KOLUMNE DES HERAUSGEBERS DR. R. KORENZECHER

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

der vor uns liegende Monat September ist in diesem Jahr in besonderer Weise ein Monat jüdischer Erinnerung, jüdischer Selbstbesinnung und zugleich jüdischer Zuversicht.

Mit dem Sonnenuntergang des 11. September beginnt Rosh Hashana und damit für die Juden in Israel und in der weltweiten Diaspora das neue jüdische Jahr 5787. Es eröffnet zugleich die Yamim Noraim, die ehrfurchtsvollen Tage der Einkehr und Umkehr, die zehn Tage später mit Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Versöhnungs- und Fastentag, ihren Höhepunkt finden.

Das jüdische Volk kann zu Beginn dieses neuen Jahres auf eine Jahrtausende währende, unvergleichliche und oftmals unvorstellbar leidgeprüfte Geschichte zurückblicken. Von der biblischen Befreiung aus der pharaonischen Knechtschaft über die Errichtung der alten jüdischen Königreiche, die babylonische Verbannung, griechische und römische Eroberung, die Zerstörung der Tempel und beinahe zwei Jahrtausende der Zerstreuung bis zur Wiedererrichtung jüdischer Staatlichkeit im Jahre 1948 hat dieses Volk Vertreibung, Entrechtung, Zwangsbekehrung, Pogrome und schließlich den millionenfachen industriellen Judenmord der Schoah überlebt.

Mehr noch: 78 Jahre nach der Wiedergründung des jüdischen Staates steht Israel heute als prosperierender, wissenschaftlich und technologisch hochentwickelter, freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat auf einem Teil jenes Gebietes, mit dem das jüdische Volk seit Jahrtausenden religiös, kulturell und historisch verbunden ist.

Israel ist dabei nicht nur Zufluchtsort für Juden aus aller Welt. Es ist inmitten einer von Diktaturen, religiösem Fanatismus, Bürgerkriegen und islamischem Terror gezeichneten Region die einzige dauerhafte westliche Demokratie, in der Juden, Muslime, Christen, Drusen und andere Minderheiten unter einer gemeinsamen demokratischen Rechtsordnung leben.

Die hohen jüdischen Feiertage erinnern deshalb nicht nur an religiöse Tradition, Umkehr und Verantwortung vor G'tt. Sie erinnern auch daran, dass es den Feinden des jüdischen Volkes trotz all ihrer Verfolgungen niemals gelungen ist, jüdische Identität, jüdischen Glauben und die Bindung an Jerusalem auszulöschen.

 

Ein Monat der Erinnerung

Der Monat September ist jedoch nicht nur vom Eintritt in das neue jüdische Jahr geprägt. Er erinnert zugleich an mehrere historische Ereignisse, die Europa, das jüdische Volk und die gesamte westliche Welt bis heute prägen.

Am 1. September 1939, vor nunmehr 87 Jahren, überschritten deutsche Truppen die polnische Grenze. Mit dem vorsätzlich begonnenen Angriffskrieg gegen Polen setzte Hitler-Deutschland jene Katastrophe in Gang, die sich zum Zweiten Weltkrieg ausweitete, weite Teile Europas verwüstete, viele Millionen Menschenleben kostete und schließlich in der nahezu vollständigen Vernichtung des europäischen Judentums mündete.

Wenige Wochen nach Beginn des neuen jüdischen Jahres jährt sich zudem am 29. und 30. September zum 85. Mal eines der furchtbarsten Verbrechen der Schoah: das Massaker von Babi Jar bei Kiew.

Innerhalb von nur zwei Tagen ermordeten Einheiten der SS und deutschen Polizei, insbesondere das Sonderkommando 4a der Einsatzgruppe C, mit Unterstützung weiterer deutscher Kräfte und örtlicher Hilfskräfte über 30.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Die Wehrmacht war keineswegs bloß unbeteiligter Zuschauer: Deutsche Militärstellen waren in die Vorbereitung eingebunden, unterstützten die Aktion organisatorisch und halfen unter anderem bei der Bekanntmachung des Befehls, mit dem die jüdische Bevölkerung Kiews zu ihrem vermeintlichen „Umsiedlungsort“ bestellt wurde.

