Wes Geistes Kind

85 Jahre nach dem Massenmord von Babij Jar erhebt die Ukraine mit einem neuen „Pantheon“-Gesetz ausgerechnet jene nationalistischen Verbände zu Helden, deren Angehörige mit den deutschen Besatzern kollaborierten und sich an der Ermordung Zehntausender Juden und Polen beteiligten. Während Yad Vashem alarmiert reagiert und Polens Präsident Karol Nawrocki Selenskyj den Weißen Adler entzieht, schweigen Bundeskanzler Merz, Außenminister Wadephul und die selbsternannten deutschen Wächter über Antisemitismus. Statt Konsequenzen zu ziehen, reist Berlin nach Kiew, verspricht neues Geld und finanziert damit die staatliche Verklärung von OUN und UPA. Wer daheim unter dem Schlagwort „Nie wieder“ politische Gegner belehrt, aber die Ehrung historischer Judenmörder bei einem Verbündeten beklatscht oder beschweigt, offenbart nicht nur seine Doppelmoral, sondern den vollständigen Bankrott seiner angeblichen Wertepolitik. (JR)

Von Dr. Rafael Korenzecher

Babij Jar, 29. und 30. September 1941: 33.771 Juden, erschossen in zwei Tagen. Mütter mit den Kindern auf dem Arm, an den Rand der Schlucht getrieben. Die Mordhelfer kamen auch aus den Reihen der ukrainischen Nationalisten von OUN und UPA.

Fünfundachtzig Jahre später erhebt die Ukraine genau diese Organisationen zu Nationalheiligen. Selenskyj unterzeichnete – passend zum Unabhängigkeitsjubiläum – das Gesetz über ein „Pantheon” der Helden, in dem auch die UPA geehrt wird, die Mörderbande von Wolhynien mit Zehntausenden jüdischen und bis zu hunderttausend polnischen Opfern. Er verlieh einer Eliteeinheit persönlich den Titel „Helden der UPA”. Man holte die Gebeine der OUN-Führer Melnyk und Konowalez mit militärischen Ehren heim – Melnyks Organisation stellte die Freiwilligen der Waffen-SS-Division „Galizien”. Bei einer der Zeremonien, in Anwesenheit des Präsidenten: das Asow-Milieu und ein Sänger, der den Holocaust leugnet

Yad Vashem ist „zutiefst beunruhigt”. Polens Präsident Nawrocki entzog Selenskyj den Weißen Adler. Und Berlin? Berlin reiste zum Gratulieren an. Außenminister Wadephul stand Tage nach der Gesetzesunterzeichnung in Kiew und versprach frisches Geld.

 

Fehlender Aufschrei

Kein Wort von Kanzler Merz. Kein Wort von Wadephul. Kein Wort von den Dauer-Bellizisten Strack-Zimmermann und Kiesewetter, die sonst zu jedem Thema ein Mikrofon finden. Kein Wort von Annalena Baerbock, die diese „wertegeleitete” Ukraine-Politik als Außenministerin erfunden hat und sich inzwischen auf den Präsidentenstuhl der UN-Generalversammlung fortbefördert hat. Und erst recht kein Wort von den Grünen-Vorsitzenden Brantner und Banaszak – einer Partei, die den Faschismus in jedem Wahlergebnis wittert, in jedem Stammtisch, in jeder Kritik an offenen Grenzen, nur nicht dort, wo er mit ihrer begeisterten Zustimmung und unserem Steuergeld in Stein gemeißelt wird. Frau Brantner fordert Taurus-Marschflugkörper als „Signal politischer Unterstützung”. Für wen, Frau Brantner? Für den Staat, der die Handlanger der SS gerade heiligspricht?

Eine politische Klasse, die über das Verbot der größten Oppositionspartei berät, weil sie „wehret den Anfängen” ruft, und die zugleich einem Staat Milliarden überweist, der Judenmörder auf den Denkmalssockel hebt: Das ist nicht Doppelmoral. Das ist die Bankrotterklärung jeder Moral.

Jeder Rülpser eines AfD-Hinterbänklers ist diesen Leuten und ihren Medien eine Brennpunkt-Sendung wert. Die staatliche Heiligsprechung von Judenmördern ist ihnen keine Zeile wert. Wer so gewichtet, hat über Antisemitismus nie wieder zu dozieren.

 

Bankrotterklärung westlicher Wertepolitik

Und dieselben Helden der Sonntagsrede, die den Mördern von gestern die Ehrung durchgehen lassen, finden gegen die Mörder von morgen keine Härte: Gegen Teheran, das die Vernichtung Israels offen betreibt, übt Berlin sich in Zurückhaltung – und mit Berlin fast das gesamte Westeuropa, dem die Juden gleichgültiger sind als jede Pipeline. Mutig gegen die Opposition daheim, devot vor den Mullahs, blind vor Kiew – das ist die ganze europäische Wertepolitik in einem Satz.

Man verteidige in der Ukraine „unsere Werte”, sagen sie. Welche? Wer Bandera und die UPA ehrt, verhöhnt die Toten von Babij Jar. Und wer das bezahlt, beklatscht und beschweigt, steht nicht auf der Seite der Opfer. Er steht dort, wo Deutschland schon einmal stand – nur diesmal mit besserem Gewissen und schlechterem Gedächtnis.

Nie wieder ist kein Feiertagswort. Es gilt auch, wenn die Mörder von einst auf der bequemen Seite der heutigen Front stehen.

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