KOLUMNE DES HERAUSGEBERS DR. R. KORENZECHER

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

in dem vor uns liegenden Monat Juni jährt sich in diesem Jahr zum 59. Mal der unter dem Namen Sechs-Tage-Krieg in die jüdische Geschichte eingegangene heldenhafte und siegreiche Kampf des kleinen jüdischen Staates gegen die überwältigende Übermacht der auf Initiative Ägyptens vereinigten Armeen fast aller arabischen Staaten der näheren und sogar etwas entfernteren Region. Israels Existenz stand im Juni 1967 auf Messers Schneide und der Sieg gegen die von der Auslöschung Israels bramarbasierenden arabischen Machthaber darf mit Fug und Recht als israelisches Überlebenswunder angesehen werden.

Bereits seit seiner Gründung war Israel von Todfeinden umgeben. 1967 spitzte sich die Drohkulisse massiv zu. Die arabischen Länder Ägypten, Jordanien und Syrien hatten ihre Truppen mobilisiert und verkündeten lauthals die Vernichtung des jüdischen Staates. Allein Ägypten hatte etwa 100.000 Soldaten und 1000 Panzer an die Grenze zu Israel geschickt. Zuzüglich des militärischen Potentials seiner Verbündeten waren fast eine halbe Million Soldaten, mehr als 2.800 Panzer und 810 Kampfflugzeuge gegen Israel in Stellung gebracht.

Das vorsätzlich den Feinden zum Fraß überlassene und allein gelassene, den arabischen Todfeinden um Menschen und Waffen um ein Vielfaches unterlegene kleine Israel sollte untergehen. Sehr zur Enttäuschung und zum Entsetzen seiner weltweiten Feinde kam es dem bevorstehenden Überfall allerdings zuvor und wehrte sich erfolgreich.

Dem Kriegsgeschehen vorangegangen waren vor den Augen der untätigen UNO und der Welt von arabischer, vor allem von ägyptischer Seite ausgestoßene Drohungen, Israel endgültig von der Landkarte zu tilgen und seine Bevölkerung ins Meer zu jagen, die in der ägyptischen Schließung der israelischen Lebensader, der Meeresstraße von Tiran, gipfelten.

Im Verlauf der Kampfhandlungen hat die Armee Israels, angeführt von ihrem damaligen Generalstabschef Itzchak Rabin und dem Verteidigungsminister Mosche Dajan, sämtliche arabischen Armeen umfassend geschlagen und den Staat Israel und seine Bevölkerung schicksalhaft vor der durch die arabischen Machthaber angedrohten existentiellen Vernichtung bewahrt.

Gleichzeitig konnten die dem damals noch schwachen jüdischen Staat unmittelbar nach seiner Gründung im Jahre 1948 durch arabische Aggression geraubten Gebiete Judäas und Samarias sowie der die jüdischen Heiligtümer tragende, den Juden vorsätzlich unzugänglich gemachte Ostteil der ewigen jüdischen Hauptstadt Jerusalem befreit werden und Jerusalem nach brutaler jordanischer Fremdherrschaft und durch den Islam begangener vorsätzlicher Entweihung und multipler Zerstörung uralter heiliger jüdischer Stätten endlich und dauerhaft wiedervereinigt werden.

Seit 59 Jahren ist der Ostteil Jerusalems damit befreit von einer unsäglichen, rücksichtslosen und atavistischen Okkupation, in der die Jordanier bis auf eine Synagoge nahezu alle dort zuvor bestehenden 59 jüdischen Gotteshäuser vorsätzlich zerstört sowie zahlreiche alte jüdische Grabmäler entweiht und zum Straßenbau verwendet haben, ohne deshalb jemals von der UNO oder auch etwa spätestens von den heutigen ach so schrecklich woken grünen und linken Anhängern und Verteidigern aller denkbaren Ethnien außer der jüdischen, verurteilt oder auch nur gerügt worden zu sein.

Bezeichnenderweise zog die schon damals israelfeindlich agierende UNO ihre eigentlich zur Friedenssicherung stationierten Truppen unter dem Vorsitz des notorischen Israelfeindes U Thant umgehend aus dem Aufmarschgebiet der arabischen Armeen ab. Dabei hätten diese UN-Einheiten gerade die Aufgabe gehabt, eine militärische Eskalation zu verhindern und den Frieden in der Region zu sichern.

 

Guterres und die Verwahrlosung der UN

Wer glaubt, bei diesem Versagen der Vereinten Nationen habe es sich um eine einmalige historische Fehlentscheidung gehandelt, verkennt die bemerkenswerte Kontinuität der antiisraelischen Haltung dieser Organisation. Von U Thant über Kurt Waldheim bis hin zum heutigen Generalsekretär António Guterres zieht sich ein roter Faden politischer Einseitigkeit gegenüber dem jüdischen Staat durch die Geschichte der UNO. Während jüdische Sicherheitsinteressen regelmäßig relativiert, ignoriert oder offen missachtet wurden, begegnete man den Feinden Israels oft mit erstaunlicher Nachsicht und Verständnis. Was sich 1967 im Verhalten der Vereinten Nationen bereits deutlich zeigte, findet heute unter António Guterres seine zeitgenössische Fortsetzung – nur dass die antiisraelische Schlagseite inzwischen kaum noch kaschiert wird.

Die Vereinten Nationen sind längst zu einem nahezu automatisierten Apparat antiisraelischer Obsession geworden. Ein Großteil der Resolutionen und Verurteilungen der Weltorganisation richtet sich gegen Israel – gegen die einzige Demokratie im Nahen Osten, gegen den einzigen Staat der Region mit unabhängigen Gerichten, freien Medien, freien Wahlen und garantierten Rechten für Frauen, religiöse Minderheiten und politische Oppositionelle. Gleichzeitig werden islamische Diktaturen, Terrorregime und notorische Menschenrechtsverletzer häufig mit bemerkenswerter Zurückhaltung behandelt.

Besonders deutlich wurde diese moralische Schieflage nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Guterres erklärte vor dem Weltsicherheitsrat, die Verbrechen der Hamas seien „nicht im luftleeren Raum geschehen”, und stellte die bestialischen Morde, Vergewaltigungen und Entführungen damit in einen politischen Kontext, der von vielen Israelis und Juden weltweit als Rechtfertigung der Täter verstanden wurde. Das Leid der israelischen Opfer schien hinter dem Bedürfnis zurückzutreten, Verständnis für ihre Mörder zu erzeugen.

Unter Guterres hat sich die UNO endgültig von ihrem ursprünglichen Anspruch entfernt, eine unparteiische Hüterin des Friedens zu sein. Das Abstimmungsverhalten der Organisation wird heute maßgeblich von Staatenblöcken geprägt, deren gemeinsamer Nenner häufig nicht die Verteidigung von Freiheit und Menschenrechten, sondern die Ablehnung Israels ist. Insbesondere die Organization of Islamic Cooperation verfügt in der Generalversammlung über erheblichen Einfluss und sorgt regelmäßig dafür, dass antiisraelische Resolutionen sichere Mehrheiten finden.

Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung Israels, António Guterres bereits 2024 zur persona non grata zu erklären und inzwischen die Beziehungen zu seinem Büro einzufrieren, eine nachvollziehbare Konsequenz. Aus einem internationalen Forum souveräner Staaten ist zunehmend ein ideologisches Tribunal geworden, in dem der jüdische Staat unter permanentem Generalverdacht steht, während wirklicher Terror, wirkliche Unterdrückung und wirkliche Barbarei allzu oft relativiert, beschwiegen oder mit routinierter Gleichgültigkeit behandelt werden.

Besonders deutlich zeigt sich diese moralische Verkehrung an der jüngsten Entscheidung, Israel auf eine Liste von Akteuren zu setzen, denen sexuelle Gewalt in Konflikten vorgeworfen wird. Dieselbe Weltorganisation, die Monate benötigte, um die systematischen Vergewaltigungen jüdischer Frauen durch Hamas-Terroristen überhaupt klar zu benennen, entdeckt plötzlich ihre moralische Entschlossenheit, sobald sich Vorwürfe gegen Israel richten lassen. Dies ist Ausdruck einer tiefen moralischen Verwahrlosung jener Institution, die einst gegründet wurde, um Frieden, Gerechtigkeit und Wahrheit zu verteidigen.