Die jüdischen Menschen mussten sich entkleiden, wurden gruppenweise an die Schlucht geführt und erschossen. Kinder wurden in den Armen ihrer Mütter ermordet. Ganze Familien verschwanden innerhalb weniger Stunden. Es waren Zehntausende jüdischer Menschen, die keinerlei Verbrechen begangen hatten und einzig deshalb sterben mussten, weil sie Juden waren.

Die Judenerschießungen erfolgten unter erheblicher Mithilfe örtlicher ukrainischer Polizeikräfte sowie von Angehörigen der Organisationen der Nazi-Kollaborateure Stepan Bandera und Andrij Melnyk (1890–1964) – jener Männer, die bis heute mit Straßennamen und Denkmälern in der Ukraine geehrt werden. So gut wie keiner der Offiziere der Wehrmacht und der ukrainischen Mittäter, die sich an Vorbereitung, Durchführung oder Vertuschung des Massakers beteiligt hatten, musste sich in der Folge jemals vor Gericht verantworten.

Und als wäre das nicht Schande genug, hat die Ukraine in diesem Sommer die Ehrung ihrer Judenmörder zur Staatsräson erhoben: Präsident Selenskyj unterzeichnete – passend zum Unabhängigkeitsjubiläum – das Gesetz über ein „Pantheon“ der Nationalhelden, in dem auch die UPA geehrt wird, die Mörderbande von Wolhynien mit Zehntausenden jüdischen und bis zu hunderttausend polnischen Opfern, und ließ die Gebeine der OUN-Führer mit militärischen Ehren heimholen. Yad Vashem erklärte sich „zutiefst beunruhigt“, Polens Präsident entzog Selenskyj den höchsten polnischen Orden. Und Berlin? Berlin reiste zum Gratulieren an und versprach frisches Geld. Kein Wort des Protests von einer politischen Klasse, die den Faschismus sonst in jedem Wahlergebnis wittert – nur nicht dort, wo er mit ihrer Zustimmung und unserem Steuergeld in Stein gemeißelt wird.

Die bittere Ironie aber will es, dass dieses Gesetz die Unterschrift eines Präsidenten trägt, der seine teilweise jüdischen Familienwurzeln – die von den Deutschen und ihren ukrainischen Helfern ermordeten Brüder seines Großvaters – im Wahlkampf stets werbewirksam vorzuzeigen wusste. Wer so mit dem Andenken der eigenen Toten umgeht, um sich die Gunst der Bandera-Verehrer zu sichern, hat jedes Recht verwirkt, sich je wieder auf sie zu berufen.

Man verstehe uns nicht falsch: Über Vorgeschichte, Ursachen und Verantwortlichkeiten dieses Krieges ließe sich manches sagen, was nicht in das offizielle Berliner Narrativ passt – das ist ein Thema für sich, und die Realität des Krieges bestreitet niemand. Aber ein Land, das seine Judenmörder in Stein meißelt, und eine Führung, deren Spur die Bundesanwaltschaft bei der Sprengung unserer Energieversorgung verfolgt, mögen nach der Logik unserer Politik Anspruch auf deutsche Milliarden haben – auf unsere Sympathie haben sie keinen.

Und noch ein Datum dieses Monats trägt eine deutsche Handschrift: Am 5. September jährt sich zum 54. Mal das Olympia-Massaker von München, bei dem arabische Terroristen elf israelische Sportler ermordeten – ermöglicht durch das vollständige Versagen eines deutschen Staates, der trotz aller Warnungen jeden ernsthaften Schutz der israelischen Mannschaft verweigert hatte (ausführlich auf Seite 5 dieser Ausgabe). Und als wäre dieses Versagen nicht Schande genug, ließ die Bundesrepublik die drei überlebenden Mörder nur wenige Wochen später nach einer Flugzeugentführung frei – Terroristen freilassen, um Ruhe zu haben. Wer nach den Wurzeln des heutigen Kriechens vor dem islamischen Terror sucht: Eine davon liegt in München, im September 1972.

 

25 Jahre 11. September

Ein weiteres Datum macht diesen September zu einem besonderen Monat der Erinnerung. Am 11. September 2001, vor 25 Jahren, erschütterte der bis heute tödlichste Terroranschlag der Geschichte die Vereinigten Staaten und die gesamte westliche Welt.

19 Terroristen des islamischen Terrornetzwerks Al-Qaida entführten vier Passagierflugzeuge. Zwei wurden in die Türme des World Trade Centers in New York gesteuert, ein weiteres traf das Pentagon, das vierte stürzte in Pennsylvania ab, nachdem Passagiere versucht hatten, die Kontrolle über die Maschine zurückzugewinnen. Etwa 3000 unschuldige Menschen wurden an diesem Tag kaltblutig ermordet. Der 11. September war ein geplanter Massenmord im Namen einer islamo-faschistischen Weltherrschaftsideologie.

Und doch begann schon bald nach den Anschlägen jene verhängnisvolle westliche Verdrängungsarbeit, bei der nicht mehr die Ideologie der Täter im Mittelpunkt stehen sollte, sondern immer häufiger die Sorge, ihre Benennung könne irgendjemanden beleidigen. Damit begann ein Irrweg, dessen Folgen wir bis heute erleben.

Denn der islamische Dschihad gegen die freie Welt verschwand nicht mit dem Tod Osama bin Ladens. Al-Qaidas Kernstrukturen wurden erheblich geschwächt, doch der Dschihadismus fand neue Organisationen, neue Rekruten und neue Schlachtfelder. Der sogenannte Islamische Staat ermordete Jahre später Tausende Menschen und brachte seine Barbarei bis auf die Straßen europäischer Hauptstädte. Paris, Brüssel, London, Berlin, Nizza, Manchester und viele andere Orte wurden zu Namen einer blutigen Chronik. Denn es gibt keinen Islamismus ohne den Islam – so wenig, wie es Alkoholismus ohne Alkohol gibt.

Und wie sehr diese Verdrängung die Opfer bis heute verhöhnt, zeigt ausgerechnet New York selbst: 600 pensionierte Beamte der Port-Authority-Polizei – jener Einheit, die am 11. September 37 ihrer Männer verlor, mehr als jede andere Polizeitruppe in der Geschichte Amerikas – haben den neuen Bürgermeister Zohran Mamdani schriftlich aufgefordert, der Gedenkfeier zum 25. Jahrestag an Ground Zero fernzubleiben. Er habe sich „das Recht nicht verdient“, dort neben den Familien, den Überlebenden und den Rettern zu stehen, seine Anwesenheit füge „tiefen Schmerz“ zu – wegen seiner Feindseligkeit gegenüber den Sicherheitskräften und seiner Haltung zu Israel.

Zehntausende haben eine Petition gleichen Inhalts unterzeichnet. Mamdani will dennoch kommen. Man halte also fest: Der Mann, den die Trauernden Amerikas nicht an den Gräbern ihrer Helden dulden wollen, ist exakt derselbe, den unser grün-linker und woker Politmorast samt seinen Gesinnungsmedien als leuchtendes Vorbild und sozialen Heilsbringer New Yorks bejubelt – jene Leute, die sich von jedem Anstand, jedem gesunden Menschenverstand und jeder Spur von Mitgefühl mit den Opfern des islamischen Terrors längst verabschiedet haben und denen Israelfeindschaft allemal näher liegt als das Gedenken an dreitausend Ermordete (ausführlich zu Mamdani auf Seite 14 dieser Ausgabe). Treffender lässt sich der moralische Bankrott dieser Leute kaum auf den Punkt bringen.

