Gegen den deutschen Schlussstrich: Fritz Bauer, Theodor W. Adorno und die Pflicht zur Erinnerung (Teil 1)

Der jüdisch-deutsche Jurist Fritz Bauer widmete sein Leben der Aufklärung von NS-Verbrechen.© WIKIPEDIA
Fritz Bauer und Theodor W. Adorno standen im Nachkriegs-Frankfurt auf unterschiedlichen Bühnen und kämpften doch gegen dieselbe deutsche Lebenslüge: Auschwitz sei Vergangenheit, die Bundesrepublik könne zur Tagesordnung übergehen. Bauer, der jüdische Generalstaatsanwalt, zwang die Täter im Frankfurter Auschwitz-Prozess vor Gericht und gab den Ermordeten Namen, Akten, Stimmen und juristische Gegenwart zurück. Adorno, der von den Nationalsozialisten vertriebene Philosoph jüdischer Herkunft, wirkte mit Vorträgen, Schriften und seiner unerbittlichen Forderung nach einer „Erziehung nach Auschwitz“ gegen die restaurative Schlussstrichsehnsucht der jungen Republik. Beide verkörperten jenes andere, bessere Deutschland: ein Deutschland der Rückkehrer aus Exil und Verfolgung, die keine Rache suchten, sondern Wahrheit, Aufklärung und eine Demokratie, die ihren Namen verdient. (JR)
Wie sollte nach dem Holocaust jüdisches Leben in Deutschland nach 1945 weitergehen? Sollte oder konnte es überhaupt weitergehen? Die antijüdischen Vorbehalte der nichtjüdischen Mehrheit waren selbst nach dem Erkalten der Krematoriumsöfen in den Todeslagern für die Juden, die den Holocaust überlebt hatten bzw. nach ihrer Befreiung nach Deutschland zurückgekehrt waren, weiterhin tagtäglich zu spüren. Prominente jüdische Persönlichkeiten wie der Rabbiner Leo Baeck, einstmaliger Repräsentant des deutschen Judentums oder der zionistisch gesinnte Journalist und langjährige Herausgeber der in Berlin erschienenen „Jüdischen Rundschau“, Robert Weltsch, hatten sich unmissverständlich gegen die Fortdauer jüdischen Lebens in Deutschland ausgesprochen. Auch der Jüdische Weltkongress hatte 1948, nach der Gründung des Staates Israel, betont, dass es keine jüdische Zukunft in Deutschland geben könne. Die Heimat der Juden sei der Judenstaat Israel.
Als im Jahre 1949 das Grundgesetz verabschiedet und die Bundesrepublik Deutschland errichtet worden war, lag der Zivilisationsbruch, der 1933 seinen Ausgang genommen hatte und im Jahre 1945 scheinbar an sein Ende gelangt war, nur wenige Jahre zurück. Er war vollständiger als 1918 und mit all seinen Zerstörungen und seinen singulären Menschheitsverbrechen unvergleichbar. Zum Zusammenbruch der Staatsorganisation, der Verwaltung und der Wirtschaft kam vor allem der moralische Kredit hinzu, den Deutschland in zwölf Jahren NS-Herrschaft vor der Weltgeschichte verspielt hatte.
Nach 1945 kehrten nur etwa vier Prozent der geflohenen deutschen Juden nach Deutschland zurück. Die Motive für die Rückkehr waren höchst unterschiedlich, es waren familiäre Bindungen, der Wunsch beim demokratischen Wiederaufbau eines besseren Deutschlands mitzuwirken, berufliche Perspektiven, die Enttäuschung über das Leben im Exil. Manchmal war es das Klima in den Zufluchtsländern, das die Geflohenen nicht vertragen hatten. In Zahlen ausgedrückt remigrierten etwa 12.000 bis 15.000 Menschen, die als Juden verjagt worden waren. Davon meldeten sich zwischen 1945 und 1952 etwa 2.500 Personen bei den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Der Großteil, 9.000 Jüdinnen und Juden, die sich meldeten, kehrten zwischen 1952 und 1959 zurück.
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