Joseph Roth: Der jüdische Monarchist mit hellsichtigem Blick

Joseph Roth
© WIKIPEDIA

Joseph Roth war ein Chronist des untergehenden alten Österreichs, ein hellsichtiger Melancholiker, der im Zerfall der k.u.k. Monarchie mehr erkannte als nur das Ende des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates. Der aus dem galizischen Schtetl Brody stammende jüdische Schriftsteller sah die Barbarei des 20. Jahrhunderts früh heraufziehen und stellte ihr eine altmodische, elegante und zutiefst humane Literatur entgegen. Zwischen monarchischer Sehnsucht, jüdischer Herkunft und österreichischer Schwermut schuf Roth ein Werk, das bis heute von Verlust, Entwurzelung und der tödlichen Gewalt absoluter Ideologien erzählt. Seine Werke „Radetzkymarsch“ (1932) und später „Die Kapuzinergruft“ (1938) wurden sein Requiem. Die Nazis, die er früh in „Das Spinnennetz“ (1923) als kommende Pest erkannte, bestätigten ihm nur, dass die alte Welt, bei allen Fehlern, wenigstens Anstand gehabt hatte. (JR)

Von Klaus Jessenitschnig

Man stelle sich vor: Ein kleiner Jude aus dem galizischen Brody, geboren 1894 in jenem Grenzland, wo der Kaiser noch fern und doch nah war, wird zum Chronisten des Untergangs. Joseph Roth – Kind seiner Zeit und ihr vornehmstes Opfer zugleich. Er nannte sich Kommunist und Monarchist in einem Atemzug, als wären diese Gegensätze keine Feinde, sondern Brüder in der großen Familie der Verlorenen. Und vielleicht hatte er recht. In einer Welt, die gerade dabei war, jede Feinheit, jede Nuance, jede altösterreichische Grazie mit dem Stiefel der Barbarei zu zertreten, blieb ihm nur der Schnaps und die Feder. Beides scharf, beides tröstlich, beides tödlich.

 

Der verlorene Sohn der Monarchie

Roth kam aus Brody, jenem ostgalizischen Schtetl, das wie ein Vorposten der k.u.k. Welt wirkte – deutschsprachiges Gymnasium, Wiener Sehnsucht, jüdisches Milieu mit chassidischen Wurzeln. Der Vater, psychisch krank und verschwunden, wurde zur Legende: Mal polnischer Graf, mal österreichischer Offizier. Roth selbst webte an seinem Mythos mit der gleichen Hingabe, mit der er später an seinen Romanen schrieb. Er war kein simpler Autobiograph; er war ein großer Erzähler, der das eigene Leben zur Fabel formte.

In Wien, wo er Germanistik studierte, tauchte er ein in die Welt der Kaffeehäuser – jene glänzenden, rauchgeschwängerten Inseln der Kaffeehausliteratur, in denen Peter Altenberg, Alfred Polgar und andere die Welt in Feuilletons zerlegten. Das Café Central, das Herrenhof, das Griensteidl: Hier wurde nicht nur getrunken und diskutiert, hier wurde die untergehende Monarchie noch einmal lebendig gehalten, während draußen schon die Nationalitätenkonflikte brodelten. Roth, der Dandy mit Monokel und Bügelfalte, lernte dort die Kunst der pointierten Beobachtung. Er war kein bloßer Gast; er war ihr Chronist.

Der Erste Weltkrieg, den er zunächst pazifistisch scheute, dann doch als Einjährig-Freiwilliger erlebte, wurde zum Bruch. Nicht die Granaten zerstörten ihn, sondern der Friede danach. Der Zusammenbruch Österreich-Ungarns – dieses Vielvölkerreich, das so unvollkommen und doch so menschlich gewesen war – fraß sich in seine Seele. „Radetzkymarsch“ (1932) und später „Die Kapuzinergruft“ (1938) wurden sein Requiem. Kein billiges Nostalgie-Gedudel, sondern eine elegante, ironische, zutiefst melancholische Anatomie des Verfalls. Die Familie Trotta verkörpert, was Roth selbst fühlte: Aufstieg durch Treue zum Kaiser, Abstieg durch den Verlust ebenjener Treue.

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