Transporte jüdischer Kinder nach Großbritannien: Gerettet, aber entwurzelt

Die Rettung jüdischer Kinder aus NS-Deutschland, die nach dem Novemberpogrom des Jahres 1938 nach Großbritannien „transportiert“ und somit den perfiden Ausrottungsplänen der Nazi-Machthaber entkommen konnten, wird in der Historiografie häufig als eine Heldentat der britischen Regierung dargestellt. Doch der genauere Blick zeigt ein weit weniger strahlendes Bild: Zwischen humanitärer Geste und politischem Kalkül, zwischen Fürsorge und Vernachlässigung standen tausende jüdische Kinder, die zwar dem NS-Terror entkamen, jedoch oft traumatisiert, entwurzelt und sich selbst überlassen wurden. In ihrem Buch „Die schwierige Geschichte der Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien“ legt die in Wales lehrende Historikerin Andrea Hammel diesen Befund schonungslos offen und widerspricht der verbreiteten Heroisierung der britischen Rolle. Ihre Untersuchung zwingt dazu, die vermeintliche Erfolgsgeschichte neu zu bewerten – nüchtern, differenziert, jedoch ohne sentimentale und geschichtsrevisionistische Verklärung. (JR)

Von L. Joseph Heid

Es gibt eine Reihe von Germanismen, die als feststehende Wörter oder Begriffe in die englische Sprache eingeflossen sind, darunter ein so freundliches Wort wie „Kindergarten“ oder neutral klingende wie „Zeitgeist“ oder „Weltanschauung“. Dann aber haben auch martialisch anmutende Wörter wie: Angst, Schadenfreude, Panzer oder Pickelhaube Eingang in die englische Sprache gefunden. Und eben das Wort: Kindertransport.

Dieses Wort steht in Zusammenhang mit der Rettung jüdischer Kinder aus NS-Deutschland, die nach dem Novemberpogrom des Jahres 1938 nach Großbritannien „transportiert“ und somit den perfiden Ausrottungsplänen der Nazi-Machthaber entkommen konnten. Das Vereinigte Königreich erlaubte es den zurückbleibenden Eltern, die selbst einem ungewissen Schicksal entgegengingen, nicht, ihre Kinder auf der Flucht zu begleiten. Die in Wales Deutsch lehrende Andrea Hammel hat einen ganz neuen, kritischen Blick auf dieses Thema geworfen, das zwar auch von Liebe und Fürsorge, aber auch von Missbrauch und Verzweiflung handelt.

Das Thema „Kindertransport“ ist in den letzten Jahren verstärkt von der Geschichtsschreibung als eine Art britischen Sonderweg aufgegriffen wurden. Dabei gab es weitere Kinderrettungsaktionen in andere europäische Länder und sogar in Länder außerhalb Europas. Etwa 500 Kinder nahm der schwedische Staat auf.

In den Wochen nach dem Novemberpogrom kam es zu zahlreichen diplomatischen Initiativen in der „Flüchtlingsfrage“. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt unterschrieb eine Verordnung, die es Tausenden Deutschen mit zeitlich begrenzter Aufenthaltsgenehmigung ermöglichte, in den Vereinigten Staaten zu verbleiben. Andere Länder gaben dem moralischen Druck ebenfalls nach und gaben die Einführung von neuen Programmen für die Aufnahme von unbegleiteten verfolgten Kindern aus Deutschland bekannt.

Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung von Aufnahmeländern war groß, zumal die jugendlichen Flüchtlinge nicht auf den ohnehin durch die Wirtschaftskrise geschwächten Arbeitsmarkt drängten, und sie galten im Vergleich mit Erwachsenen als anpassungsfähiger, da es ihnen leichter fiel, die fremde Sprache und die kulturellen Gebräuche zu erlernen.

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