Die Vereinten Nationen haben sich über Jahrzehnte zu einer Bühne entwickelt, auf der islamische Unrechtsregime, westfeindliche Ideologen und antiisraelische Mehrheiten den demokratischen Staat Israel wie einen globalen Angeklagten behandeln. Staaten, in denen Frauen entrechtet, Oppositionelle gefoltert, Homosexuelle verfolgt und religiöse Minderheiten unterdrückt werden, sitzen dort mit empörtem Gesichtsausdruck über Israel zu Gericht.

Die Absurdität dieses Zustands ist derart grotesk geworden, dass sie kaum noch jemanden zu irritieren scheint. Gerade darin offenbart sich die ganze politische und moralische Verkommenheit unserer Zeit.

 

Angriff auf Grundfesten unserer Zivilisation

Israel, der einzige freiheitlich-demokratische Rechtsstaat des Nahen Ostens, wird behandelt wie ein permanenter Störfaktor einer ansonsten angeblich friedliebenden Weltordnung. Die Mörder-Bande Hamas dagegen wird in großen Teilen der internationalen Öffentlichkeit noch immer wie eine Art radikale Protestbewegung betrachtet, obwohl sie nichts anderes ist als eine islamische Vernichtungsorganisation mit genozidaler Zielsetzung.

Dabei hat die Welt offensichtlich vergessen, dass ein Angriff auf Israel immer auch ein Angriff auf die gesamte freiheitliche Welt ist.

Wer jüdisches Leben angreift, greift nicht irgendeine Minderheit an. Er greift die Grundfesten unserer Zivilisation an, unsere Geschichte, unser kulturelles Selbstverständnis und die freiheitliche Ordnung, auf die sich dieses Land so gern beruft. Juden gehören nicht „auch irgendwie” zu Deutschland – sie sind ein konstitutiver Teil dieser Gesellschaft, ihrer geistigen Entwicklung, ihrer Kultur und ihrer moralischen Grundlagen.

Und dennoch gehen jüdische Kinder seit Jahren nur noch unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen zur Schule. Synagogen gleichen Hochsicherheitstrakten. Bewaffnete Polizeikräfte vor jüdischen Einrichtungen gehören längst zum alltäglichen Straßenbild. Juden überlegen in vielen Städten sehr genau, ob sie Hebräisch sprechen, eine Kippa tragen oder ihre Identität offen zeigen. Nichts daran ist normal. Nichts daran dürfte in einem freiheitlichen Rechtsstaat jemals als akzeptabler Zustand gelten. Und doch schreitet die Verdrängung jüdischen Lebens tagtäglich voran und zwingt Juden zu einer entwürdigenden Identitätsmimikry.

Diese Entwicklung bedroht jedoch nicht nur Juden. Sie trifft das Fundament unserer offenen Gesellschaft insgesamt. Denn wo Juden nicht mehr frei und sicher leben können, dort zerfällt auch die Freiheit aller anderen. Derselbe islamische, autoritäre und freiheitsfeindliche Fanatismus bedroht ebenso Frauen, säkulare Muslime und Ex-Muslime, Christen, Homosexuelle und jeden Menschen, der auf dem Recht besteht, frei zu denken, frei zu sprechen und frei zu leben.

Der Angriff auf jüdisches Leben ist deshalb niemals nur ein Angriff auf Juden. Er ist ein Angriff auf das gesamte freiheitliche Zusammenleben westlicher Gesellschaften. Und dass große Teile unserer politischen, medialen und akademischen Eliten diese Realität bis heute relativieren, verschweigen oder aus ideologischer Feigheit nicht klar benennen wollen, gehört zu den erschütterndsten politischen und moralischen Bankrotterklärungen unserer Zeit.

