Auch in Algerien soll nach bewährtem Auslöschungsmuster die vor-islamische Kultur unterdrückt werden

Islamisten laufen Sturm gegen die Anerkennung der Sprache der Berber-Ureinwohner als neben der Kolonialsprache Arabisch zugelassene zweite Landessprache.

Von Stefan Frank

 

Eine Sprache der Berber-Ureinwohner soll als eine Landessprache Algeriens anerkannt werden. Islamisten laufen dagegen Sturm.

 

Im Vorfeld eines für den 1. November angesetzten Verfassungsreferendums in Algerien attackieren islamistische Parteien und Organisationen den Artikel 4 der vorgeschlagenen Verfassung, der Tamasirt zur offiziellen Landessprache erklärt. Tamasirt – international meist Tamazight geschrieben –, ist eine der Hauptsprachen der Berber bzw. Amazigh. Sie sind die Ureinwohner nordafrikanischer Länder wie Algerien, Marokko, Tunesien, Libyen, Mauretanien, Niger und Mali und lebten schon in der Region, ehe in der Antike Phönizier und Römer an der nordafrikanischen Mittelmeerküste siedelten und später – im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. – dann arabische Stämme einfielen.

 

Über die Zahl der Sprecher des Tamasirt gibt es keine verlässlichen Statistiken; Schätzungen gehen von 20 bis 30 Prozent der algerischen Bevölkerung aus, die meisten davon in der östlich von Algier gelegenen Küstenregion Kabylei mit den beiden Städten Tizi Ouzou (ca. 90.000 Einwohner) und Béjaïa (ca. 190.000 Einwohner). Dabei ist zu beachten, dass diejenigen, die eine Berbersprache sprechen, meist auch Arabisch und Französisch sprechen – oder eine Mischform aus den drei Sprachen.

 

Der Verfassungsentwurf, über den nun abgestimmt werden soll, war im September von beiden Kammern des Parlaments jeweils einstimmig verabschiedet worden. Im Lauf der knapp 60-jährigen Geschichte Algeriens als unabhängiger Staat führten die verschiedenen Präsidenten immer wieder neue Verfassungen ein. Das erste Grundgesetz nach der Unabhängigkeit, das 1963 verabschiedet wurde, erklärte Algerien zu einem Einparteiensystem, geführt von der „Nationalen Befreiungsfront“ (FLN). Es galt bis zu einem Militärputsch im Jahr 1965.

 

1976 wurde eine neue Verfassung eingesetzt, die Algerien zur sozialistischen Volksrepublik erklärte, wiederum mit der FLN als einziger zugelassener Partei. Nach den sogenannten Oktoberprotesten im Jahr 1988 – eine Reihe von blutigen Straßenkämpfen zwischen zumeist jugendlichen Regierungsgegnern und den Sicherheitskräften – gab es 1989 eine neue Verfassung, die Parteienpluralismus einführte und den Sozialismus aus der Verfassung strich. Nutznießerin des Pluralismus war die „Islamische Heilsfront“, die 1991 die erste Runde der Parlamentswahlen gewann, woraufhin das Militär putschte und die Verfassung außer Kraft setzte. 1996 wurde diese in revidierter Form wiedereingesetzt, Änderungen gab es 2002, 2008 und zuletzt 2016.

 

Bemerkenswert an dem islamistischen Widerstand gegen das jetzige Verfassungsprojekt ist, dass einige derer, die es wegen Artikel 4 ablehnen, selbst dem herrschenden Regime zugerechnet werden, das den Verfassungsentwurf vorgelegt hat. Im März 2019 hatte der damalige Präsident Abdelaziz Bouteflika nach Massenprotesten der Demokratiebewegung Hirak auf eine fünfte Amtszeit verzichtet. Doch die fünf Kandidaten, die von der Nationalen Wahlbehörde für die Präsidentschaftswahlen am 12. Dezember 2019 zugelassen wurden, waren alle früher Minister unter Bouteflika gewesen. Einer von ihnen war Abdelkader Bengrina, Vorsitzender der islamistischen El-Bina-Bewegung. So nahe er sonst dem Regime steht, ist er doch ein Gegner der vorgeschlagenen Verfassung, wie er im September erklärte:

 

„Algerien und die algerische Nation sind eins und vereint mit ihrer Geschichte, ihrem Schicksal, ihren Grenzen, ihrer Flagge, ihrer Religion und ihrer Sprache, der Sprache des Korans. […] Aus objektiven und verfassungsrechtlichen Gründen wird es in Algerien keine zweite Sprache geben.“

 

„Zeitbombe, die die nationale Identität bedroht“

Dabei steht Tamasirt in Wahrheit schon seit 2002 in der algerischen Verfassung. Damals ließ Präsident Bouteflika einen Verfassungszusatz einfügen: Zu Artikel 3, der Arabisch als „National- und Amtssprache“ festlegt, kam Artikel 3a, der besagt, dass „auch Tamasirt eine Nationalsprache“ ist, die vom Staat „gefördert“ wird.

 

2016 wurde Artikel 3a zu Artikel 4 und wesentlich erweitert: Tamasirt ist seither laut Verfassung neben Arabisch „gleichermaßen National- und Amtssprache“.

 

In der neuen Verfassung wird das wiederholt, was in der bisherigen steht, gleichzeitig aber wird der Artikel in den Rang der „unantastbaren“ Verfassungsbestimmungen erhoben, die auch bei einer zukünftigen Verfassungsreform nicht geändert werden dürfen. Insbesondere dieser Umstand – den Artikel in Zukunft nicht abschaffen zu können – bringt viele Islamisten auf.

