Antisemitismus in der Türkei – „Die Juden sind schuld“

Nur schön für Nichtjuden: Istanbul
© SEBNEM COSKUN ANADOLU AGENCY Anadolu via AFP

Ausgerechnet in dem vom Westen überaus hofierten NATO-Mitglied Türkei sitzt der Antisemitismus in der Regierung und in der Bevölkerung mindestens ebenso tief wie in den übrigen islamischen Staaten. Da, wo sich überbordender Imperialismus, Rassismus und überzogene regionale und panislamischer Expansionsansprüche treffen, bildet sich die Grundlage für einen ungezügelten Antisemitismus. (JR)

Von Ahmet Dener

Woran sind die Juden oder Israel schuld? Wenn wir uns in der Türkei befinden, ist die Antwort simpel. Bei Multiple-Choice-Antworten muss man nur eines der vier Felder ankreuzen:

A. Juden/Israel

B. Juden/Israel

C. Juden/Israel

D. Juden/Israel

Und man liegt garantiert richtig.

Ich frage mich oft: Wer hat diese Saat gesät, die so tief in den Köpfen sitzt? Wer hat dafür gesorgt, dass viele Türken felsenfest glauben, was sie glauben? Vielleicht beginne ich besser mit einer persönlichen Erinnerung.

Ich wuchs in Istanbul auf. Ich hatte jüdische und armenische Freunde. Wir waren als Kinder eine Einheit, spielten zusammen, verstanden uns ohne große Worte. Ich bemerkte erst viel später, dass unsere Gruppe immer kleiner wurde. Einer nach dem anderen verschwand, still und leise. Keine Abschiede. Keine Erklärungen.

Vielleicht war ich neun oder zehn, als ich mit meinen jüdischen Nachbarskindern im Garten spielte: Stella und Aaron, zwei Namen, die mir bis heute lieb und vertraut klingen. Ich frage mich oft, was wohl aus ihnen geworden ist. Damals kreisten wir Kinder im Spiel, schrien im Chor „Der Jude ist ein Angsthase, der Jude ist ein Angsthase...“ – und ja, Stella und Aaron waren mittendrin, lachten mit. Wir waren Kinder. Wir hatten keinen Begriff davon, was wir da eigentlich sagten.

Ihre Eltern, Tante Mava und Onkel Yakup, saßen auf der Terrasse und beobachteten uns. Ich habe mich erst Jahre später gefragt, was sie wohl dachten, ob sie zu Hause mit ihren Kindern über solche Szenen sprachen. Als ich mich fragte, waren Stella und Aaron längst weg.

Überhaupt verstand ich erst Jahre später, was um mich herum geschehen war. Die jüdischen und armenischen Familien verschwanden – alle, ohne Ausnahme. Meine Mutter erzählte mir viel später, dass man damals nur ein oder zwei Vertrauenspersonen einweihte, wenn man das Land verließ. Sie war eine dieser Personen.

 

Armenier – das „Gesindel“

Ein Schlüsselerlebnis prägte sich mir besonders ein: Ich war mit meiner Mutter auf einer der Fähren zwischen dem asiatischen und europäischen Teil Istanbuls unterwegs. Wir saßen oben an Deck, es war luftig, alle Plätze besetzt. Meine Mutter nahm mich auf den Schoß, damit eine andere Frau mit ihrem kleinen Jungen sich setzen konnte. Ich fragte den Jungen, wie er heiße. „Aram“, sagte er. Das war auch der Name unseres Handwerkers – ein Armenier. Ohne zu wissen, was ich da sagte, fragte ich: „Bist du auch ein Armenier, wie Onkel Aram?“

Meine Mutter zog mich sofort zu sich, als wollte sie die Frage zurückholen. Die beiden Frauen lächelten verschämt. Dann trat ein Mann auf die Frau zu, forderte sie auf, aufzustehen, nannte sie „Gesindel“. Meine Mutter hielt dagegen. Es wurde laut. Der Mann packte die Frau am Arm, meine Mutter hielt den anderen Arm fest. Schließlich gab er auf.

Zu Hause erklärte mir meine Mutter nur kurz: Manche Leute mögen die jüdischen und armenischen Türken nicht. Ich solle mir das aber nie zu eigen machen, alle Menschen seien gleich. Diese Lektion habe ich nie vergessen.

 

Die Juden gingen – der Hass blieb

Heute, als Internetaktivist, kann ich Unterdrückung und Unrecht nicht ausstehen – das liegt an diesem Moment auf dem Schiff, der mir klarmachte, warum all meine jüdischen und armenischen Freunde das Land verlassen hatten. Die jüdischen Türken gingen meist in die USA oder nach Israel, die armenischen oft nach Frankreich. Sie gingen – der Hass blieb.

