Kasachstans Juden und die Beziehungen zu Israel

Über die Zusammenarbeit des zentralasiatischen Riesenstaates mit dem kleinen jüdischen Staat am Mittelmeer

Schimon Peres bei einem Besuch 2009 in der Hauptstadt Kasachstans.© S. FILIPPOV, AFP

Von Matthias Dornfeldt und Urs Unkauf

Als Nursultan Nasarbajew, erster Präsident von Kasachstan, am 19. März seinen Rücktritt während einer Liveübertragung im Fernsehen verkündete, ging im neuntgrößten Flächenstaat der Erde eine Ära zu Ende. Nasarbajew prägte die Geschicke Kasachstans seit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991.

Zwei Aspekte sind in der Rückschau auf diese Ära besonders hervorzuheben. Zum einen die regionale Integration Eurasiens in wirtschaftlicher und institutioneller Hinsicht. Dazu gehören die „Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit“ (SOZ), die über 40 Prozent der Weltbevölkerung repräsentiert (Mitglieder sind China, Indien, Pakistan und Russland sowie alle asiatischen GUS-Staaten außer Turkmenistan) und in der Israel einen Beobachterstatus anstrebt, sowie die „Eurasische Wirtschaftsunion“, deren Gründungsvater Nasarbajew ist. Unmittelbar nach dem Zerfall des Sowjetimperiums war es alles andere als selbstverständlich, dass sich die ihre wiedererlangte nationale Unabhängigkeit feiernden Nachfolgestaaten alsbald wieder an größeren politischen und wirtschaftlichen Zusammenschlüssen beteiligen.

Zweitens, und darauf fokussiert sich dieser Beitrag, ist es Nasarbajew gelungen, blutige Konflikte im Inneren zu vermeiden, was wiederum die Entstehung einer weitgehend friedlichen Gesellschaft zur Folge hatte. Dass davon insbesondere die jüdischen und christlichen Bevölkerungsminderheiten in dem mehrheitlich sunnitisch geprägten Land profitieren, spielt bei der ausländischen medialen Berichterstattung kaum eine Rolle. Weil Kasachstan jedoch – sieht man von den Spuren der einst blühenden jüdischen Gemeinde im usbekischen Buchara ab – zusammen mit Aserbaidschan zu den wenigen mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern gehört, in denen die jüdische Bevölkerung volle Rechte genießt und nicht in Angst leben muss, lohnt es sich das inner-kasachische Zusammenleben näher zu beleuchten.

Die ersten Spuren jüdischen Lebens im heutigen Kasachstan reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück, als jüdische Kaufleute aus Persien einwanderten. Das kasachische Judentum ist durchweg aschkenasisch geprägt und trotz des heute relativ geringen Bevölkerungsanteils von ca. 3.500 Personen im ganzen Lande präsent. Der frühere Bevölkerungsrückgang der jüdischen Gemeinde im fünfstelligen Bereich geht insbesondere auf die Phase des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der damit verbundenen Auswanderungswelle zentralasiatischer Juden nach Israel einher, die das Land ihrer Vorväter den Unsicherheiten der neuen Lebensbedingungen vorzogen – im Rückblick auf den Bürgerkrieg in Tadschikistan nicht ganz zu Unrecht.

1999 wurde mit dem „Allkasachischen Jüdischen Kongress“ ein Dachverband für die Gemeinden auf nationaler Ebene geschaffen. Heute arbeiten über 20 religiöse und kulturelle Einrichtungen in der jüdischen Traditionspflege – nicht nur in der Hauptstadt Nursultan (früher Astana, jetzt nach dem Vornamen des Ex-Präsidenten benannt), auch in anderen großen Städten wie Almaty, Aktöbe, Ksyl-Orda, Petropawlowsk, Schymkent und Taras. Die größte Synagoge Zentralasiens, Beyt Rahel – Chabad Lubawitsch, befindet sich in Nursultan und wurde 2004 eröffnet. Weitere restaurierte und teils mit Unterstützung des kasachischen Staates wiederaufgebaute Synagogen befinden sich in Almaty, Karaganda, Pawlodar und Ust-Kamenogorsk. Etwa 700 Schüler besuchen heute den Unterricht über jüdische Kultur und hebräische Sprache in den 14 jüdischen Schulen, die über das gesamte Land verteilt sind. Entlegene jüdisch geprägte Ortschaften werden in den Wintermonaten von der „Jewish Agency for Israel“, Chabad Lubawitsch und der Mizwa-Organisation mit Nahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs unterstützt. Antisemitismus ist in Kasachstan kein strukturelles Problem und die jüdischen Einrichtungen müssen anders als in Deutschland nicht Tag und Nacht von der Polizei geschützt werden. Die religiöse Radikalisierung und fundamentalistische Elemente werden von der säkularen Staatsführung konsequent bekämpft, auch den Einflüssen von aus dem Ausland operierenden Akteuren islamischer Radikalisierung wird somit der Nährboden entzogen.

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