Wolf Biermann und sein Problem mit Israel

Wolf Biermann, der einst mit der SED-Diktatur über Kreuz lag und lange als Freund Israels galt, fühlt sich nun bemüßigt, mit dem Zeigefinger auf Israel und seinen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zu deuten. Die „schlimmsten und gefährlichsten Antisemiten“ lebten „im Moment in Israel“ – und damit meint er allen Ernstes Netanjahu und seine Regierung. Abstruser geht es kaum, doch der Liedermacher legt hemmungslos nach, wirft ihnen Kriegsverbrechen vor und spricht mit Goethe von „Lemuren“, Totengeistern im Dienst des Teufels. Juden im Bund mit dem Satan – damit bedient sich Biermann aus der ältesten Requisitenkammer des Judenhasses. Man wünscht ihm, wie es bei uns Juden heißt, ein Leben bis Hundertzwanzig. Doch das Alter hat seine Tücken: Nicht jedem schenkt es Weisheit, manchem eher Verwirrung – und die wäre hier noch die gnädigste Erklärung. Eine bemerkenswerte Täter-Opfer-Umkehr: Nicht die antisemitische Hetze der Terror-Bande aus Gaza und ihrer Anhänger steht im Mittelpunkt seiner Kritik, sondern die Politik des jüdischen Staates. Die schlimmsten Antisemiten sind für ihn also nicht die Mörder vom 7. Oktober, sondern die Juden, die sich gegen sie wehren. Derselbe Biermann mahnte noch 2007: „Wenn Israel die Waffen niederlegt, wird es kein Israel mehr geben.“ Die Spätlese eines bewegten Lebens ist sauer geworden. Seine Biografie trägt Biermann dabei als moralische Autorität vor sich her, pünktlich zur Vermarktung seiner Tagebücher. Statt die Altersverirrungen des bald Neunzigjährigen mit Taktgefühl geradezurücken, bittet ihn die CDU-nahe Adenauer-Stiftung auch noch zur festlichen Filmpremiere zu seinem Geburtstag. Die Tagebücher heißen „Ihr löscht das Feuer mit Benzin“ – treffender hätte Biermann sein eigenes Interview nicht überschreiben können. (JR)

Von Julian M. Plutz

Das Leben von Wolf Biermann ist lange ein Leben von Widerstand und Repression gewesen. 1936 in Hamburg als Sohn eines kommunistischen Widerstandskämpfers geboren, verlor er in jungen Jahren seinen Vater, der von den Nationalsozialisten verfolgt und später in Auschwitz ermordet wurde. Als junger Mann ging Biermann 1953 voller Hoffnung in die DDR, zunächst überzeugt von der Idee eines besseren, sozialistischen Deutschlands. Doch aus der anfänglichen Begeisterung wurde sehr schnell eine bittere Enttäuschung: Seine kritischen Lieder und Gedichte machten ihn zum Feind der SED, seine Auftritte wurden verboten, seine Texte zensiert. Er wollte das Unmögliche, die Quadratur des Kreises: den Sozialismus verändern, wurde aber von jenem Staat ausgegrenzt, dem er einst seine Hoffnungen anvertraut hatte.

Hinter dem bockbeinigen Liedermacher steht aber auch ein Mensch, dessen Leben von Einsamkeit, Enttäuschung und seelischen Krisen überschattet wurde. Die Überwachung durch die Stasi, das Gefühl politischer Heimatlosigkeit und die Trennung von seiner künstlerischen und persönlichen Heimat belasteten ihn schwer. In einem aktuellen Film über den Künstler, bei dem skurrilerweise auch der jahrelange Staatsrocker und Merkel-Stan Campino mitwirkt, steht er vor den vielen Kisten mit seiner Stasi-Akte, mit Berichten und heimlich aufgenommenen Fotos. So etwas macht etwas mit jemandem.

Sie können diesen Artikel vollständig in der gedruckten oder elektronischen Ausgabe der Zeitung «Jüdische Rundschau» lesen.

Vollversion des Artikels

€ 1,75 inkl. MwSt.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Hier können Sie

die Zeitung abonnieren,
die aktuelle Ausgabe oder frühere Ausgaben kaufen
oder eine Probeausgabe der Zeitung bestellen,

in gedruckter oder elektronischer Form.

Vollversion des Artikels

€ 1,75 inkl. MwSt.
Zugang erhalten

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden