach Litauen entsandt wurde. Offensichtlich sollte er als Spion arbeiten. Die darauffolgenden Monate unterzeichnete er hunderte von Visa täglich – alle für Juden, die nach der Invasion der deutschen Wehrmacht aus Polen flüchteten. Unter den Empfängern der Papiere befanden sich Dr. Serach Wahrhaftig, später israelischer Minister für religiöse Angelegenheiten, ebenso Menachem Savidor, später Sprecher des israelischen Parlaments, der Knesset, und die 300 Schüler und Lehrer der berühmten Mir Yeshivah. Mir, gegründet im Jahr 1815, war die einzige von Europas 20 wichtigsten Torahschulen, die den Krieg überlebte und ihre Arbeit fortführen konnte. Rabbiner Eliezer Yehuda Finkel, der Leiter der Yeshiva, hielt fest: „Wir befinden uns in einer Lage, die uns selbst unbegreiflich ist, denn jeder Tag kann unser Ende bedeuten. Unser Recht auf Aufenthalt kann uns jede Minute abgesprochen werden und wir müssen vielleicht weg, wohin immer der Wind uns treibt. Was umso schlimmer ist, da uns die ganze Welt versperrt bleibt und die über Europa hinwegfegenden Stürme uns auch hier erreichen.“

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