Die vergessene jüdische Geschichte Gazas

Schon in der Antike lebten Juden in Gaza, und bis 1987 gab es einen jüdisch-arabischen Alltag in der Region.

Das 1965 in Gaza gefundene antike jüdische Mosaik

Von Peter Lückimsohn

Nicht viele wissen, dass es in Gaza-Stadt bis heute ein Jüdisches Quartier gibt. Mehrmals versuchte man seinen Namen zu ändern – zunächst die ägyptische, dann die örtliche Verwaltung –, der gewohnte Name hielt sich jedoch hartnäckig. Die Journalistin Leila Abdel-Nur von der Zeitung „Maariv“ traf sich mit den Bewohnern des Quartiers und bat sie, zu erzählen, was ihnen von dessen Geschichte bekannt ist. Es stellte sich heraus, dass sich einige Alteingesessene tatsächlich noch an ihre jüdischen Nachbarn erinnern können.

„Ganz wenige gab es hier! Sie behaupten bloß überall, das Land gehöre ihnen, besetzen alles, und so bekam auch dieses Quartier seinen Namen“, meint ein Stadtbewohner. Viele Gesprächspartner erzählten der Journalistin allerdings eine andere Version der Geschichte.

„Es lebten seinerzeit in Gaza Dutzende Juden, wenn nicht noch mehr“, berichtet Firas, ein 75-jähriger Einheimischer. Sie trieben meist Handel mit Ägyptern, weil Gaza ein wichtiger Knotenpunkt zwischen Europa und Asien war. Wie viele es waren, kann er nicht genau sagen – aber sie hatten immerhin ihren eigenen Friedhof.

Als 1948 Gaza unter ägyptische Verwaltung kam, wollte der Gouverneur die Stadtviertel Salah-a-Din und A‘Seitun umgestalten. Als Entschädigung bekamen deren Bewohner das Stück Land, wo sich der jüdische Friedhof befand. Sie haben die alten Gräber weggebaggert und an dieser Stelle neue Häuser für sich gebaut. Aber die Häuser, wo die Juden einst wohnten, stehen noch immer.

Leila Abdel-Nur machte einige Fotos vom alten jüdischen Viertel, das an Neubauten grenzt. Man fand heraus, dass Juden nach dem Sechstagekrieg von 1967, als Gaza unter israelische Kontrolle kam, versucht hatten, einen Teil des Friedhofs auf gerichtlichem Wege zurückzuerhalten, was ihnen aber nicht gelang, da die neuen Bewohner gültige Papiere über ihr Eigentum vorlegen konnten.

Bis 1987 gingen Juden in Gaza ein und aus

Eine ältere Frau aus Gaza-Stadt, Umm-Abdallah, erinnerte sich, dass vor 1948 in der Stadt jüdische Händler wohnten und gute Beziehungen zu ihren arabischen Nachbarn hatten.

Das waren einfache Leute ohne viel Geld, deren Häuser sich nicht von denen der arabischen Nachbarn unterschieden. Frau Umm-Abdallah hatte in Erinnerung, dass nach 1967 und bis zur Ersten Intifada im Dezember 1987 immer freitags Juden kamen, um ihre Einkäufe zu erledigen und in der örtlichen Synagoge zu beten. Das seien gute Zeiten gewesen, fügte sie hinzu – viel bessere als heute.

Der in Gaza-Stadt lebende Historiker Khalil Ubdah bestätigte die journalistische Recherche:

„Bis 1948 lebten in ganz Palästina Angehörige aller drei Religionen: Des Islams, des Christentums und des Judentums. Vor der britischen Mandatszeit erlaubte die muslimische Verwaltung Juden, sich überall niederzulassen. Gaza war zu der Zeit ein strategischer Knotenpunkt. Deshalb lebten hier ca. 300 jüdischer Händler. Sie besaßen mehrere Unternehmen, eine Mühle, kleine und große Geschäfte. Ihnen zu Ehren benannte man dieses Viertel so. Auch unter ägyptischer Verwaltung lebten weiterhin Juden hier. Zu Konflikten kam es erst nach 1948, als sie zu Besatzer wurden…“

Diese Informationen sind jedoch weder präzise noch vollständig. Die archäologischen Funde bestätigen, dass es schon vor Jahrtausenden eine große jüdische Gemeinde in Gaza gab: 1965 konnten ägyptische Archäologen die Ruinen einer Synagoge mit einem einzigartigen, gut erhaltenen Mosaik ausgraben, welche sich dem sechsten Jahrhundert n.d.Z. zuordnen ließ und jüdische sowie griechische Motive aufwies. Zunächst hielt man den Fund für eine griechische Kirche; die Szenen aus dem Leben des Königs David sowie die Tatsache, dass in den Bildern kein einziges Sujet der christlichen Thematik zu sehen war, widerlegte diese Annahme jedoch. Bei der weiteren eingehenden Analyse stellte man fest, dass das ganze Gebäude und die Nischen für die Heilige Schriften in Richtung Jerusalem zeigten. Es wurde somit bestätigt, dass diese Ruine die Reste einer Synagoge darstellte.

Es ist auch belegt, dass es in Gaza vom 14. Bis zum 19. Jahrhundert n.d.Z. eine jüdische Gemeinde gab. Anfangs des 20. Jahrhundert unterhielten die jüdischen Anwohner Gazas enge Kontakte zu den jüdischen Gemeinden in Hevron und Ägypten. Die Behauptung, Juden lebten mit ihren arabischen Nachbarn bis zum Jahr 1948 in friedlichem Miteinander, ist allerdings ein Irrtum: Sie verließen die Stadt infolge der anti-jüdischen Pogrome von 1929.