 

Suizidale politische Erblindung

Besonders ernüchternd ist jedoch, dass diese Realitätsverweigerung nicht nur in den politischen Eliten zu finden war. Auch die Führung des Zentralrats der Juden unter Josef Schuster sowie ihr publizistisches Umfeld vermieden es über Jahre hinweg weitgehend, den Zusammenhang zwischen Massenzuwanderung aus überwiegend muslimischen Herkunftsländern und dem drastischen Anstieg antisemitischer Bedrohungen offen anzusprechen. Während jüdisches Leben im Alltag zunehmend unter Druck geriet, dominierten Appelle zum Dialog, integrationspolitische Wunschvorstellungen und die Bereitschaft, politische Konflikte nicht allzu deutlich zu benennen.

Umso befremdlicher wirkt es, wenn ausgerechnet Vertreter dieses Milieus heute für ihre angeblichen Verdienste um jüdisches Leben ausgezeichnet werden. Die jüngste Verleihung des sogenannten Tacheles-Preises an die „Jüdische Allgemeine” steht exemplarisch für diese bemerkenswerte Form der Selbstbestätigung — eine Gemeinschaft, die jahrelang weggeschaut hat, zeichnet sich selbst für das Wegschauen aus.

Doch die Folgen dieser jahrzehntelangen politischen und gesellschaftlichen Selbsttäuschung beschränken sich längst nicht mehr auf die Situation der Juden in Deutschland. Dieselbe Mischung aus Geschichtsvergessenheit, moralischer Selbstüberhöhung und politischer Realitätsverweigerung prägt heute zunehmend auch den Umgang deutscher Entscheidungsträger mit dem jüdischen Staat selbst. Wer die Ursachen des Antisemitismus im eigenen Land nicht benennen will, verliert häufig auch den Blick für die historischen und politischen Realitäten Israels. Diese gefährliche und gewollte Erblindung zeigt sich nirgendwo deutlicher als in den jüngsten Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz.

Friedrich Merz belehrt Israel über sogenannte „Siedlergewalt” und übernimmt damit ausgerechnet jene Begriffe, mit denen Europas antiisraelische Moralbürokratie jüdisches Leben in Judäa und Samaria seit Jahrzehnten delegitimiert. Bereits der Begriff „Westjordanland” ist Teil einer politischen Geschichtsfälschung. Man verschweigt Hebron, Schilo, Beit El und die jahrtausendealte jüdische Verwurzelung in diesem Land. Man übernimmt eine Sprache, die Juden aus Judäa zu Fremden in ihrer eigenen Geschichte erklärt. Während Israel seit dem 7. Oktober 2023 gegen die Mörder-Bande Hamas, Hisbollah und das iranische Vernichtungsregime um sein Überleben kämpft, gefällt sich der deutsche Kanzler in billiger Distanzierung. Eine deutsche Politik, die „Nie wieder” sagt, aber jüdische Selbstverteidigung moralisch maßregelt, verrät Deutschlands historische Verantwortung und offenbart eine beschämende Doppelmoral. Wer jüdisches Leben in seiner historischen Heimat delegitimiert und zugleich die eigentlichen Brandstifter des Konflikts aus dem Blick verliert, fördert nicht den Frieden, sondern stärkt jene Kräfte, die Israels Existenz und die Sicherheit seiner Bürger bedrohen.

Doch trotz aller Widrigkeiten unserer Zeit gibt es auch eine historische Wahrheit, die den Feinden Israels, den Guterres dieser Welt und den selbstgerechten Moralisten in Europa bis heute ein Dorn im Auge ist: Das jüdische Volk ist nicht mehr wehrlos.

Die jüdische Geschichte ist nicht länger von Flucht, Angst und Passivität geprägt, sondern von Selbstbestimmung und Wehrhaftigkeit. Schon Theodor Herzl kam zu dem Schluss, dass die einzige dauerhafte Antwort auf zwei Jahrtausende der Verfolgung die Souveränität in der jüdischen Heimat sei, gestützt durch die Fähigkeit zur Selbstverteidigung.

Das jüdische Volk steht nicht mehr mit zitternden Knien vor seinen Verfolgern. Es hat wieder einen Staat, eine Armee, eine Hauptstadt und den Willen zur Selbstbehauptung. Israel bittet nicht mehr um Schutz. Israel ist Schutz.

Dem Staat Israel und allen unseren Lesern und Freunden alles erdenklich Beste!

Am Israel Chai!

 

Ihr Dr. Rafael Korenzecher

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