Zwischen Berlin, Buchenwald und Jerusalem: Das Schicksal der Familie Scholem

Der Religionshistoriker Gershom Scholem emigrierte 1923 nach Palästina.
© WIKIPEDIA

Die Geschichte der Familie Scholem ist eine Geschichte des 20. Jahrhunderts in nuce — verdichtet auf zwei Brüder, die gegensätzliche Wege kaum hätten gehen können. Gershom Scholem, der große Erforscher der jüdischen Mystik, emigrierte nach Palästina und wurde zur intellektuellen Stimme des Zionismus. Sein Bruder Werner Scholem, Kommunist und Reichstagsabgeordneter, blieb in Deutschland — und wurde von den Nazis in Buchenwald ermordet. Ihr Schicksal steht exemplarisch für die nicht selten tragische Selbsttäuschung von Teilen des deutschen Judentums: die Hoffnung, durch Assimilation, deutschen Patriotismus und intellektuelle Leistung Anerkennung zu erkaufen — selbst noch bei den Nazis. Juden hatten im Ersten Weltkrieg überproportional gedient und gekämpft; Fritz Haber hatte Deutschland das Haber-Bosch-Verfahren und den Nobelpreis für Chemie geschenkt — all das erwies sich angesichts des nationalsozialistischen Vernichtungswillens als vertane Liebesmühe. Im Falle der Familie Scholem verbindet heute nur noch ein Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee die Schicksale beider Brüder — und steht als stilles Symbol für die Irrwege und die Zerrissenheit des deutschen Judentums im 20. Jahrhundert. (JR)

Von L. Joseph Heid

Auf dem Berliner Friedhof Weißensee, der mit fast 116.000 Grabstellen flächenmäßig größte – und schönste - erhaltene jüdische Friedhof Europas, erinnert ein Grabstein an die Familie Scholem. Fünf Namen sind darauf verzeichnet, aber nur ein Mitglied der Familie, Arthur Scholem, liegt hier wirklich begraben. Der gemeißelte Grabstein-Text lautet: ARTHUR SCHOLEM geb. 1863 in Berlin, gest. 1925 in Berlin. BETTY SCHOLEM, geb. Hirsch geb. 1866 in Berlin, gest. 1946 in Sydney. WERNER SCHOLEM geb. 1895 in Berlin, erschossen 1942 in Buchenwald. ERICH SCHOLEM geb. 1893 in Berlin, gest. 1965 in Sydney. GERHARD G. SCHOLEM geb. 1897 in Berlin, gest. 1982 in Jerusalem.

Die Scholems. Welch eine deutsche Familie! Welch ein deutsch-jüdisches Panorama, das seinesgleichen sucht! Aus Gershom Scholems wunderbaren Jugenderinnerungen „Von Berlin nach Jerusalem“ (1977) erfahren wir, dass die Scholems von der traditionellen jüdisch-orthodoxen Lebensweise der schlesischen und posenschen Juden, die die überwältigende Mehrheit der Berliner Judenschaft bildeten, eine weitgehende Assimilation an die Lebensart der Umgebung zurückgelegt hatten. Eine breite Schicht und ihre geistigen und politischen Repräsentanten wollten an die Assimilation, an die Verschmelzung mit ihrer deutschen Umgebung glauben.

Gershom Scholems 1833 in Berlin geborener Großvater, hatte noch eine streng jüdische Erziehung erhalten, verkörperte in seiner Person jedoch den Übergang der Juden in die deutsche Gesellschaft. Er hieß, wie es in jüdischen Familien Sitte war, nach seinem verstorbenen Großvater, also Scholem Scholem. Der Standesbeamte weigerte sich aber, diesen Vornamen in die Geburtsurkunde einzutragen. Man einigte sich auf eine eingedeutschte Form mit drei weggelassenen Buchstaben, auf den Namen Solm. Als begeisterter Wagnerianer nannte sich der Großvater später Siegfried Scholem, und unter diesem Namen wurde auch seine Buchdruckerei ins Handelsregister eingetragen. Auf seinem Grabstein in Weißensee heißt er im hebräischen Text noch immer Scholem Scholem, auf der deutschen Vorderseite dagegen Siegfried. Auf dem Grabstein von Gershoms Vater Arthur gab es schon kein Hebräisch mehr.

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