Dass nach 1967 und bis Anfang der 1980er Jahre die Israelis des Öfteren nach Gaza kamen, entspricht hingegen der Wahrheit. „Donnerstagabend und Freitagmorgen fuhren tausende Juden aus dem Landesinneren und Süden Israels nach Gaza, meist, um ihre Einkäufe zu erledigen – denn dort war ja alles viel billiger“, erzählt Mirjam Schalusch aus Tel Aviv. „Auch ich bin mit meinen Eltern ein paar mal in Gaza gewesen. Die arabischen Händler waren sehr freundlich. – Warum auch nicht, die Juden sicherten doch ihr Einkommen!“

Das alles ist jedoch längst Vergangenheit. Heute kocht Gaza vor Hass auf Juden, seine wirtschaftliche Lage bezeichnen Berichte als katastrophal. Offenbar gibt es da einen Zusammenhang…

 

Übersetzung aus dem Russischen von Irina Korotkina

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Auswandern? Wenn ja: Wohin? (Teil 1)

Auswandern? Wenn ja: Wohin? (Teil 1)

In der JR gibt es erstmals eine Liste potentieller Auswanderungs-Ziele, in denen bereits deutschsprachige und jüdische Infrastrukturen existieren.

Die Thora, das tragbare Vaterland

Die Thora, das tragbare Vaterland

Juden wurden wegen zahlreicher Verfolgungen schon früh zu kosmopolitischem Denken und Ortswechseln gezwungen.

Albert Memmi: Der Mythos einer idyllischen jüdisch-arabischen Koexistenz in den muslimischen Ländern

Albert Memmi: Der Mythos einer idyllischen jüdisch-arabischen Koexistenz in den muslimischen Ländern

Kurz vor seinem 100. Geburtstag ist der tunesisch-jüdische Schriftsteller gestorben, der u.a. über die Unterdrückung der Juden in moslemischen Ländern schrieb.

Besuch im jüdischen Samaria

Besuch im jüdischen Samaria

Nicht „Friedenshindernis“, sondern Existenzgarantie: Judäa und Samaria mit ihrer jahrtausendealten jüdischen Geschichte sind auch ein wichtiger Bestandteil des Sicherheits-Anliegens des jüdischen Staates Israel.

Iranische Banken: Deutschlands klammheimliche Hilfe beim Sanktionsbruch

Iranische Banken: Deutschlands klammheimliche Hilfe beim Sanktionsbruch

Die Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt den mit Sanktionen belegten iranischen Banken in Deutschland offenbar freie Hand für ihre Geschäfte.

Die jüdischen Grabsteine im Prager Straßenpflaster

Die jüdischen Grabsteine im Prager Straßenpflaster

Während der Zeit des kommunistischen Regimes sind auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens mehr Synagogen zerstört worden als zur Zeit des Nationalsozialismus.

Einmal ist eine „Zweistaatenlösung“ bereits grandios gescheitert: Die Katastrophe Pakistan

Einmal ist eine „Zweistaatenlösung“ bereits grandios gescheitert: Die Katastrophe Pakistan

Der indische Subkontinent wurde 1947 in einen moslemischen und einen hinduistischen Staat geteilt: Das islamische Pakistan ist heute ein Ort der Hoffnungslosigkeit, des staatlichen Versagens und des Fanatismus.

Dona Gracia – der weibliche Dagobert Duck des 16. Jahrhunderts

Dona Gracia – der weibliche Dagobert Duck des 16. Jahrhunderts

Es gibt nicht viele große Namen jüdischer Frauen des späten Mittelalters. Ein Name genießt besondere Berühmtheit – Dona Gracia; die Erinnerung an diese Frau, die vor 510 Jahren in Portugal zur Welt kam, bewahren dankbare Bewohner der israelischen Stadt Tiberias.

Judenburg und Ceska Trebova: Judentum und Antisemitismus in heutigen Stadtwappen

Judenburg und Ceska Trebova: Judentum und Antisemitismus in heutigen Stadtwappen

Mindestens zwei Städte in Mitteleuropa, in Österreich und Tschechien, haben eine fragwürdige Judenfigur mit mittelalterlichem Judenhut als Wappenzeichen.

Otto Warburg: Der geduldete „Halbjude“

Otto Warburg: Der geduldete „Halbjude“

Die Krebsforschung des Nobelpreisträgers war Adolf Hitler wegen dessen persönlicher Angst vor Kehlkopfkrebs so wichtig, dass der NS-Staat nicht nur über die jüdische Abstammung, sondern auch über die vermutete Homosexualität des Wissenschaftlers hinwegsah. Otto Warburg starb vor 50 Jahren.

Wer war der erste Jude?

Wer war der erste Jude?

War es Noah oder war es Awraham? Und waren die Vorväter des jüdischen Volkes überhaupt selbst Juden?

Als der Schekel das Israelische Pfund ersetzte

Als der Schekel das Israelische Pfund ersetzte

Der Schekel ist für Israelbesucher ein wesentlicher Bestandteil ihrer Reise. Doch erst vor 40 Jahren wurde er als offizielle Landeswährung des jüdischen Staates eingeführt. Der Name bezieht sich auf eine antike Gewichtseinheit.

Werbung

Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden