Libanon: Von der mondänen Schweiz des Nahen Ostens zum Opfer des Hisbollah-Terrors und machtlosen Satelliten des Iran

Der Zedernstaat in der Abwärtsspirale und die Beirut-Katastrophe als die unvermeidliche Folge der faktischen Machtübernahme durch die Hisbollah-Terroristen

Die gewaltige Explosion von Beirut und ihre Vorgeschichte ist bezeichnend für den Zustand des einst blühenden Landes.© Patrick BAZ , AFP

Von Julia Latynina

Am Vorabend des 75. Jahrestages der Bombardierung von Hiroschima zeigte die Hisbollah im Libanon, dass das, wofür die Amerikaner die klugen Köpfe wie Oppenheimer und Feynman (Robert Oppenheimer, „Vater der Atombombe“, und Richard Phillip Feynman, Nobelpreisträger – berühmte amerikanische Physiker, - Anm. d. Übers.) brauchen, auch mit Hilfe von zwei ewigen Bestandteilen eines Failed State geschehen kann: Ammoniumnitrat und Fahrlässigkeit.

Dies ist eine Geschichte über die Degeneration des gesamten Staatsgefüge Libanons, der in den 1950er Jahren ein wohlhabendes Land war. Was ist eigentlich passiert?

Ein Blick zurück in das Jahr 2013: Der russische Geschäftsmann Igor Gretschuschkin lädt 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat auf einen alten Kahn, der von einem zypriotischen Nachbarn gekauft wurde. Das Schiff fährt zuerst in Piräus und dann in Beirut ein. Beirut ist ein Piratenhafen, in dem Gesetzlosigkeit und Korruption herrschen.

Ein russischer Geschäftsmann und sein gesunkenes Schiff

Als Gretschuschkin im Hafen von Beirut, der von der Hisbollah kontrolliert wird, anfangen wollte, die Nebenfracht zu laden, begannen die Klassiker des Genres: Ohne Bestechung weigerte man sich, zu laden. Gretschuschkin lehnte entsprechende Forderungen ab, verzichtete auf die Nebenfracht und bezahlte weder den Kapitän noch irgendjemand anderen. Und das Erstaunlichste ist, dass man das Schiff dann sinken ließ. Es versank direkt an der Hafenmauer – wegen eines Lecks. Denn nach der Abreise des Kapitäns und des leitenden Mechanikers konnten die Einheimischen das Schiff einfach nicht reparieren und nicht mehr über Wasser halten. Dabei kostete das Schiff mindestens eine Million Dollar. Immerhin hätte man es zur Verschrottung verkaufen können. Auf welchem technischen Stand musste die Hisbollah in diesem Hafen sein, um ein Schiff einfach so versinken zu lassen?

In „normalen“ Häfen werden solche Probleme schnell und auf zivilisierte Weise gelöst. Wenn ein Dampfer, dessen Eigentümer bankrott gegangen ist, den Liegeplatz und dringende Reparaturen nicht bezahlt und im Hafen steckenbleibt, beschlagnahmt das örtliche Gericht das Schiff schnell. Das Schiff und die Fracht werden auf einer Auktion verkauft, das Geld bekommt die Besatzung als Lohnrückstände, der Rest geht an die Gläubiger, die Fracht an einen neuen Käufer, der sie in Empfang nimmt und hinausfährt. Das dauert einige Monate; alles ist kein Problem. Aber wenn es kein funktionierendes Justizsystem gibt, wie im Fall von Beirut, dann geschieht das, was dort geschehen ist…

Die Hisbollah versuchte, das Ammoniumnitrat an ihren Verbündeten Assad zu verkaufen. Aber die Zollbeamten übten Druck auf das Gericht aus, und der Richter genehmigte den Kauf nicht, offenbar weil man mit Bestechungsgeldern gespart hatte. Mit anderen Worten, sie wollten stehlen, haben aber nicht einmal das in den Griff bekommen. Und so blieb alles unter absolut unangemessenen Bedingungen im Lager liegen. In geringen Mengen wurde das Ammoniumnitrat nach und nach gestohlen, der Rest verlor allein optisch seine Marktfähigkeit. Zur gleichen Zeit wurden andere Sprengstoffe im Hafen gelagert, die tatsächlich zuerst Feuer fingen, als man dort mit den Schweißarbeiten begonnen hat.

Wenn das, was in Beirut explodierte, dort nicht explodiert wäre, würde dies früher oder später in anderen Städten explodieren, auch in europäischen. Nicht, weil der Sprengstoff speziell dafür nach Beirut gebracht wurde, sondern weil er den Besitzer gewechselt hatte, und der Hisbollah in die Hände kam. Es gab keine andere Möglichkeit, diesen Sprengstoff zu verwenden. Wenn ein Land von einer Terrororganisation kontrolliert wird – und der Libanon wird von der Hisbollah kontrolliert –, werden solche Geschehnisse früher oder später unumgänglich.

