Raubkunst, Rassenwahn, Realitätsverlust: Der Fall Karl Paetow

Märchen, wie beispielsweise „Dornröschen“ von den Gebrüdern Grimm, erfreuen sich auch auf Weihnachtsmärkten als Dekoelement größter Beliebtheit© Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

Der Gründer und langjährige Direktor des „Deutschen Märchen- und Wesersagenmuseums“ Bad Oeynhausen, Karl Paetow, war nicht nur ideologisch tief im NS-System verankert, sondern in Paris aktiv am organisierten Kunstraub beteiligt, der sich gezielt gegen jüdische Familien richtete. Seine Tätigkeit im „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ verschwieg er nach 1945 – und wurde dennoch als bloßer „Mitläufer“ eingestuft. Erst spät bringen Historiker und Journalisten die ganze Dimension dieses Falles ans Licht. Als Reaktion darauf hat die Stadt nun Experten mit der Provenienzforschung beauftragt. Was dabei zutage tritt, ist weniger ein Märchen als ein aufrüttelndes Beispiel dafür, wie NS-Biographien über Jahrzehnte verharmlost oder übersehen wurden. (JR)

Von Birgit Gärtner

„Ich beschäftige mich jetzt viel mit der Judenfrage und manches wird mir jetzt klar, was ich bisher nicht fassen konnte. Es waren die Elemente in Literatur und Kunst, die ich seit Jahren aus reinem Instinkt bekämpfe – eben fast gleich jener typisch jüdischen Mentalität. Wie groß die Gefahr für unser Volk war, das erkennen wir erst jetzt“, diese Worte schrieb Karl Paetow laut Norbert Sahrhage am 7. Juli 1933 an seine erste Ehefrau Charlotte. Gut zwei Monate zuvor, am 1. Mai 1933, war der „Wandervogel“ und Anthroposoph Karl Paetow in die NSDAP eingetreten.

Bereits etwa ein halbes Jahr zuvor schrieb er, ebenfalls an seine Frau: „Ich … fürchte viel für den russischen Menschen, weil er dem Germanen, den er selber einst rief, entglitten ist und sich dem Juden übergeben hat.“

Obwohl 1903 in Fürstenwalde an der Spree geboren, wuchs Karl Paetow in Kassel auf und absolvierte dort das Abitur an der Oberrealschule I. Seinen weiteren Lebenslauf beschreibt Norbert Sahrhage folgendermaßen:

„Nach mehrmonatiger Arbeit als Werkstudent im Bergbau und als Heizer bei der Eisenbahn nahm Paetow im Jahre 1922 das Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Volkskunde in Göttingen, Frankfurt/M., München, Köln, Bonn und Berlin auf. Er schloss seine Studien 1928 in Leipzig mit der Dissertation Klassizismus und Romantik auf Wilhelmshöhe ab, in der er sich mit der Baugeschichte der Anlagen auf der Kasseler Wilhelmshöhe beschäftigte.“

Der später als „Volkskundler“ betitelte Karl Paetow hing den Theorien Rudolf Steiners an. Der Begründer der Anthroposophie, auch bekannt als Waldorf-Lehre, orientierte sich seinerseits an den Vorstellungen der Helena Petrovna Blavatsky. Die US-amerikanische Okkultistin und Schriftstellerin deutsch-russischer Herkunft ist Begründerin der „Wurzelrassen-Theorie“, der zufolge sieben „Menschenrassen“ nacheinander auf verschiedenen Kontinenten entstanden wären oder noch entstehen würden. Jede Wurzelrasse unterteilte Blavatsky in sieben „Unterrassen“. Die „germanische Unterrasse“ der „arischen (fünften) Wurzelrasse“ definierte sie 1888 als die seinerzeit höchste Stufe dieser Entwicklung.

Auch Karl Paetow hielt die „arische Rasse“ der er Norbert Sahrhage zufolge selbst anzugehören glaubte, den „minderwertigen Rassen“ überlegen. Die „arische Rasse“ habe daher auch das Recht, über die „minderwertigen Rassen“ zu herrschen. „Die Juden wurden von ihm für besonders gefährlich gehalten, da sie in der Lage seien, andere (minderwertige) Rassen zu manipulieren“, resümiert der Historiker.

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