Das Ghetto von Lemberg – Zwischen Vernichtungswahn und Widerstand

Denkmal für die Opfer des Holocaust in Lemberg© WIKIPEDIA

Vor 85 Jahren errichteten die deutschen Nationalsozialisten in Lemberg eines der größten jüdischen Ghettos im besetzten Osteuropa – in der alten Hauptstadt Galiziens, im Herzen von Jiddischland, dem polnischen Lwów, seit 1939 sowjetisch, heute Lwiw, einer Stadt, in der vor dem Krieg jeder dritte Einwohner Jude war. Mehr als 100.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden auf Befehl des SS- und Polizeiführers Katzmann vom 8. November 1941 im Norden der Stadt zusammengepfercht – wer alt oder krank war, wurde schon auf dem Weg dorthin unter der Eisenbahnbrücke von deutscher und ukrainischer Polizei niedergeschossen –, entrechtet, ausgehungert und schließlich zu Zehntausenden nach Bełżec in die Gaskammern geschickt oder im Lager Janowska am Stadtrand und in der Schlucht von Piaski, dem Babi Jar Lembergs, erschossen; überlebt haben wenige hundert. Gemordet wurde schon vor dem Ghetto: Kaum war die Wehrmacht am 30. Juni 1941 einmarschiert, erschlugen die ukrainischen Milizen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) unter den Augen der Besatzer rund 4.000 Juden mit Knüppeln auf offener Straße, Ende Juli folgten die „Petljura-Tage“ mit 2.000 weiteren. An den barbarischen Pogromen und Mordaktionen beteiligten sich neben den deutschen Besatzern ukrainische Nationalisten und einheimische Helfershelfer, die in der Ukraine bis heute als Helden gefeiert werden – ein Nazi-Heldenkult von Staats wegen: In Lemberg steht Stepan Bandera, Führer des radikalen und massiv judenfeindlichen OUN-Flügels – der andere folgte Andrij Melnyk, kollaboriert haben beide –, sieben Meter hoch vor einem Triumphbogen – so viel Beton war für die 100.000 nie übrig –, die Oblast vergibt jeden 1. Januar einen Bandera-Preis, und zu seinem Geburtstag ziehen Fackelmärsche durch Kiew; die gemeinsame Protestnote der Botschafter Israels und Polens von 2020 blieb folgenlos. Befreit hat die Stadt im Juli 1944 die Rote Armee; Denkmäler bekommen heute die, in deren Namen gemordet wurde, und der Befreier gilt als Feind. Auf dem Gelände des Lagers Janowska steht bis heute ein Gefängnis, die Schlucht verkommt als Park: Lemberg hat für Touristen eine UNESCO-Altstadt, für Bandera einen Triumphbogen und für seine ermordeten Juden eine heruntergekommene Strafanstalt. Berlin überweist Kiew Milliarden, nennt das Werteverteidigung und erteilt Jerusalem Völkerrechtslektionen; der Bandera-Kult des Schützlings stört dort niemanden hörbar – wer sich auf Hitlers Helfer beruft, gilt als europäisch, der Staat der Überlebenden als Problem. Trotz des nahezu sicheren Todes leisteten jüdische Untergrundkämpfer bewaffneten Widerstand, während mutige Menschen unter Einsatz ihres eigenen Lebens Verfolgte vor der nationalsozialistischen Mordmaschinerie versteckten. Die Geschichte des Lemberger Ghettos ist ein erschütterndes Zeugnis des deutschen Vernichtungswahns und zugleich eine Mahnung, die jüdischen Opfer und ihre mutigen Retter niemals dem Vergessen preiszugeben – schon gar nicht dem Heldenkult, den Kiew per Gesetz schützt. (JR)

Von Karl Winegaus

1992 wurde in Lemberg (heute Lwiw, Ukraine) ein Denkmal für die lokalen Opfer des Holocaust eingeweiht, geschaffen von der Bildhauerin Luiza Schterenstein in Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Joel Schmukler. Die Gestaltung übernahm der Architekt Wassyl Plichiwskyj. Errichtet wurde die Gedenkstätte in der Nähe des ehemaligen Haupteingangs zum jüdischen Ghetto. Ihre Entstehung verdankt sie dem Engagement der jüdischen Scholem-Alejchem-Gesellschaft sowie zahlreichen Spenden.

Das Denkmal umfasst eine monumentale Figur eines leidenden jüdischen Mannes und eine symbolische Menora. Auf dem Sockel steht die ukrainische Inschrift: „Erinnere dich und bewahre es in deinem Herzen“. Eine Allee symbolisiert den „Todesweg“ und führt zu einer Skulptur eines alten Mannes, dessen Blick zum Himmel gerichtet ist. Eine Hand ist zur Faust geballt, die andere im Gebet ausgestreckt. Am Fuße der Skulptur liegen Steine und Trümmer von Grabsteinen. Ein dahinter gepflanzter Baum versinnbildlicht die Fortdauer des Lebens.

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