Es gab Zeiten, da dachten wir, dass das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert des Fortschritts ist. Der Libanon ist jedoch ein Beispiel für ein reiches Land, das in mehreren Jahrzehnten auf das Niveau eines kleinen Provinzstädtchens herabgesunken ist. Der glückliche Traum der amerikanischen Linken, keine Polizei zu haben, ist im Libanon wahr geworden. Und wir sehen, wie es endet.

Wenn wir über den Hauptgrund für die Verschlechterung der Lage im Libanon nachdenken, kann man von Multikulturalismus oder, wie der bemerkenswerte amerikanische Denker Thomas Sowell sagt, von „Balkanisierung“ sprechen. Ein solcher Fall tritt ein, wenn verschiedene ethnische und religiöse Gemeinschaften, in einem Staat lebend, unvereinbare Widersprüche vorweisen, was automatisch dazu führt, dass öffentliche Institutionen immer unfähiger und nutzloser werden, bis sie irgendwann durch paramilitärische Organisationen ersetzt werden, die die Interessen dieser Gemeinschaften schützen.

Reichtum durch die Seidenraupe

Beirut ist 5.000 Jahre alt. Die Stadt erlebte Eroberung durch Alexander den Großen, dann im Jahr 63 v. Chr. durch die Römer und im Jahre 635 durch die Araber – es gab dort lange Zeit nichts Gutes, bis Libanon im 19. Jahrhundert die Kontakte zu Europa erneuert und die Seidenraupenzucht begonnen hat. Damals blühte die Seidenproduktion, was zum Wachstum von Banken und Universitäten führte. Es wurde dieser Hafen gebaut, durch den Seide nach Marseille transportiert wurde.

Zu jener Zeit wurde Beirut von bemerkenswerten Menschen regiert. Beispielsweise von Salim Ali Salam, der als Niemand begann und zu einem Oligarchen emporstieg. Seine Tochter, die in England studierte, war die erste in Beirut, die den Schleier von ihrem Gesicht entfernte. Er war mit christlichen Bischöfen befreundet: Beirut war eine christliche Stadt, 1911 lebten dort 36.000 Muslime und 77.000 christliche Menschen, und die Linken hatten noch nicht beschlossen, dass der gesamte Nahe Osten ein Ort sein soll, an dem der Islam dominiert.

Nachdem der Libanon 1943 die Unabhängigkeit erlangt hatte, setzte sich der Wohlstand fort. Da die sunnitische Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt zugenommen hatte, kamen viele wohlhabende Sunniten aus anderen Ländern nach Beirut, um sich auszuruhen; ihnen folgten sämtliche Ausgestoßene und Dissidenten aus arabischen Ländern. Beiruter Banken wurden hoch bewertet; die Elite des Nahen Ostens betrieb dort Geldwäsche.

Die Probleme begannen nach dem Unabhängigkeitskrieg Israels. Laut UN-Resolution mussten zwei Staaten geschaffen werden: Israel und Palästina. Nachdem die arabischen Staaten den Krieg gegen Israel verloren hatten, wurde der Teil Palästinas, auf dem ein arabischer Staat entstehen sollte, an Jordanien abgetreten. Aber anstatt dort einen „palästinensischen“ Staat zu gründen, organisierte Jordanien die PLO – die Volksfront zur Befreiung Palästinas. Was würden sie denn „befreien“, wenn dieses Gebiet in Jordanien war? Antwort: Sie würden Israel zerstören.

Arafat will Jordanien übernehmen

Um 1970 herum mussten wohl Arafat und seine Kameraden gedacht haben: „Israel ist mit seiner starken Armee nicht zu bekämpfen. Aber wir sitzen in Jordanien, und der größte Teil der jordanischen Bevölkerung sind Palästinenser, die von der Haschemiten-Dynastie regiert werden. Wir haben die gesamte Struktur dieser Gesellschaft durchdrungen. Warum nicht König Hussein stürzen und die Macht in Jordanien ergreifen?". Als Arafats Komplizen versuchten, König Hussein zu töten, reagierte dieser mit totalem Terror; mehrere tausend „Palästinenser“ wurden getötet. Da nicht die „blutrünstigen Juden“ sie töteten, kümmerte sich die Weltöffentlichkeit kaum darum.

Die PLO wurde aus Jordanien vertrieben, fand aber einen neuen Unterstützer: Syrien. Die Syrer haben diesen Krebs, der den Staat zernagt, sich jedoch nicht auf ihrem eigenen Territorium, sondern im Libanon einnisten lassen, und es war der Anfang vom Ende Libanons. Anarchie und Elend wurden in ein wohlhabendes Land gebracht. An dieser Stelle erinnern wir an einen Artikel vom US-amerikanischen Schriftsteller David Schickler aus der „New York Times“ der 1980er Jahre. Er schreibt beispielsweise darüber, wie „Palästinenser“ in libanesische Dörfer kommen und ein Haus mieten. Sie eröffnen im besagten Haus ein Casino, dann zahlen sie bald kein Geld mehr. Wenn der Eigentümer das Haus zurückfordert, wird er einfach ignoriert. Dies war ein typisches Verhalten. Oder sie beschliessen, das Haus eines bestimmten Huhairo Latka auszurauben. Eine Milizeinheit kommt herein, es wird verkündet, hier solle sich ein amerikanischer Spion versteckt aufhalten. Der amerikanische Spion wird – welch eine Überraschung! – nicht gefunden, aber als die Einheit das Haus verlässt, gehen auch der Kühlschrank, der Fernseher und diverse andere Gegenstände mit. Autos wurden den Besitzern und Händlern einfach weggenommen, ebenfalls ein Teil der Ernte den Bauern. Was übrig blieb, war unmöglich zu verkaufen, da jeder potenzielle Käufer auch die PLO bezahlen musste. So gingen immer mehr Bauern pleite, Menschen verloren ihre Arbeit.

