Babi Jar: Erst ermordet, dann vergessen

Emmanuel Diamant

Am 29. und 30. September 1941, unmittelbar vor dem damaligen Jom-Kippur-Fest, ermordeten Einsatzgruppen der SS unter Mithilfe örtlicher ukrainischer Polizeikräfte und der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) in ihren beiden rivalisierenden Flügeln OUN-B (Bandera) und OUN-M (Melnyk) bei der größten Massenexekution des Zweiten Weltkriegs mehr als 30.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder. In der Schlucht von Babi Jar in der Nähe von Kiew wurden die jüdischen Menschen zusammengetrieben und dann kaltblütig erschossen oder lebendig in die Schlucht geschmissen. Kleine Kinder wurden häufig von den Nazis und den ukrainischen Mordhelfern noch auf den Armen der Mütter erschossen. Der „Holocaust durch Kugeln“ steht nicht nur für eines der größten Massaker der deutschen Vernichtungsmaschinerie an den europäischen Juden, sondern auch für den jahrzehntelangen Versuch der Sowjetmacht, die jüdische Identität der Opfer auszulöschen. (JR).

Von Michail Gold

Ein Gespräch mit Emmanuel Diamant

Wem gehört die Erinnerung an Babi Jar, wie machte die sowjetische Macht Juden zu Zionisten, und wie sieht die Zukunft der ukrainisch-jüdischen Beziehungen aus? Darüber spricht Emmanuel (Amik) Diamant, Organisator der ersten Gedenkaktionen in Babi Jar, ehemaliger Aktivist der jüdischen nationalen Wiederbelebung in Kiew und bis heute unbequemer Nonkonformist in Israel.

 

Babi Jar und die Rückkehr der Erinnerung

– Emmanuel, für Sie begann Babi Jar im August 1961, als Jewtuschenko bei einem Künstlerabend im Oktoberpalast erstmals sein später berühmtes Gedicht vortrug. Warum stießen diese Zeilen bei Ihnen auf Ablehnung?

– Ich mochte Jewtuschenko sehr, er war damals mein Idol, und das Publikum war von „Babij Jar“ begeistert. Ich hingegen weniger. Ein halbes Jahr zuvor hatte die Tragödie von Kureniwka die Erinnerung an Babij Jar wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Doch der Jar selbst, den die sowjetische Macht zuvor barbarisch zerstört hatte, war inzwischen zu einer riesigen Baustelle geworden. Bei den Erdarbeiten wurden jüdische Gebeine mit Sand, Lehm und Baumaterialien vermischt. Das blieb bei Jewtuschenko hinter den Kulissen; in seinem Gedicht erwähnte er es nicht.

Damals kursierte in Kiew auch das Gedicht „Babij Jar“ des jungen Juri Kaplan. Man scheute sich sogar, es abzuschreiben, und gab es mündlich aus dem Gedächtnis weiter. Dieses Gedicht hat mich stärker beeindruckt.

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