Der lange Schatten des Antijudaismus – Wie christliche Traditionen den europäischen Judenhass prägten

Der Judenhass manifestierte sich im Mittelalter und darüber hinaus auch in der Architektur und in der „Kunst“.© WIKIPEDIA

Der Judenhass ist eine beständige Konstante der europäischen Geschichte. Von der Antike über den christlichen Antijudaismus des Mittelalters bis hin zum eliminatorischen Antisemitismus der Nationalsozialisten zieht sich eine Linie der Feindschaft gegen Juden durch die europäische Zivilisation, die gerade heute wieder durch den leichtfertigen und nahezu suizidalen Einlass-Tsunami eines gewalttätigen vorwiegend islamischen Judenhasses eine neue Eskalation erlebt. Dem christlichen Antijudaismus liegt eine innere Spannung zugrunde: der Konflikt der Tochterreligion mit ihrer eigenen Mutter – eine Abgrenzung, die sich immer wieder in Verwerfung und Gewalt christlicher Seite gegen Juden entlud. Bereits in der frühen Christenheit verfestigte sich diese Haltung durch Predigten, die den Juden kollektiv die Schuld am Tod Christi, der selbst Jude war, zuschrieben. Im Mittelalter wurde daraus konkrete Praxis: In Zentren wie Cluny entwickelte sich ein religiös aufgeladener Antijudaismus, während kirchliche Autoritäten – von Päpsten bis zu lokalen Bischöfen – Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung nicht nur legitimierten, sondern vielfach selbst vorantrieben. Diese Dynamik entlud sich in Pogromen, etwa im Rheinland, bei denen kirchliche Verantwortung nicht am Rand stand, sondern Teil des Geschehens war. Die Erfahrung solcher Gewalt fand sogar Eingang in das religiöse Gedächtnis des Judentums. Einen besonders folgenreichen Ausdruck fand dieser Antijudaismus in den Schriften Martin Luthers. Seine radikalen judenfeindlichen Tiraden wirkten weit über seine Zeit hinaus und dienten Jahrhunderte später als ideologische Bezugspunkte für den nationalsozialistischen Antisemitismus; Adolf Hitler berief sich ausdrücklich auf Luther. Von den Schmähreden der Kirchenväter über die mittelalterlichen Pogrome bis hin zur ideologischen Vorbereitung des nationalsozialistischen Judenmords zeigt sich so eine beunruhigende Kontinuität: Der moderne Antisemitismus wuchs auf dem jahrhundertealten Boden christlicher Judenfeindschaft. (JR)

Von L. Joseph Heid

Das Judentum gilt seiner Beharrlichkeit der offenbarten Religion wegen als der allweltliche Störenfried. Der Judenhass von der Antike bis in die Gegenwart ist ein Begleiter zivilisatorischen Denkens. Er ist ein Hass, der sich als Blutspur durch die Menschheitsgeschichte zieht. Er besteht als eine zählebige Tradition, oder, wie es Shulamit Volkov genannt hat, als ein „kultureller Code“ und stellt, wie es Saul Friedländer formuliert hat, als „Erlösungsantisemitismus“ eine Ideologie dar, die sich von der Elimination aller Juden die Rettung der Welt verspricht, kurz: Antisemitismus ist das älteste Gerücht.

Christen und Juden waren bis ins 3. Jahrhundert hinein von der Umwelt den gleichen Vorwürfen ausgesetzt. Als aber das Christentum Staatsreligion wurde, schlug das Pendel gegen Juden um, der Antijudaismus wurden zum System. Tonangebenden Theologen, die Kirchenväter, predigten die Verantwortung der Juden am Kreuzestod Christi, fürchteten zugleich jüdische Abwerbung und sprachen unerhörte Verdammungen aus. Johannes Chrysostomos (349-407), Erzbischof von Konstantinopel, gilt als einer der Vertreter des christlichen Antijudaismus. Sein Pauschalurteil über die Juden und ihre Synagogen atmet schon völlig den Geist späterer Pogrome: „Nenne einer sie Hurenhaus, Lasterstätte, Teufelsasyl, Satansburg, Seelenverderb, jedes Unheils gähnender Abgrund…“.

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