Der Kaffeehausliterat Peter Altenberg

Der jüdisch-österreichische Literat und Lebenskünstler Peter Altenberg. © WIKIPEDIA
Der jüdisch-österreichische Schriftsteller Peter Altenberg war eines der markantesten Originale des Wiener Fin de Siècle. Seit Mitte der 1890er-Jahre gehörte er zu den prägenden Gestalten der Wiener Moderne und hielt als Stammgast des Café Central das gesellschaftliche Leben der ausgehenden Habsburgermonarchie in pointierten literarischen Miniaturen fest. Seine impressionistischen Prosaskizzen bewahren den Ton, die Atmosphäre und die melancholische Leichtigkeit jener Epoche zwischen Jahrhundertwende und Erstem Weltkrieg, bevor die alte österreichisch-ungarische Welt 1918 endgültig zerbrach. Eine Erinnerung an einen eigenwilligen Bohemien und außergewöhnlichen Chronisten des kleinen, oft übersehenen Augenblicks. (JR)
Man stelle sich vor: Wien um die Jahrhundertwende, das Fin de Siècle in voller Blüte, die Luft schwanger von Dekadenz, Kaffeehausschwaden und dem leisen Knistern des Untergangs der alten Monarchie. Und mittendrin, wie ein lebendes Mahnmal an die Vergeblichkeit bürgerlicher Tugenden, ein Herr in Sandalen und Havelock, mit zerzaustem Schnurrbart und dem Blick eines Propheten, der sich gerade den nächsten Schnaps bestellt hat. Sein Name: Peter Altenberg, eigentlich Richard Engländer, geboren 1859, gestorben 1919 – der Prototyp des Kaffeehausliteraten, der die Welt in Prosaskizzen einfing, während er sie gleichzeitig um zwei Kronen erleichterte.
Der Mann, der nie ankam – und doch überall war
Altenberg brach Studien ab, wie andere Zigaretten: Jus, Medizin, Buchhändlerlehre in Stuttgart – alles vergeblich. Ein Arzt attestierte ihm freundlicherweise „Überempfindlichkeit des Nervensystems“, jene praktische Diagnose, die den sensiblen Geist vom Joch der Brotarbeit befreite. Fortan lebte er als Bohemien, Stammgast im Café Central, wo man ihn anschreiben ließ und wo die Post für ihn ankam. Keine eigene Wohnung, dafür ein Nest im Graben-Hotel, vollgestopft mit Fotos junger Frauen, japanischem Kleinkram und dem Geist der Lebensreform. Er aß rohe Eier, predigte offene Fenster auch in der kältesten Nacht (wobei ein Spötter einmal bemerkte, das Fenster sei doch geschlossen gewesen – „Na und? War gestern die kälteste Nacht des Jahres?“) und stilisierte sich zur Marke: bunte Stoffe, Filzhut, keulenartiger Stock.
Ein Flaneur der Sinne, Impressionist der kleinen Dinge.
Seine Texte – Wie ich es sehe (1896), Märchen des Lebens, Semmering 1912 und so weiter – sind Telegramme der Seele: kurze, blitzende Prosaskizzen, die den Alltag, den Geruch eines Herbstabends, das Gespräch am Nebentisch, die Gazellenbeine einer jungen Frau in wenigen Sätzen zu bannen vermochten. Karl Kraus schickte seine verstreuten Manuskripte heimlich an S. Fischer; Hugo von Hofmannsthal lobte den Wiener Ton. Alban Berg vertonte Postkarten-Texte von ihm. Und doch blieb der große kommerzielle Erfolg aus. Altenberg war kein Mann der großen Entwürfe, sondern der flüchtigen Eindrücke – genau wie dieses Wien, das er liebte und das bald untergehen sollte.
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