Vor 65 Jahren begann in Jerusalem der Eichmann-Prozess

Der Prozess gegen Adolf Eichmann© © COLLECTION ROGER-VIOLLET / ROGER-VIOLLET VIA AFP

Der Prozess gegen Adolf Eichmann markierte einen Wendepunkt in der juristischen und moralischen Aufarbeitung des Holocaust. Vor dem Jerusalemer Gericht stand nicht nur ein Funktionär des nationalsozialistischen Vernichtungsapparats, sondern einer der zentralen Organisatoren der Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Von Wien über Prag bis Budapest setzte er ein System der Verfolgung und Verschleppung durch, das unzählige jüdische Menschen in die Vernichtungslager führte. Zugleich trat in den Verhandlungen die beklemmende Banalität dieses Täters zutage: kein dämonisches Genie, sondern ein kleinkarierter Bürokrat, der sich hinter Befehlen und Zuständigkeiten verbarg – und gerade darin das Wesen und die Banalität des Bösen offenbarte. Die Zeugenaussagen von 1961 machten das Ausmaß der Verbrechen erneut in erschütternder Deutlichkeit sichtbar. Zugleich zeigte erst der Prozess in Israel, dass die Verantwortlichen für den Völkermord zur Rechenschaft gezogen werden können: In Deutschland blieb dies – abgesehen von den Nürnberger Prozessen unter alliierter Führung – weitgehend aus; nur wenige Täter wurden dort zur Verantwortung gezogen. (JR)

Von Dmitri Semenow

Bei aller Abscheu gegenüber der Person des Verbrechers muss man seine Biografie nachzeichnen, um zu verstehen, wie ein scheinbar unauffälliger Mensch zu einem der zentralen Organisatoren des Massenmordes werden konnte. Er wurde am 19. März 1906 in Solingen in eine protestantische Familie geboren. Sein Vater, Karl Adolf Eichmann, war Buchhalter und später kaufmännischer Leiter der Linzer Elektrizitäts- und Straßenbahngesellschaft.

1932 schloss sich Eichmann der nationalsozialistischen Bewegung in Österreich an. Auf Empfehlung von Kaltenbrunner, dem späteren Chef des Reichssicherheitshauptamtes, trat er der Nationalsozialistischen Partei (NSDAP) und der SS bei. Im Juni 1933 wurde die Tätigkeit der NSDAP in Österreich verboten. Eichmann wurde nach dem Verbot der Partei und infolge der politischen Lage arbeitslos und zog mit einem Empfehlungsschreiben von Kaltenbrunner zu Andreas Bolek nach Bayern, der Adolf vorschlug, der „Österreichischen Legion“ beizutreten. Anschließend wurde Eichmann nach Lechfeld und später nach Passau versetzt, ehe er zur SS-Verfügungstruppe nach Dachau kam. Zu diesem Zeitpunkt hatte Eichmann den Rang eines Untersturmführers erhalten.

Im Jahr 1935 heiratete Adolf Eichmann Vera Liebl, eine junge Frau aus einer Familie überzeugter Katholiken und nach NS-Diktion „arischer“ Herkunft, mit der er insgesamt vier Söhne hatte.

 

Vom Funktionär zum Organisator des Völkermords

Im Juni 1935 schlug ihm Leopold von Mildenstein, der beim SD als Referent für Judenfragen galt, vor, im SD-Apparat die Zuständigkeit für jüdische Angelegenheiten zu übernehmen, und beauftragte ihn, eine Zusammenfassung des Buches von Theodor Herzl „Der Judenstaat“ zu erstellen, die später in der SS als Dienstvermerk verwendet wurde. Danach galt Adolf als „großer Spezialist für die Judenfrage“. Er nahm aktiv an Besprechungen teil und war einer der Hauptinitiatoren der antijüdischen Maßnahmen der SS und des SD. In enger Zusammenarbeit mit der Gestapo befasste er sich mit der Zwangsauswanderung von Juden. Im Januar 1937 verfasste Eichmann das Memorandum „Zur Judenfrage“. Darin erklärte er die Juden zum „ewigen Feind des Nationalsozialismus“ und behauptete, die notwendige „Entjudung Deutschlands“ könne erreicht werden, „wenn den Juden die Möglichkeit wirtschaftlicher Betätigung genommen wird“. Es sei wichtig, „die Auswanderung in Regionen zu fördern, in denen die Juden dem Reich keinen Schaden zufügen können“ und gezwungen wären, „sich durch harte Arbeit zu ernähren“.

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