Und wer wissen will, wie tief die Verdrängung ein Vierteljahrhundert später reicht, musste in diesen Tagen nur nach Berlin-Neukölln schauen: Drei Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl antichambrierten die Spitzenkandidaten von SPD, Grünen und Linken in einer Moschee, die der Verfassungsschutz lange Jahre der Muslimbruderschaft zurechnete – und der einzige Kandidat, der dort die fehlende Abgrenzung zum Judenmassaker des 7. Oktober ansprach, wurde als Störer niedergemacht und von einem wütenden Mob bis zum Auto verfolgt. Wer nicht vor dem Islam kriecht, ist sofort sein Feind – das Lehrstück dazu lesen Sie auf Seite 22 dieser Ausgabe.

Dabei ist Berlin schon heute ein Anschauungsstück des Verfalls: Die Berliner haben sich die CDU unter Kai Wegner gewählt, um die grün mitregierte Vorgängerkoalition loszuwerden – und bekamen eine CDU, die deren Politik nahtlos fortsetzt. Der Feldzug gegen die Autofahrer hat sich noch verschärft, die Stadt leistet sich wachsende No-go-Areas, in denen längst nicht mehr das Grundgesetz gilt, sondern die Straßenordnung islamischer Clans, die Parks sind zu offenen Drogenumschlagplätzen verkommen – und Juden sind in weiten Teilen der deutschen Hauptstadt Freiwild: Synagogen und jüdische Schulen gleichen Festungen, und wer als Jude erkennbar durch Neukölln geht, riskiert Leib und Leben. Was nach dem 20. September droht, setzt dem allen noch die Krone auf: ein grün-rot-dunkelrotes Bündnis exakt jener drei Parteien, deren Spitzenkandidaten sich in Neukölln soeben als Kriecher vor dem Islam vorgestellt haben – es wäre der endgültige Todesstoß für diese einst große Stadt und für das, was von jüdischem Leben in ihr noch übrig ist. Die Berliner haben es am 20. September in der Hand, diesen Leuten die einzige Antwort zu erteilen, die sie verstehen: die Abwahl.

 

Baerbock und Guterres: Ideologische Komplizen des Terrors

Wie weit die moralische Verkommenheit reicht, zeigten ausgerechnet die Vereinten Nationen: Bei einer feierlichen Gedenkstunde in New York gedachten UN-Generalsekretär António Guterres und die Präsidentin der UN-Generalversammlung Annalena Baerbock offenbar auch eines Mannes, den die Menschenrechtsorganisation UN Watch anhand von Hamas-Material als mutmaßlichen Feldkommandeur der Kassam-Brigaden identifiziert – jenes Terror-Arms, dessen Mörder am 7. Oktober 2023 jüdische Familien massakrierten: Imad El Samhouri, langjähriger Lehrer und Schulleiter des sogenannten Palästinenserhilfswerks UNRWA (ausführlich dazu der Bericht in dieser Ausgabe). Während Israel von denselben Vereinten Nationen mit beispielloser Beharrlichkeit verurteilt wird, erweist man einem mutmaßlichen Hamas-Funktionär im Herzen der Institution die letzte Ehre – und in der ersten Reihe steht ausgerechnet jene Annalena Baerbock, die als deutsche Außenministerin keine Gelegenheit ausließ, den jüdischen Staat mit erhobenem Zeigefinger zu belehren, und die mit ihrem denkwürdigen „Wir kämpfen einen Krieg gegen Russland“ nebenbei klarstellte, wo ihre Leidenschaften liegen.

