Ostjüdische Kultur in Deutschland - Zwischen Ablehnung und Akzeptanz (Teil 1)

Als Ende des 19. Jahrhunderts Tausende osteuropäische Juden vor den russischen Pogromen nach Deutschland flohen – nirgends wüteten sie mörderischer als im ukrainischen Teil des Zarenreichs –, brachten sie eine jahrhundertealte, lebendige jüdische Kultur mit; um 1925 war jeder fünfte Jude im Land ein Ostjude. Wie dieser Aufbruch aussah, hat Scholem Alejchem, der das Kiewer Pogrom von 1905 miterlebte und selbst nach Amerika ging, in „Tewje, der Milchmann“ festgehalten – die Welt kennt die Geschichte als „Anatevka“. Auch in Deutschland und Österreich schlug ihnen von der Straße und vom Staat eine Welle der Ablehnung entgegen: Am 5. und 6. November 1923 plünderte ein Berliner Mob die Läden der Ostjuden im Scheunenviertel, während die Polizei lange zusah, und Bayern wies im selben Jahr ostjüdische Familien aus – plündernde Mobs in Berlin sind keine Erfindung der Halloween-Nacht. Vor allem das jiddische Theater mit seiner unverwechselbaren Sprache, seinem Humor und seiner tiefen Verwurzelung in der jüdischen Tradition wurde zum Herzstück dieser mitgebrachten Welt. Franz Kafka hatte das bessere Ohr: 1911 verfiel er in Prag der jiddischen Wandertruppe um Jizchak Löwy, 1912 hielt er seine „Rede über die jiddische Sprache“ – wer den Jargon verachtete, verstand von Literatur weniger als Kafka. Dennoch eroberten Künstler und Ensembles wie die berühmte „Wilnaer Truppe“, die hebräische „Habimah“ und das Berliner Kabarett „Kaftan“ die Bühnen der Weimarer Republik und begeisterten selbst renommierte deutsche Theaterkritiker. Sie leisteten einen bedeutenden Beitrag zur Bewahrung jüdischer Identität und zur kulturellen Renaissance des Judentums in Deutschland, bevor die nationalsozialistische Barbarei dieser einzigartigen Blütezeit ein gewaltsames Ende setzte. Was aus ihnen wurde, sagt alles: Die Habimah, der Berlin 1926 zujubelte, ist heute Israels Nationaltheater in Tel Aviv; wer von der Wilnaer Truppe nicht rechtzeitig fortkam, starb im Ghetto seiner Heimatstadt – dort, wo der 21-jährige Hirsch Glik 1943 nach der Nachricht vom Warschauer Aufstand „Sog nit kejnmol, as du gejst dem letstn weg“ schrieb, das Partisanenlied, das zur Hymne des jüdischen Widerstands wurde und bis heute an jedem Jom haSchoah gesungen wird. Glik wurde nach Estland deportiert, floh im Juli 1944 kurz vor der Roten Armee aus dem Lager und wurde von den Deutschen gefasst und ermordet, 22 Jahre alt: Sag niemals, dass du den letzten Weg gehst – von einem, der ihn ging. Was in Deutschland verbrannt wurde, blüht im jüdischen Staat. Berlin finanziert heute Klezmer-Festivals und „jüdische Kulturtage“ und heuchelt Trauer über das untergegangene Ostjudentum; die lebenden Juden dagegen haben es heute wieder viel schwerer – sie brauchen Polizeischutz. (JR)
Die durch die in den 1880er im zaristischen Russland im größeren Umfang einsetzende Wanderungsbewegung flohen osteuropäische Juden Richtung Westen. Bis zum Ersten Weltkrieg gelangten fast drei Millionen Juden nach Amerika, einige Tausend verblieben in Deutschland. Die Zahl der sogenannten Ostjuden erhöhte sich von 15.000 im Jahre 1880 auf etwa 90.000 im Jahre 1925. Im gleichen Zeitraum war die Zahl der gesamtjüdischen Bevölkerung im deutschen Reich mit ca. 560.000 nahezu gleichgeblieben. Die meisten dieser osteuropäischen Juden ließen sich in den deutschen Großstädten nieder, wo sie, kulturell und gesellschaftlich abgesondert von der deutsch-jüdischen Öffentlichkeit, bestimmte Stadtteile bewohnten. Das Berliner „Scheunenviertel“ beispielsweise besaß das Gepräge eines Schtetls im emanzipierten Deutschland. Von den deutschen Juden hoben sich die Ostjuden vor allem in ihrer beruflichen und sozialen Schichtung ab. Aus ihren Kreisen rekrutierten sich Personen, die für den religiösen Dienst in den Gemeinden benötigt wurden: Rabbiner, Lehrer, Schächter, Kantoren, Thoraschreiber, Wachslichterzeuger, hebräische Schriftsetzer, Menschen, für die Joseph Roth den trefflichen Begriff „konfessionelle Proletarier“ fand.
Die meisten Ostjuden betrachteten Deutschland als die Kulturnation schlechthin. Ihre Sprache, das Jiddisch, das die Juden im Osten sprachen, war dem Deutschen nahe verwandt. Die ostjüdischen Volksdichter wie Yitzack Leib Perez, Schalom Asch, Mendele Moicher Sfurim, Salomon An-Ski (Salomon Rappaport), um nur vier herausragende Namen zu nennen, haben in ihren jiddisch-sprachigen Erzählungen, Romanen und Stücken Weltliteratur geschaffen.
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