Die Polizei wurde ausgeschaltet

Die Polizei, die hätte durchgreifen können, gab es nicht mehr. Bald kamen zweifelhafte „Abenteurer“ aus Bangladesch, Sri Lanka usw. ins Land. Die Städte wurden zu Militärstützpunkten, Waffen bewahrte man in der unmittelbaren Nähe von Kirchen und Krankenhäusern auf, 12-jährige Jungen wurden in die Truppen aufgenommen.

Das gefiel allerdings nicht allen Palästinensern. Libanesische Ärzte versuchten, den Jungen Untauglichkeitsbescheinigungen auszustellen, aber die Jungen beschwerten sich: Wenn sie nicht als Kämpfer ausgebildet würden, könnten sie nicht zu der von dem „Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten“ (UNRWA)-finanzierten Schule gehen, da das gesamte Schulpersonal aus den PLO-Mitgliedern besteht.

Der Zustrom „palästinensischer“ Flüchtlinge aus Jordanien in den frühen 1970er Jahren destabilisierte den Libanon. Immer wieder geschahen Massaker, ein Beispiel dafür war das christlichen Dorf Damur (im Januar 1976, während des libanesischen Bürgerkriegs, wurde in Damur eines der schlimmsten Massaker an Christen in der libanesischen Geschichte verübt: Mehr als 600 Zivilisten wurden von Jassir Arafats Männern geschlachtet. Und im August 1976 massakrierten libanesische christliche Milizen, unterstützt von der syrischen Armee, rund 3.500 „Palästinenser“, hauptsächlich Zivilisten, im Flüchtlingslager Tel al-Zaatar im Nordosten Beirut. – Anm. d. Übers.).

Israel vertreibt die PLO aus dem Libanon

Dann flohen die ersten Flüchtlinge, hauptsächlich maronitische Christen, in den Westen. Andere Christen begannen, ihre eigenen Organisationen zu gründen, die ebenfalls mit großer Brutalität agierten. Jetzt gab es im Libanon einerseits die PLO und andererseits christliche Milizen – die Phalangisten. Es gab ständig Massaker, parallel dazu beschossen „Palästinenser“ das Territorium Israels. Infolgedessen betraten die Israelis 1982 das libanesische Territorium. Die PLO musste aus dem Land fliehen.

Es gab die berühmte Geschichte mit Sabra und Schatila, die geschah, nachdem der eigentliche Führer der Phalangisten, Bashir Jabari (Bashir al-Dschamayyal), im August 1982 zum Präsidenten gewählt und drei Wochen später in die Luft gesprengt worden war (vermutlich vom syrischen Geheimdienst). Und, unter den Augen der israelischen Armee, schlachteten die Phalangisten hunderte von „Palästinensern“ in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila ab. Das Wort „Flüchtlinge“ ist in diesem Fall nicht unbedingt zutreffend: Es handelte sich um die deklassierte Bevölkerung, die von ihren eigenen Anführern absichtlich unter prekären Bedingungen gehalten wurde, sodass der einzige Weg, diese Lebensumstände zu ändern und Karriere zu machen darin bestand, sich den militanten Milizen anzuschließen. Und Frauen und Kinder dienten als Schutzschilde für diese „Kämpfer“.

Das Abrücken der PLO machte Platz für die Hisbollah

Nachdem die PLO aus dem Land verjagt worden war, wurde der Iran auf Libanon aufmerksam und begann, andere militärische Organisationen zu finanzieren – nicht sunnitische, sondern schiitische, die schließlich die Hisbollah bildeten. Die Hisbollah wurde von demselben General Soleimani aufgebaut, den Trump töten ließ. Und heute verbieten alle reichen Länder des Persischen Golfs ihren Bürgern, in den Libanon zu reisen, weil sie Sunniten und die Hisbollah, wie auch der Iran, schiitisch sind.

Man könnte sagen, sobald die Christen, die seinerzeit 30 % - 40 % der Bevölkerung Libanons ausmachten, das Land verließen, ging es mit dem Libanon bergab. Heutzutage bezieht Libanon 80 % seines Öls und ebenfalls 80 % seiner Lebensmittel aus dem Ausland. Und das Chaos, das im Land herrscht, spiegelt die Geschichte eines Schiffes wider, das beschlagnahmt wurde, und dessen Fracht man statt an Assad zu verkaufen einfach das ganze Schiff sinken ließ. Aber selbst das ging schief: Die monströse Explosion stürzte das Land in noch tieferes Chaos.

Übersetzung aus dem Russischen von Irina Korotkina

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