Churchill pfui, Marx hui!

Dass die Denkmäler linker Rassisten wie die von Karl Marx nicht angetastet werden, belegt einmal mehr, dass die BLM-Bewegung und ihre Sympathisanten nicht – wie sie behaupten – in erster Linie den Rassismus gleich welcher Couleur angreifen, sondern das Rad der Geschichte in Richtung des weltweit zu Recht gescheiterten Kommunismus zurückdrehen wollen.

Die Briten haben Churchill den Sieg über den Faschismus zu verdanken. Geschichtsunkundige Demonstranten wollen den früheren Premier nun auf Details seiner Biografie reduzieren.
© AFP

Von Roger Letsch

Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.

(Georg Santayana, spanischer Philosoph)

 

Fragen sie sich auch manchmal, warum so wenig Kunst aus vergangenen Zeiten auf die Nachwelt gekommen ist? Zerrt man diese nicht durch Zufall aus Jahrtausende alten und gut versteckten ägyptischen Gräbern wie Howard Carter, sind die Chancen gering, dass bedeutende Kunst und kaum weniger bedeutende Objekte des Alltags den Weg durch die Zeit unbeschadet bis zu uns überstehen. Geraubt, geplündert, eingeschmolzen, umgeformt. Verstreut, zerstört, verloren. Ganz zu schweigen von der Gewalt durch Kriege und religiöse Umwälzungen und der Ignoranz der Sieger in beiden Fällen. Die ägyptischen Pyramiden wurden ihres weißen Kalksteins entkleidet, um daraus Moscheen zu bauen. Die gebrannten Ziegel Babylons speichern heute die Wärme privater Kochstellen und das päpstliche Rom hatte keine Skrupel, den antiken Tempeln und Gebäuden Marmor und Bronze zu rauben, um damit Kirchen und Paläste auszustatten.

Es ist anzunehmen, dass der große Bernini, der Architekt des Petersplatzes, kein schlechtes Gewissen hatte, weil die Bronze für sein Baldachin-Ziborium im Petersdom aus der Decke der Vorhalle des Pantheons entnommen wurde. Warum ich ihnen das alles erzähle? Weil wir es im Westen zu einer Frage von Aufgeklärtheit, Bildung, Kultur, ja Zivilisation erklärt haben, die Zerstörung von Geschichte und deren Hinterlassenschaften für Barbarei und Frevel am Erbe der Menschheit zu betrachten und entsetzt aufschreien, wenn solches heute irgendwo auf der Welt geschieht. Dabei sind die Frevler, Zerstörer und Ignoranten mitten unter uns.

Die Archäologie als Wissenschaft und die Angewohnheit, Kunstgegenstände oder andere Objekte, die mit der Vergangenheit und deren Gestaltern in Berührung kamen oder in Beziehung stehen, in Museen zu zeigen oder auf Auktionen Höchstpreise dafür zu bieten, sind Erfindungen der Renaissance und der Aufklärung. Eine Ming-Vase, eine Gutenberg-Bibel oder ein Louis-seize-Sessel sind aus heutiger Sicht unpraktisch, ja nutzlos. Vielleicht, weil sie sich nicht per App steuern lassen. Doch ihr Wert bemisst sich ja nicht aus dem Porzellan, dem vergilbten Papier oder ein paar wurmstichigen Stücken Holz, sondern aus der Geschichte, die sie erzählen und der Unwahrscheinlichkeit, es durch die Zeiten bis zu ihren heutigen Besitzern und Bewunderern geschafft zu haben. Und doch sind wir immer noch und immer wieder in der Lage, Zeugnisse der Vergangenheit zu zerstören, wenn sie uns nichts mehr gelten oder wir glauben, uns von einer unliebsamen Vergangenheit zu befreien, indem wir deren Zeugnisse vernichten. Dieses „wir” ist natürlich die Menschheit als Ganzes. Doch jeder meiner Leser ist eingeladen, sich dieser destruktiven Gruppe in den beschriebenen Fällen nicht zugehörig zu fühlen.

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