Und das bringt uns zurück zu den Schuldzuschreibungen. Ich muss oft schmunzeln, wenn Türken über Rassismus in Deutschland sprechen. Ausgerechnet sie, die in ihrer Heimat oft selbst zu den größten Rassisten gehören, die ich je getroffen habe. Syrische und afghanische Geflüchtete werden als Invasoren beschimpft, und wenn irgendwo etwas schiefläuft, lautet die Erklärung zuverlässig: Israel steckt dahinter.

Man liest in den Medien, dass die Türkei in Bildungs- und Intelligenzrankings nicht gerade glänzt – und sofort kursieren Gerüchte, das liege am Saatgut aus Israel oder am gentechnisch manipulierten Dünger. Irgendwie haben „die Juden“ da schon ihre Finger im Spiel. Man glaubt an alle Verschwörungstheorien: dass die Welt von Juden regiert wird, dass sie die Finanzströme lenken, dass sie vor hundert Jahren die Grenzen im Nahen Osten festgelegt haben. Wehe, man versucht einem Türken zu erklären, dass es in Gaza um Krieg und Kriegsopfer geht, nicht um einen geplanten Genozid. Ein Ding der Unmöglichkeit. Ich rate jedem: Fang gar nicht erst an.

 

Das einfache türkische Weltbild

Seit dem 7. Oktober habe ich viele türkeistämmige Freunde verloren – einfach, weil ich mich nicht erklären konnte und nicht bereit war, bei jedem antisemitischen Reflex mitzumachen.Das Traurige ist: Viele Türken merken nicht, wie sehr sie sich mit diesen Denkmustern selbst fesseln. Statt die eigene Rolle in der Welt zu reflektieren, flüchten sie in ein einfaches Schwarz-Weiß-Denken. Wer arm ist, wurde von den Juden arm gemacht. Wer schwach ist, wurde von Israel geschwächt. Wer hinten liegt, wurde vom Westen betrogen. Dieses Weltbild ist einfach, weil es keine Eigenverantwortung kennt.

Komplott-Theorien sind ein festes Element der türkischen Kultur und Politik. Wer sie verstehen will, muss die Mechanismen dahinter begreifen. Sie haben viel mit einem tiefsitzenden Bedürfnis zu tun: dem Wunsch, den verlorenen Glanz des Osmanischen Reichs zu kompensieren, der Kränkung, als Teil der unterentwickelten Welt zu gelten, und der geringen Medienkompetenz in der Bevölkerung. Leider müssen oft die Juden als Sündenböcke herhalten.

Ein zusammengesetzter Index aus niedrigem Bildungsniveau, geringer Lesekultur, eingeschränkter Medienfreiheit und niedrigem gesellschaftlichem Vertrauen zeigt: Die Türkei liegt nur knapp über Mazedonien. Laut dem Digital News Report des Reuters Institute aus dem Jahr 2018 war die Türkei das Land, in dem weltweit die meisten Falschmeldungen verbreitet wurden.

 

Antisemitismus als Entwicklungshindernis

Doch der Schaden endet nicht bei Vorurteilen. Er frisst sich in die Politik hinein. Eine Gesellschaft, die ständig äußere Schuldige sucht, wird politisch gelähmt. Sie richtet ihre Energie auf Feindbilder, statt auf Reformen. Sie vertieft die Spaltung, statt Lösungen zu finden. Wer glaubt, dass internationale Verschwörungen den eigenen Fortschritt verhindern, wird keine besseren Schulen bauen, keine freien Medien verteidigen, keine funktionierende Justiz schaffen. Antisemitismus ist kein „kleines“ Problem, das man auf persönlicher Ebene belächeln kann. Er wird politisch gefährlich. Er verhindert, dass ein Land sich emanzipiert, dass es Verantwortung übernimmt. Er ist das perfekte Werkzeug für autoritäre Führer, die die Schuld immer nach außen lenken, damit drinnen niemand nachfragt.

Wenn ich heute zurückdenke an Stella und Aaron, an Tante Mava und Onkel Yakup, frage ich mich: Wäre es anders gekommen, wenn mehr Menschen wie meine Mutter damals auf dem Schiff den Mund aufgemacht hätten? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines: Wer immer alles auf andere schiebt, bleibt ewig stehen. Und das gilt für jedes Land, für jede Gesellschaft – nicht nur für die Türkei.

 

Antisemitismus – globales Gift

Denn was in der Türkei passiert, passiert nicht nur dort. Überall auf der Welt gedeihen Verschwörungstheorien dort, wo Unsicherheit wächst, Bildung schwächelt und autoritäre Stimmen den Ton angeben. Antisemitismus ist kein türkisches Phänomen, kein deutsches, kein europäisches – er ist ein globales Gift. Er funktioniert, weil er einfach ist. Weil er einen Schuldigen liefert, bevor man selbst nachdenken muss. Wer das nicht erkennt, macht sich blind – für die Verantwortung, für die Demokratie und für die Zukunft. Deshalb müssen wir hinschauen, nicht wegsehen. Und den Mut haben, gegen diesen alten Hass zu sprechen – überall, immer, ohne Ausnahme.

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