Doch Baerbock wäre nicht Baerbock, würde sie nicht mit der ihr eigenen Mischung aus Bildungsferne und bauernschlauer Verschlagenheit noch einen draufsetzen: Inzwischen werfen ihr USA und Russland gemeinsam vor, sich beim Auswahlverfahren für den nächsten UN-Generalsekretär Kompetenzen des Sicherheitsrats angemaßt zu haben – es will etwas heißen, wenn eine deutsche Grünen-Politikerin ausgerechnet Washington und Moskau in der Kritik an sich vereint. Nach ihrer Abdankung im September wird Baerbock eine Lehrtätigkeit an der New Yorker Columbia Universität übernehmen. Columbia war das Epizentrum der gewaltvollen pro-„palästinensischen“ Proteste – was für ein Zufall…

 

Die Mullahs und die alte Illusion des Westens

In genau jene Septembertage, in denen wir der Toten von Babi Jar gedenken, fällt noch ein Jahrestag: Am 29. und 30. September 1938 unterschrieben Großbritannien und Frankreich das Münchner Abkommen und opferten die Tschechoslowakei der Illusion, man könne einen Diktator sättigen. Winston Churchill antwortete mit einem Satz für die Ewigkeit: „Ihr hattet die Wahl zwischen Krieg und Schande. Ihr habt die Schande gewählt, und ihr werdet den Krieg bekommen.“

Achtundachtzig Jahre später betreibt Teheran exakt das Spiel, das München belohnt hat: verhandeln, verzögern, täuschen, provozieren, wieder verhandeln und dabei die Straße von Hormus als Erpressungswaffe gegen die freie Welt einsetzen. Bis Januar 2029 soll Zeit gewonnen werden, um den zerschlagenen Terror-Apparat wiederaufzubauen, das Raketen- und Atomprogramm zu retten und auf eine Regierung der Democrats zu warten, die wieder bereit ist, Appeasement-Politik zu betreiben. Jahrzehnte westlicher grün-linker Politik haben den Mord-Mullahs schließlich genau diese Lektion erteilt: Nur lange genug durchhalten, dann kommen die Diplomaten, die Sanktionslockerungen und schließlich das Vergessen.

Schon das Atomabkommen von 2015 war nichts anderes als München auf Persisch: dieselbe Illusion, man könne ein ideologisch gefestigtes revolutionäres Regime durch wirtschaftliche Vorteile und diplomatische Anerkennung zu einem normalen Mitglied der Staatengemeinschaft erziehen. Donald Trump erkannte diesen Irrweg und kündigte den Vertrag – umso grotesker die Ironie, geriete ausgerechnet er nun am Ende doch in dieselbe Falle und verschaffte den Mullahs durch einen halbherzigen Kompromiss genau die Überlebenszeit, die sie benötigen.

Si vis pacem, para bellum, wussten schon die Römer. Teheran versteht die Sprache der Stärke ganz ausgezeichnet – was es nicht respektiert, sind rote Linien, die anschließend verschoben werden. Das Ziel kann deshalb nur eines sein: die vollständige Kapitulation dieses Regimes – die endgültige Zerschlagung seiner atomaren, militärischen und terroristischen Fähigkeiten. Jeder Kompromiss darunter ist keine Lösung, sondern die Anzahlung auf den nächsten Krieg.

Für Israel ist das kein diplomatisches Gedankenspiel: Es lebt mit iranisch finanzierten und bewaffneten Terrorarmeen an seinen Grenzen, es wäre das erste Ziel einer Teheraner Bombe – und es kann es sich nicht leisten, eines Tages überrascht festzustellen, dass die Mullahs ihre Vernichtungsabsichten ernst gemeint haben. Israel wird deshalb weder schwanken noch zögern, die existenzielle Bedrohung durch dieses Regime dauerhaft auszuschalten und den begonnenen Kampf um die eigene Sicherheit konsequent zu Ende zu führen.