 

Davor warnt etwa Abderrazak Makri, Vorsitzender der regimetreuen islamistischen Partei „Mouvement de la Société de la Paix“ (MSP). Die MSP ist mit der Muslimbruderschaft verbunden und gewann bei den Parlamentswahlen 2017 knapp 400.000 Stimmen, das sind 33 Mandate im 462 Sitze umfassenden Nationalparlament. Makri betonte, die Sprache müsse innerhalb des „natürlichen islamisch-arabischen Rahmens“ bleiben. Er will sie also höchstens dann akzeptieren, wenn sie in arabische Schriftzeichen transkribiert ist. Das traditionelle berberische Alphabet ist aber die auf die Antike zurückgehende Tifinagh-Schrift.

 

„Gehen Sie zu Millionen an die Urnen und stimmen Sie gegen diese Verirrungen, die sich auf Ihre Identität auswirken, zeigen Sie, dass die Mehrheit der Bevölkerung Interessengruppen überwinden kann“, rief Makri die Algerier auf. Die Bürger sollten „diese Orientierung, diese Verfassung und diesen säkularen Mainstream“ ablehnen.

 

Der Verband der Ulemas, der Religionsgelehrten, warnte, Artikel 4 sei eine „Zeitbombe“, die die „nationale Identität und die Stellung des Islam bedroht“.

 

Noch eine weitere islamistische Partei äußerte ihre Ablehnung des Verfassungsentwurfs: die 2011 von dem bekannten Salafisten und früheren Militanten Abdallah Djaballah nach dem Vorbild der türkischen AKP gegründete „Front de la Justice et du Développement“ (FJD oder El Adala), die bei den Wahlen 2017 knapp 240.000 Stimmen bzw. 15 Sitze gewann. Auch Djaballah warnte, „die Anerkennung einer anderen Sprache“ sei eine Gefahr „für die nationale Einheit “. Er behauptete sogar, „kein anderes Land der Welt“ habe mehr als eine Amtssprache. Das stimmt natürlich nicht. Fast jeder dritte Staat der Welt hat mehr als eine Amtssprache. Kanada hat zwei, Belgien drei, die Schweiz vier und Südafrika elf, um nur einige Beispiele zu nennen. Zudem unterstellte Djaballah, dass Tamasirt als Amtssprache ein „Manöver“ sei, um die arabische Sprache zu schwächen und das Französische zu stärken.

 

Jahrzehntelange Unterdrückung

Die Stellung der Berber gehört zu den wichtigsten ungelösten Konflikten in der algerischen Gesellschaft. Nach der Unabhängigkeit von Frankreich betrieb die herrschende Einheitspartei FLN eine Politik, Algerien zu einem Land mit einheitlicher Sprache (Arabisch) und einheitlicher Religion (dem Islam) zu machen, ohne Rücksicht auf die tatsächliche ethnische, religiöse und sprachliche Vielfalt. Die Sprache und sogar die Vornamen der Berber wurden verboten.

 

Um das Berber-Erbe zu bewahren, gründeten Künstler und Intellektuelle um den kabylischen Schriftsteller Mohand Arav Bessaoud 1966 in Paris die Berber-Akademie, die ein Jahr später in Berber-Versammlung umbenannt wurde und bis 1978 Bestand hatte. Paris gilt seither als das Zentrum der Bemühungen zur Pflege der Berbersprache und -kultur.

 

In Algerien selbst begann der Widerstand gegen die Unterdrückung der Berber vor 40 Jahren mit dem „Berberfrühling“ (Tafsut Imazighen). Nachdem die algerischen Behörden am 10. März 1980 eine in Tizi Ouzou geplante Lesung des Schriftstellers Mouloud Mammeri über alte Berberpoesie verboten hatten, kam es auf dem Campus, auf den Straßen von Tizi Ouzou, in anderen Orten der Kabylei und in der Hauptstadt Algier zu Protesten, der das Regime mit Gewalt begegnete.

 

1990 riefen Berber in der Kabylei einen Schulstreik aus, der das Schuljahr beendete und die Behörden zwang, das Lehren der Berbersprache in mehrheitlich von Berbern bewohnten Regionen zu erlauben. Dies gilt als der erste Erfolg der Berberbewegung in Algerien. Im April 2001 gab es in der Kabylei erneut Massenproteste („Schwarzer Frühling“), nachdem der 18-jährige Gymnasiast und Berber Massinissa Guermah auf einer Polizeiwache unter ungeklärten Umständen erschossen worden war. Berber-Demonstranten zogen nach Algier, wo es zu Auseinandersetzungen mit den dortigen Einwohnern und der Polizei kam. Um die Situation zu entschärfen und die Berber zu beschwichtigen, zog Präsident Bouteflika die Gendarmerie aus der Kabylei ab und nahm Tamasirt als Nationalsprache in die Verfassung auf. 2016 wurde auch die Gründung einer „algerischen Tamasirt-Sprachakademie“ als Ziel in die Verfassung aufgenommen; Experten dieser Akademie sollen laut Verfassung Vorschläge unterbreiten, wie der Rang des Tamasirt als Amtssprache „gefördert“ und „konkretisiert“ werden kann.

 

Bislang steht diese Akademie, wie so vieles in der algerischen Verfassung, allerdings nur auf dem Papier.

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