Eine Geschichte der Deportationen 1941-1945: Mit der Reichsbahn in den Tod (Teil 1)

Rechtslos und staatlich ausgeraubt, wurden jüdische Menschen in die Konzentrationslager deportiert.© WIKIPEDIA
Vor 85 Jahren, im Oktober 1941, begannen die systematischen Deportationen der deutschen Juden in die Ghettos und Lager im Osten. Gestapo, Finanzämter, Stadtverwaltungen und Reichsbahn verwandelten die Verschleppung, Demütigung und Ausraubung jüdischer Männer, Frauen und Kinder in einen scheinbar ordnungsgemäßen Verwaltungsvorgang. Die Deutsche Reichsbahn war nicht bloß Beförderer, sondern ein unverzichtbares Glied der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Sie stellte Sonderzüge, Sonderwaggons und Abteile regulärer Verbindungen bereit, kalkulierte mit möglichst ausgelasteten Transporten und ließ die verschleppten Juden ihre Fahrt auch noch selbst bezahlen: vier Pfennig je Kilometer wie in der dritten Klasse, Kinder unter zehn zum halben Preis, Kleinkinder umsonst – und ab 400 Deportierten je Zug fünfzig Prozent Mengenrabatt, denn ein Viehwaggon lässt sich dichter belegen als ein Abteil. Hinter verlogenen Begriffen wie „Evakuierung" oder „Wohnsitzverlegung" verbarg sich ein bürokratisch bis ins Kleinste organisierter Mordapparat, der die Schoah erst möglich machte. Mit der Aufarbeitung dieses Kapitels tat sich die Nachfolgerin der Reichsbahn über sechs Jahrzehnte bemerkenswert schwer. Zwei Jahre lang verweigerte Bahnchef Mehdorn den Eheleuten Klarsfeld eine Ausstellung über die deportierten Kinder in seinen Bahnhöfen – das Thema sei zu ernst, um sich „brötchenkauend“ damit zu befassen. Der zuständige Minister, Vertreter des Eigentümers, „legte nahe“, wo er hätte anweisen können. Erst Demonstrationen auf den Bahnhöfen zwangen den Konzern, im Januar 2008 am Potsdamer Platz eine eigene Schau zu zeigen – in einer Ecke des Untergeschosses. Die Bahn gehört zu hundert Prozent dem Bund. Jede Bundesregierung seit 1949 hätte anweisen können, was sechzig Jahre lang unterblieb — keine einzige hat es getan, gleich welcher Farbe. Gedacht wird dafür umso lauter. Am 18. Oktober 2026, 85 Jahre nach dem ersten Berliner Transport nach Łódź, musste der Präsident des Bundesverfassungsgerichts am Gleis 17 in Grunewald feststellen, dass jüdisches Leben in Deutschland nur unter Polizeischutz möglich ist, und der Vizepräsident des Zentralrats sagte über eine Abgeordnete der Linken, die das Existenzrecht Israels in Zweifel zieht, am wohlsten fühle sie sich „mittendrin“ zwischen den Judenhassern – während SPD und Grüne mit eben dieser Partei über das Rote Rathaus verhandeln. Drei Tage zuvor hatte im Bundestag der Grünen-Abgeordnete Dzienus einem Abgeordneten der Opposition „millionenfache Deportation“ vorgeworfen und musste sich von der Bundestagspräsidentin erklären lassen, was dieses Wort in Deutschland einmal bedeutet hat. Die Vokabel ist noch gut für den Parteienstreit, die Züge hat man vergessen. Der erste Teil einer Serie über die Deportationen aus Deutschland. (JR)
Schutzlos und entrechtet, wie die deutschen Juden zu Beginn der systematischen Deportationen vor 85 Jahren im Oktober 1941 waren, konnte NS-Deutschland mit ihnen verfahren, wie es den Machthabern beliebte, ohne dass sich ein zu berücksichtigender Widerspruch in der Welt erhob. Niemand, das hatte die Flüchtlingskonferenz in Évian im Juli 1938 deutlich ans Licht gebracht, war willens und oft auch nur in der Lage, wirkungsvoll für die verfolgten Juden einzutreten. Die brutale Abschiebung der sog. Ostjuden, der Novemberpogrom des Jahres 1938 und der Überfall auf Polen 1939 und die Sowjetunion 1941 änderten alles. Das waren die Voraussetzungen für Deportationen in großem Ausmaß.
Nachdem es am 14. Oktober 1941 die ersten Deportationsbefehle für deutsche Juden aus dem „Altreich“ in die Ghettos und Lager im Osten gegeben hatte, folgte neun Tage später das Auswanderungsverbot von Juden aus Deutschland. Die „Endlösung der Judenfrage“ sollte möglichst alle oder zumindest, wie es im „Wannseeprotokoll“ vom 20. Januar 1942 festgehalten ist, sämtliche europäische Juden ereilen.
Wie vollzog sich die „Verschickung“ zum Arbeitseinsatz in den Osten, wie die Nationalsozialisten die Verschleppung, die Deportation, der noch in Deutschland befindlichen Juden nannten?
Irgendwann verschickte die Gestapo Briefe, die immer den gleichen oder ähnlichen Inhalt hatten und lauteten: „Ihre Evakuierung nach [...] ist angeordnet. Ihr Vermögen wird mit sofortiger Wirkung beschlagnahmt, jede Verfügung über Vermögen wird bestraft“. Es folgten Anweisungen über Reisegepäck, Wegzehrung und Taschengeld. 50 kg Gepäck waren für Wäsche, Kleidung und Decken erlaubt. Mit im Briefumschlag: ein achtseitiges „Vermögensverzeichnis“, das es auszufüllen und mitzubringen galt. Dann Hinweise zum Treffpunkt. So geschah es überall im Großdeutschen Reich, nuanciert in unterschiedlichen Formulierungen von Stadt zu Stadt.
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