 

Sehr ernst genommen – und nichts getan

Und Deutschland? Dieselbe Politik, die gegenüber Kiew schweigt und mit Teheran verhandelt, versagt auch dort, wo ihre erste Pflicht läge: beim Schutz der eigenen Bürger. Auf dem Flughafen Leipzig/Halle – einem zivilen Passagier- und Frachtdrehkreuz, über das zugleich Munitions- und Rüstungsnachschub in Richtung Ukraine abgewickelt wird – wurde kürzlich eine mit Sprengstoff bestückte Drohne entdeckt. Aus Berlin kam die immergleiche Formel: Man nehme den Vorfall „sehr ernst". Sehr ernst? Wer Kriegslogistik mitten in den zivilen Luftverkehr verlegt, macht Passagiere und Anwohner sehenden Auges zu potenziellen militärischen Zielen – dafür braucht es nicht einmal einen überführten Täter, dafür genügt die eigene Verantwortungslosigkeit. Wie vertraut das alles klingt: Die Hamas lagert ihre Raketen in Schulen und unter Krankenhäusern, um sie hinter Zivilisten zu verstecken. Passagiere sollten kein Schutzschild für Waffenlieferungen sein. Wirklich ernst nähme die Lage, wer Leipzig wieder zu dem machte, was ein Passagierflughafen zu sein hat: ein Ort für Reisende und zivile Fracht – und nicht für die Munition eines fremden Krieges.

Es fügt sich ins Bild, dass die Bundesanwaltschaft die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines – einen Anschlag auf die Energieversorgung dieses Landes – inzwischen bei ukrainischen Tatverdächtigen verfolgt; ein mutmaßlich Beteiligter wurde in Italien festgenommen. Cui bono war von Anfang an keine schwierige Frage. Und die Konsequenzen aus Berlin? Keine. Die Milliarden fließen weiter, das Schweigen hält an – und wer fragt, bekommt ein Etikett. Eine politische Klasse, die jede Wirtshausrede zur Gefahr für die Demokratie erklärt, nimmt die Verwandlung des eigenen Landes in Zahlmeister und Zielscheibe eines fremden Krieges hin wie ein Wetterereignis. Sehr ernst, versteht sich.

 

Der leise Abschied: Europas Juden stimmen mit den Füßen ab

Und während die Politik schweigt, kriecht und „sehr ernst nimmt“, vollzieht sich das eigentliche Menetekel fast unbeachtet: Die Juden verlassen Westeuropa. Frankreich macht es vor – Zehntausende französische Juden haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihrer Heimat den Rücken gekehrt; wer heute durch Netanya geht, wähnt sich in einer französischen Stadt. Und Deutschland folgt auf demselben Weg: Die Gemeinden schrumpfen und überaltern, und die junge Generation plant ihre Zukunft längst nicht mehr in diesem Land – leise, ohne Pressekonferenz, mit gepackten Koffern im Kopf.

Man muss sich die Ungeheuerlichkeit auf der Zunge zergehen lassen: Ausgerechnet Deutschland, das Ursprungsland der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen, ist dabei, seine jüdische Bevölkerung ein zweites Mal zu verlieren – diesmal nicht durch Deportation, sondern durch importierten islamischen Judenhass und die politische Feigheit, ihn zu benennen. Und damit niemand das übliche Etikett zückt: Es geht dabei nicht um Zuwanderung an sich. Hätte die Kanzlerin des „Wir schaffen das“ im Jahr 2015 eine Million Ostasiaten ins Land gelassen, es hätte kaum jemand bemerkt – keine Messerstatistik, keine Festungs-Weihnachtsmärkte, kein neuer Judenhass, und kein Jude in diesem Land müsste sich verkleiden und demütigendes Identitäts-Mimikry betreiben – die Kippa unter der Baseballkappe, der Davidstern unter dem Hemdkragen –, um auf offener Straße nicht angegriffen zu werden; das Land wäre um fleißige Bürger reicher.

