Der Holocaust am Don – Die Vernichtung der Rostower Juden im August 1942

Der erste Appell des Vorsitzenden des Rostower Judenrats, G. Lurye. 4. August 1942.

Rostow am Don ist der größte Tatort des nationalsozialistischen Judenmords auf dem Gebiet des heutigen Russlands. Am 9. August 1942 forderten die deutschen Besatzer die jüdische Bevölkerung auf, sich zwei Tage später mit Ausweispapieren, Wohnungsschlüsseln, Bargeld und Wertsachen an festgelegten Sammelstellen einzufinden. Unter dem Vorwand, sie vor angeblichen Übergriffen schützen und an einen sicheren Ort bringen zu wollen, lockten die Täter ihre Opfer in eine tödliche Falle. Am 11. und 12. August 1942 trieben die deutschen Besatzer ungefähr 20.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder in die Smijowskaja Balka, die sogenannte Schlangenschlucht, erschossen sie und verscharrten ihre Leichen in Massengräbern. Dieses weitgehend vergessene Massaker erinnert daran, dass der Holocaust bereits in den besetzten Gebieten Osteuropas durch systematische Massenerschießungen vollzogen wurde. 2011 ließ schließlich die Stadtverwaltung die Gedenktafel austauschen: „Am 11. und 12. August 1942 wurden hier von den Nazis mehr als 27.000 Juden vernichtet" wurde ersetzt, das Wort „Juden" wich den „friedlichen Bürgern aus Rostow am Don und sowjetischen Kriegsgefangenen.” Die Juden wurden aus dem Gedenken an ihre eigene Vernichtung herausretuschiert. (JR)

Von Pavel Polyan

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Rostow am Don etwa 27.000 Juden. Durch Flüchtlinge aus Polen und aus den westlichen Gebieten der Sowjetunion wuchs die jüdische Bevölkerung zeitweise weiter an. Als deutsche Truppen die Stadt im Juli 1942 zum zweiten Mal besetzten, hatten jedoch bereits viele Menschen Rostow verlassen. Sie waren zur Roten Armee eingezogen, staatlich evakuiert worden oder auf eigene Faust nach Osten geflohen. Wie viele Juden zu diesem Zeitpunkt noch in der Stadt lebten, ist deshalb nicht sicher festzustellen. Die Schätzungen reichen von etwa 16.000 bis 32.000 Menschen.

Rostow geriet erstmals am 21. November 1941 unter deutsche Kontrolle. Bereits acht Tage später wurde die Wehrmacht von der Roten Armee wieder aus der Stadt vertrieben. Während dieser kurzen Besatzungszeit kam es noch nicht zu einer zentral organisierten Vernichtungsaktion wie im folgenden Jahr. Deutsche Soldaten und andere Besatzungsangehörige verübten jedoch Plünderungen, Misshandlungen und Morde an jüdischen Einwohnern. Überlebende berichteten später, dass Juden in Häusern, Kellern und auf offener Straße gesucht und getötet worden seien. Die genaue Opferzahl ist unbekannt. Historische Schätzungen bewegen sich zwischen etwa 100 und 1.000 ermordeten Juden. Höhere Zahlen, die bereits während des Krieges verbreitet wurden, lassen sich nicht zweifelsfrei belegen.

Zwischen den beiden Besetzungen wurde die Flucht aus Rostow durch sowjetische Vorschriften erschwert. Wer keine amtliche Genehmigung besaß, durfte die Stadt unter Umständen nicht verlassen. Davon waren auch Juden betroffen, die sich vor dem erneuten deutschen Vormarsch in Sicherheit bringen wollten.

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