„Hudna“ ist kein Frieden: Warum der Westen islamische Waffenstillstände falsch versteht

Vertrag von al-Hudaybiyya© kateryna-dolgiy.livejournal.com

Wer über Waffenstillstände mit islamischen Akteuren spricht, darf die religiös-politische Logik der sogenannten „Hudna“ nicht ignorieren. Der Begriff meint keinen Frieden im westlichen Sinne, sondern eine befristete Feuerpause, deren Wert sich daran bemisst, ob sie der eigenen Seite strategisch nützt. Gerade im Umgang mit der Terror-Bande Hamas wird diese Unterscheidung lebenswichtig: Während westliche Diplomaten gerne von Deeskalation, Verhandlung und „Friedenschancen“ reden, kann eine Hudna aus Sicht islamo-faschistischer Akteure auch der Neuordnung, Bewaffnung und Vorbereitung des nächsten Angriffs dienen. Der Blick auf Teheran bis Gaza zeigt, wie gefährlich es ist, fremde Rechtsbegriffe mit westlichen Wunschvorstellungen zu verwechseln. Wer Israel schützen will, muss verstehen, was der Gegner meint, wenn er „Waffenstillstand“ sagt. (JR)

Von Neeman Melamed

Als im Oktober 2023 offizielle Vertreter der Hamas erneut von einem möglichen „langfristigen Waffenstillstand“ mit Israel sprachen, brachten westliche Kommentatoren fast wie aus einem Guss dasselbe Argument vor: Das sei eine Falle. Ein muslimischer Waffenstillstand, so erklärten zahlreiche amerikanische Analysten, sei kein Frieden. Es sei eine Pause. Eine Atempause vor dem nächsten Angriff. Sie beriefen sich auf den Propheten Muhammad, auf den Vertrag von Hudaybiyya und auf etwas, das vage als „Doktrin des taktischen Waffenstillstands“ bezeichnet wurde. Das Argument klang überzeugend – insbesondere für diejenigen, die mit den klassischen islamischen Rechtstexten nicht vertraut sind.

Das Problem ist, dass dieses Argument zur Hälfte richtig und zur Hälfte gefährlich ist. Richtig ist der Teil, der auf tatsächliche Missbräuche hinweist. Gefährlich ist der Teil, der eine komplexe, widersprüchliche und lebendige Rechtsinstitution in ein bequemes politisches Etikett verwandelt. Wenn wir nicht mehr verstehen, was der Gegner oder Verhandlungspartner vorschlägt, verlieren wir die Fähigkeit, angemessen darauf zu reagieren, und beginnen, gegen unsere eigene Projektion zu kämpfen, statt gegen die Realität.

Das Konzept der „Hudna“ – des islamischen vorübergehenden Waffenstillstands – verdient eine ernsthafte Auseinandersetzung, da es in modernen Konflikten – von Gaza bis Doha, von Kabul bis Idlib – aktiv genutzt wird, und weil man verstehen muss, was dahintersteht, wie es über 14 Jahrhunderte hinweg angewendet wurde und in welchem Verhältnis es zu dem steht, was wir als Waffenstillstand, Feuerpause oder Friedensvertrag bezeichnen.

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