Das Problem ist nicht die Migration. Das Problem ist die islamische Migration. Es ist derselbe Weg, den die einst blühenden jüdischen Gemeinden der arabischen Welt gegangen sind: Aleppo, Heimat einer der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt – judenleer. Marokko, Tunesien, der gesamte Maghreb – Restbestände. Die Lektion dieser Länder ist eindeutig: Wo der Islam die Mehrheit stellt oder die Politik vor ihm kriecht, verschwinden die Juden. Erst die einen, dann die Freiheit der anderen.

Und der Zentralrat? Statt diese Entwicklung beim Namen zu nennen und den Verantwortlichen die Gefolgschaft aufzukündigen, ist die offizielle jüdische Vertretung damit beschäftigt, eben jenen Politikern Preise zu verleihen und Festreden zu widmen, denen wir diese Lage verdanken – wohlgemerkt: nicht der Opposition, sondern denen, die all die Jahre regiert haben und regieren. Die Bilanz dieser Höflichkeit wird nicht in Sonntagsreden geschrieben – sie steht schon heute in den Passagierlisten der Flüge nach Tel Aviv.

Und doch, allen Feinden und aller Verzagtheit zum Trotz, liefert dasselbe Berlin auch den Gegenbeweis: Die Jüdische Gemeinde Chabad Berlin beging in diesen Tagen ihr 30-jähriges Jubiläum. Als Rabbiner Yehuda Teichtal vor drei Jahrzehnten mit seiner Frau in dieser Stadt ankam, gab es dort für sie keinen Weg zurück – nur den Auftrag, aufzubauen. Was Rabbiner Teichtal seither mit unerschöpflicher Schaffenskraft aufgebaut hat – Synagogen, Schulen, eine Hochschule, ein blühendes Gemeindeleben, das sich weder versteckt noch entschuldigt –, zeugt von einer Tatkraft, die durch Wände geht und sich von nichts und niemandem aufhalten lässt, wenn es um die jüdische Sache geht.

Was Rabbiner Teichtal bei Chabad und Gideon Joffe an der Spitze der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gegen alle Widerstände am Leben halten, ist der lebende Beweis: Die Juden, die geblieben sind, sind nicht unterzukriegen.

 

Ein gutes und gesundes 5787

Und so beginnt das Jahr 5787 in einer Zeit großer Herausforderungen. Doch es beginnt auch mit einem jüdischen Staat, der wehrhaft ist. Das ist der vielleicht entscheidendste Unterschied zu Babi Jar, zu den Pogromen und zu den Jahrhunderten jüdischer Schutzlosigkeit in der Diaspora.

Heute gibt es wieder einen jüdischen Staat. Heute gibt es wieder jüdische Soldaten, die jüdisches Leben verteidigen können. Heute hängt das Überleben des jüdischen Volkes nicht mehr ausschließlich von den Versprechungen anderer ab.

Gerade deshalb dürfen Rosh Hashana und die hohen Feiertage trotz aller Bedrohungen nicht allein Tage der Sorge sein. Sie sind Tage jüdischer Kontinuität, jüdischer Selbstbehauptung und der Hoffnung auf ein gutes und süßes neues Jahr.

Möge das Jahr 5787 dem Staat Israel und dem jüdischen Volk Sicherheit, Stärke und Frieden bringen. Möge es zugleich Europa die Vernunft zurückbringen, zu erkennen, dass der Schutz jüdischen Lebens nicht in heuchlerischen Gedenkreden, Betroffenheitsritualen und Kranzniederlegungen besteht, sondern in der entschlossenen Verteidigung jener freiheitlichen Ordnung, ohne die auch jüdisches Leben nicht bestehen kann.

Mögen Sie und alle Ihre Lieben eingeschrieben sein in dem Buch des Lebens in Gesundheit, Frieden, Glück und persönlichem Wohlergehen.

Shana Tova w Tikatevu!

Am Israel Chai!

 

Ihr Dr. Rafael Korenzecher

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