Zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen

Wer die heutige Sicht Osteuropas auf die Welt verstehen will, darf die Leidensgeschichte dieser Länder nicht aus dem Blick verlieren. Der am 1. September 1939 begonnene Eroberungsfeldzug gegen Polen ist in die Geschichtsbücher als Beginn des Zweiten Weltkrieges eingegangen, und ebnete der Schoah, dem beispiellosen industriellen Völkermord an 6 Millionen jüdischen Frauen, Männern und Kindern, den Weg

Von Urs Unkauf

Am 1. September 1939 begann das nationalsozialistische Deutschland den Überfall auf Polen und löste damit den Zweiten Weltkrieg aus. Um 4.40 Uhr fielen die ersten deutschen Bomben auf die westpolnische Stadt Wielun und töteten dabei 1.200 Zivilisten. Jeder fünfte Pole verlor in diesem Krieg sein Leben. Polen war neben den heutigen Staaten Ukraine und Weißrussland das Zentrum jüdischen Lebens im östlichen Europa.

Nach den Zahlen des polnischen Instituts des Nationalen Gedenkens starben rund 3 Millionen polnische Bürger jüdischen Glaubens und 2,7 Millionen christlichen Glaubens unter der nazideutschen Gewaltherrschaft. Fünf Jahre nach dem deutschen Einmarsch waren von der jüdischen Bevölkerung Polens nur noch fünf Prozent am Leben.

Ein oft vergessener Aspekt der Geschichtsschreibung ist die Tatsache, dass Polen am längsten unter der nationalsozialistischen Besatzung zu leiden hatte und zugleich am 17. September 1939 in die Zange durch den Angriff der Roten Armee geriet. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder beschreibt in seinem 2010 erschienenen Buch „Bloodlands“ wie Polen, aber auch die Ukraine, Weißrussland und die baltischen Staaten zu den Hauptorten der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie und auch des Völkermordes am europäischen Judentum wurden. Diese „Räume der Gewalt“, wie der Berliner Historiker Jörg Baberowski einen solchen enthemmten Handlungskontext in seinem gleichnamigen einschlägigen Werk von 2015 anschaulich darlegt, haben die Bedingungen, unter welchen sich die Tyrannei der Nationalsozialisten entfalten konnte, erst mit geschaffen.

Frankreich und Großbritannien erklärten dem Deutschen Reich am 3. September 1939 den Krieg, unternahmen aber wenig, um das überwältigte Polen durch eigene Angriffe auf Deutschland von der Übermacht der deutschen Wehrmacht zu entlasten, obwohl dazu damals vertragliche Verpflichtungen bestanden. Für Polen begannen mit dem deutschen Angriff vom 1. September 1939 lange Jahre der Entbehrung und Zerstörung, von denen sich die polnische Nation bis heute nicht vollständig erholt hat.

Historische Fakten und politisches Gedenken stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander. Da wir die Geschichte stets aus dem Blick des Gegenwärtigen betrachten und einordnen, ergeben sich für jede Generation neue Blickwinkel auf dieselben Tatbestände. Daraus folgt auch, dass der Prozess des Erinnerns nur als ein solcher begriffen werden kann und die Erinnerung an das den Polen von deutscher Seite zugefügte Leid keinen Schlussstrich kennt. Da mit diesem Gedenken der etwa 60 Millionen Opfer fordernde Zweite Weltkrieg sowie der systematische Mord an den Juden Europas untrennbar verbunden sind, handelt es sich nicht nur um ein Schlüsselereignis der deutsch-polnischen Beziehungen, sondern um einen mahnenden Meilenstein von internationaler Dimension.

Die Einladungen zur zentralen Gedenkveranstaltung richtete die Regierung Polens aus diesem Grund an die Staatschefs der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, der NATO-Länder sowie die Mitglieder der „Östlichen Partnerschaft“. Auf dem Pilsudski-Platz in Warschau empfing Polens Präsident Andrzej Duda Vertreter aus mehr als 30 Ländern. Neben dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenski und dem amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence nahmen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel von deutscher Seite teil.

Die Namen der Vernichtungslager von Auschwitz, Majdanek, Treblinka, Sobibor und weitere bleiben untrennbar mit der nationalsozialistischen Okkupation Polens verbunden. Infolge der Schoah sowie auch der Eingliederung Polens in den sowjetischen Machtbereich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam es zu einer Auswanderung der wenigen überlebenden Menschen mosaischen Glaubens in die Vereinigten Staaten und in das damalige britische Mandatsgebiet „Palästina“.

Die Gründung des jüdischen Staates Israel auf seinem historischen Territorium im Jahre 1948 muss vor diesem Hintergrund eingeordnet werden.

Auf der Grundlage dieses historischen Blicks in die europäische Geschichte muss man umso kritischer auf das Verhalten einiger (vornehmlich west-)europäischer Politiker blicken, wenn es um die einseitige und unverhältnismäßige Verurteilung Israels in den Vereinten Nationen unsere Tage geht. In den Ländern Mittel- und Osteuropas wie Polen, Ungarn, der Tschechischen Republik und der Ukraine ist man sich der sich aus diesen Umständen ergebenden Konsequenzen für die Beziehungen zum jüdischen Staat heute bewusster als im Westen, wo gerne der toten Juden gedacht wird, während man die lebenden und selbstbewussten Bürger des jüdischen Staates mit Verachtung straft und jenen den massenhaften Einlass gewährt, die dies in eben diesen Gesellschaften noch vorantreiben.

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